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Xing und Tichy: War die „Abstimmung mit den Konten“ hilfreich?

Johnny Haeusler 09.01.2017

Der Herausgeber von Xing News, Roland Tichy, verlässt das Business-Netzwerk, nachdem zahlreiche User wegen eines Hass-Textes auf seiner Website ihre Accounts gekündigt hatten. Unser Kolumnist fragt sich, ob das wirklich so toll ist, wie man zunächst meinen könnte.

Ich bin eigentlich gar nicht so wankelmütig, was Social-Media-Kanäle angeht. Vor einigen Jahren hatte ich zwar mal meinen Facebook-Account gelöscht (haha, Facebook-Acount löschen, haha), aber ihr wisst ja, wie das ist. Zum Jahresbeginn war ich mal wieder drauf und dran und wollte meinen Twitter-Account in die Tonne treten. Denn das Netzwerk kommt mir an schlechten Tagen vor, als hätte jemand das Trinkwasser vergiftet und dafür gesorgt, dass alle Nutzerinnen und Nutzer den Drang verspüren, sich nur noch möglichst abwertend gegenüber anderen zu verhalten.

Dann gleicht Twitter einem Schlachtfeld der Rechthaberei. Und ich hatte während dieser Tage ausgerechnet: Wenn ich seit 2007 im Schnitt täglich 20 Minuten auf Twitter war, dann habe ich bisher über 1200 Stunden oder 150 Arbeitstage oder 30 Arbeitswochen dort verbracht. Ein halbes Jahr also, auf eine Art. In der Zeit, in der andere Menschen Spielfilme drehen, habe ich dabei zugesehen, wie sich mir weitestgehend unbekannte Leute gegenseitig Rassismus vorwerfen.

Manchmal frage ich mich: Bin ich eigentlich bekloppt? Warum sollte es mich interessieren, dass mir weitestgehend unbekannte Leute diese Frage auf Twitter sofort mit „Ja“ beantworten würden? Meinungsfreiheit ist eine super Sache, aber glücklicherweise gibt es ja keine Pflicht, sich jeden Unfug anhören oder gar darauf reagieren zu müssen. Im Gegenteil, ich halte es sogar für einen riesigen Fehler, alles zu diskutieren. Wer beispielsweise ernsthaft mit jemanden diskutiert, der den Holocaust leugnet, sendet ein falsches Signal. Es gibt Dinge, die stehen einfach nicht zur Debatte. Und Versuche, das anzuzweifeln, sind nichts anderes als rechtsextreme Kommunikationsstrategie und somit eine Falle. Nun sind meine Überlegungen in Bezug auf Twitter eine persönliche Sache, denn ob ich Twitter benutze oder nicht, interessiert niemanden. Weder das Unternehmen noch irgendeinen Menschen.

Die Existenz des Textes hätte dem Magazin und seinem Herausgeber auf Dauer mehr Schaden zugefügt, als es die Xing-Aktion jetzt tut

Bei einem Geschäftsnetzwerk wie Xing sieht es hingegen etwas anders aus, wenn sich bemerkenswert viele – noch dazu für Premium-Accounts zahlende – Nutzerinnen und Nutzer verabschieden wollen. Schon seit über einem Jahr gibt es diesen Trend bei einigen Xing-Kunden, als Grund dafür wurde Roland Tichy als Herausgeber der Xing News angegeben. Denn Tichy gilt mit seinem eigenen Online-Magazin Tichys Einblick, für das mehrere Kolumnisten schreiben, als Journalist der neurechten Ecke.

Nun kam es in den vergangenen Tagen zu einem viel sichtbareren Protest in Form von Xing-Austrittsbekundungen, denn auf Tichys Website war ein Text des Autors Jürgen Fritz erschienen, in dem „grün-linke Gutmenschen“ als „geistig-psychisch krank“ pathologisiert wurden. Der Text mit dem Titel „Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten“ wurde von Roland Tichy zwar gelöscht (er bezeichnete die Veröffentlichung als falsch und bat dafür um Entschuldigung), doch er war in seiner kurzen Online-Zeit selbst denen zu viel, die zuvor vielleicht noch der Selbstbeschreibung von Tichys Einblick als „liberal-konservatives Meinungsmagazin“ geglaubt hatten. In den Sozialen Netzwerken wurden immer mehr Xing-Austritte verkündet – nicht ohne Wirkung, wie es scheint. Roland Tichy wird nicht weiter für Xing arbeiten.

Ein Teil von mir applaudiert diesem Beispiel, das man als „Abstimmung mit den Konten“ bezeichnen kann und das gezeigt hat, dass sichtbar viele Menschen rechtes Gedankengut nicht mitfinanzieren wollen. Ein anderer Teil von mir aber zweifelt auch an der Aktion, die Fragen zum prinzipiellen Umgang mit politischen Gegnern und vor allem anderen Netzwerken, Marken und Unternehmen aufwirft, deren Personal- (oder auch Finanzierungspolitik) wohl selten so klar ist wie im Beispiel Xing/Tichy.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Eigentlich wünsche ich mir, dass der Text bei Tichys Einblick noch immer online wäre. Selten hat ein Artikel so deutlich gezeigt, welch Geistes Kind manche „Liberal-Konservative“ tatsächlich sind, selten war eine Kolumne auf Tichys Seite so wenig verschwurbelt, nicht als „kontrovers“ und „journalistisch“ getarnt, sondern eindeutig menschenfeindlich und somit klar in ihrer wirklichen Gesinnung. Die Existenz des Textes hätte dem Magazin und seinem Herausgeber auf Dauer mehr Schaden zugefügt, als es die Xing-Aktion jetzt tut, und Roland Tichy weiß das. Die Löschung des Textes ist eine wirtschaftliche, die Kündigung eine strategische Entscheidung. Natürlich kann man argumentieren, dass das egal ist. Tichy ist bei Xing raus, der Text in seinem Magazin wurde nach massiven Protesten gelöscht, manche werden das als Erfolg bezeichnen.

Die Unterstützer von Tichy und noch wesentlich rechteren Medien jedoch werden sich in ihrem Weltbild bestätigt sehen, Roland Tichy als Märtyrer feiern, mal wieder „Rufmord“ und „Zensur“ krakelen und damit noch ein paar derjenigen auf ihre Seite ziehen können, die behaupten, man dürfe „in diesem Land“ eben nicht mehr „seine Meinung“ sagen. Die Mechanismen sind ebenso eingespielt und klar wie eigentlich langweilig.

Der an der Xing-Kündigungs-Aktion zweifelnde Teil von mir wünscht sich deswegen manchmal, dass die neuen rechten Medien noch viel freier drehen, als sie es jetzt schon tun. Er wünscht sich, dass die bürgerliche Tarnung immer weiter bröckelt, denn dadurch wird die nötige Widerrede und gegebenenfalls auch Strafverfolgung viel leichter.

Und vielleicht wird dann auch dem ein oder anderen Unterstützer klar, dass es sich bei vielen „konservativen Journalisten“, die sich angeblich für „Meinungsvielfalt“ einsetzen, um nichts anderes als Demagogen handelt, die aus Hass Geld machen wollen. Und das würde doch wirklich einiges ändern.

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