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YouTubes Anti-Hass-Initiative geht nach hinten los

Helena Kaschel 21.09.2016

YouTube hat mit #NichtEgal eine deutschlandweite Initiative für Toleranz und Respekt sowie gegen Hass im Netz gestartet. 22 deutsche YouTube-Stars sind die Gesichter der Aktion. Auch in Schulen will die Videoplattform über Hate Speech aufklären. Doch die Kampagne kommt auf Twitter alles andere als gut an.

Der Shitstorm kam nicht überraschend. „Wir und die YouTuber, die sich an der Initiative beteiligen, müssen damit rechnen, dass so etwas passieren kann“, hatte Sabine Frank am Montag bei der Vorstellung der YouTube-Initiative #NichtEgal in Berlin gesagt. Frank leitet bei Google Deutschland den Bereich Regulierung, Verbraucher- und Jugendschutz. Mit ihr auf der Bühne standen die YouTuber Diana zur Löwen, die Space Frogs und zwei Mitglieder der Datteltäter sowie Vertreter der Partnerorganisationen, darunter die Bundeszentrale für politische Bildung

Deren Präsident Thomas Krüger ließ ebenfalls wissen, dass man mit Gegenwind rechne. „Aus meiner Erfahrung mit solchen Kampagnen kann ich sagen, dass man auf Shitstorms vorbereitet sein muss, insbesondere, wenn es einen Bildungsanspruch gibt, und es wichtig ist, Ressourcen bereitzustellen, um die Peers, mit denen man zusammenarbeitet, nicht zu verbrennen.“ Ziviles Engagement brauche öffentliche Unterstützung, so Krüger.

Genau diese öffentliche Unterstützung stößt auf Twitter momentan auf massive Kritik. Dass der Kampagnen-Hashtag #NichtEgal bei weitem nicht nur im Sinne des ursprünglichen Zwecks – anschreiben gegen Hassrede – genutzt wird, ist nicht überraschend. Hashtag-Kampagnen werden häufig gekapert und ad absurdum geführt, berühmte Beispiele sind #myNYPD oder #Obamacareisworking. Viele Twitter-Nutzer äußern aber auch sachliche Kritik an #NichtEgal. Und die dreht sich vor allem um die unklare, beziehungsweise nicht vorhandene Definition von Hassrede seitens der Kampagne. Einige Nutzer werfen den Organisationen der Initiative, die unter der Schirmherrschaft von Bildungsministerin Manuela Schwesig steht, Beschneidung der Meinungsfreiheit vor.

Ein Eigentor haben sich die Macher von #NichtEgal mit einem inzwischen gelöschten Tweet geschossen, in dem es hieß, Hass sei eine Straftat.

Der Shitstorm kam nicht überraschend. „Wir und die YouTuber, die sich an der Initiative beteiligen, müssen damit rechnen, dass so etwas passieren kann“, hatte Sabine Frank am Montag bei der Vorstellung der YouTube-Initiative #NichtEgal in Berlin gesagt. Frank leitet bei Google Deutschland den Bereich Regulierung, Verbraucher- und Jugendschutz. Mit ihr auf der Bühne standen die YouTuber Diana zur Löwen, die Space Frogs und zwei Mitglieder der Datteltäter sowie Vertreter der Partnerorganisationen, darunter die Bundeszentrale für politische Bildung

Deren Präsident Thomas Krüger ließ ebenfalls wissen, dass man mit Gegenwind rechne. „Aus meiner Erfahrung mit solchen Kampagnen kann ich sagen, dass man auf Shitstorms vorbereitet sein muss, insbesondere, wenn es einen Bildungsanspruch gibt, und es wichtig ist, Ressourcen bereitzustellen, um die Peers, mit denen man zusammenarbeitet, nicht zu verbrennen.“ Ziviles Engagement brauche öffentliche Unterstützung, so Krüger.

Genau diese öffentliche Unterstützung stößt auf Twitter momentan auf massive Kritik. Dass der Kampagnen-Hashtag #NichtEgal bei weitem nicht nur im Sinne des ursprünglichen Zwecks – anschreiben gegen Hassrede – genutzt wird, ist nicht überraschend. Hashtag-Kampagnen werden häufig gekapert und ad absurdum geführt, berühmte Beispiele sind #myNYPD oder #Obamacareisworking. Viele Twitter-Nutzer äußern aber auch sachliche Kritik an #NichtEgal. Und die dreht sich vor allem um die unklare, beziehungsweise nicht vorhandene Definition von Hassrede seitens der Kampagne. Einige Nutzer werfen den Organisationen der Initiative, die unter der Schirmherrschaft von Bildungsministerin Manuela Schwesig steht, Beschneidung der Meinungsfreiheit vor.

#Nichtegal auch,wenn öffentliche Institutionen de facto definieren, welche Aussagen OK sind&welche nicht-gerade in schwierigen Zeiten nicht! https://t.co/PiHQxrwSs5

— Johannes Boie (@johannesboie) 20. September 2016

Es ist mir #nichtegal, wenn eine Regierung die Bürger zum Mitgrölen tumber Parolen aufruft - auch wenn sie als Hashtag getarnt sind.

— Don Alphonso (@faz_donalphonso) 19. September 2016

Ein Eigentor haben sich die Macher von #NichtEgal mit einem inzwischen gelöschten Tweet geschossen, in dem es hieß, Hass sei eine Straftat.

Wenn schon ein bloßes Gefühl wie Hass strafbar sein soll ist das #nichtegal sondern gefährlich f. unsere freiheitl. Demokratie #kopfschüttel https://t.co/0NIrk932mQ

— Prof. Dr. Diringer (@Arnd_Diringer) 21. September 2016

Endlich ehrlich? Das ist, was @GoogleDE via #NichtEgal mit Hilfe von @bpb_de & @BMFSFJ in Schulen lehren will: Hass ist Straftat. #read1984 pic.twitter.com/JCnTkB8APz

— Dushan Wegner (@dushanwegner) 21. September 2016

Die ständige Gratwanderung zwischen der Sicherung von Meinungsfreiheit und der Bekämpfung von Hassrede ist inzwischen für alle sozialen Netzwerke eine große Herausforderung. Twitter musste sich jahrelang Untätigkeit im Angesicht diskriminierender Nutzer vorwerfen lassen, während Facebooks Umgang mit rassistischen Beiträgen zwischenzeitlich sogar zum nationalen Politikum wurde.

YouTube ist keine Ausnahme: 2014 entfernte das Videoportal 14 Millionen Inhalte, 2015 schon 92 Millionen. Passivität unter Nutzern sei ebenfalls ein Problem, sagt Sabine Frank, und zitiert eine Studie des Verbands für Internetwirtschaft, nach der nur 14 Prozent der 18-24-Jährigen aktiv gegen Hate Speech im Netz anschreiben.

Das soll die neue YouTube-Initiative ändern. Die erste Säule der Kampagne ist Öffentlichkeitsarbeit im Social Web: Ein eingängiger Hashtag, ein Promo-Video mit 22 deutschen YouTube-Stars, Präsenz auf allen Plattformen. Die Message: Hass im Netz ist nicht in Ordnung. So weit, so vorhersehbar. Interessanter ist die zweite Säule, die ebenfalls unter einigen Twitter-Nutzern auf Kritik stößt: Über die Online-Initiative hinaus setzt Youtube auch auf analoge Aufklärungsarbeit in Schulen. In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung, dem medienpädagogischen Programm Digitale Helden und dem Verein Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Dienstanbieter (FSM) plant YouTube bundesweit 200 Workshops für 6000 Schüler zu den Themen Counter Speech, Toleranz und Respekt.

Auch bekannte YouTuber sollen sich über Video-Appelle an die eigene Community hinaus in den Schulen engagieren. Schließlich müsse das Problem Hate Speech zu einer „gesamtgesellschaftlichen Diskussion“ führen, so Martin Drechsler von der FSM. „Blended Learning“, die Kombination aus Präsenzveranstaltungen in Schulen und Online-Lerninhalten, ist das Zauberwort.

Dabei setzt YouTube mit seinen Partnern auf einen Multiplikator-Effekt: Die Schüler sollen für die Thematik sensibilisiert werden und anschließend Gleichaltrige von einem respektvollen Umgangston im Netz überzeugen. Zwar sollen die Workshops bundesweit nur in 40 Schulen durchgeführt werden, aber YouTube hat mit seinen Partnern auch Unterrichtsmaterialien herausgegeben, die deutschlandweit von Lehrern genutzt werden können.

Dass man mit einer doch sehr pädagogisch daherkommenden Kampagne Hardcore-Trolle und Online-Glaubenskrieger kaum erreichen wird, ist Younés Al-Amayra von den Datteltätern bewusst. Das Berliner YouTube-Kollektiv setzt sich seit Mitte 2015 in satirischen Videos mit Islam-Klischees auseinander. Hass haben alle Mitglieder sowohl online als auch offline schon in verschiedenster Form erlebt. „Wir bauen mit dieser Initiative eher auf Prävention als auf De-Radikalisierung“, sagt Al-Amayra. „Wir wollen sowohl die Jüngeren erreichen als auch die, die bisher kaum Wissen oder eine Meinung zu dem Thema haben, sich aber – in Anführungsstrichen – eines Besseren belehren lassen wollen.“

Das Belehren könnte das größte Problem der Kampagne sein – oder ihr Erfolgsrezept. Denn vielleicht fällt die Hate-Speech-Aufklärung im Klassenzimmer – sollte sie trotz des aktuellen Shitstorms stattfinden – auf fruchtbaren Boden. Vielleicht sind es am Ende aber dann doch Superstars wie DagiBee und DieLochis, die das Steuer der Diskussions- und Kommunikationskultur herumreißen können. Denn was die wollen, ist ihren vielen Hunderttausend Abonnenten meistens: #nichtegal.

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