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Arbeitssimulatoren: Work hard, play harder

Florian Zandt 27.11.2017 Lesezeit 7 Min

Videospiele sind eine erholsame Freizeitbeschäftigung? Von wegen. Games wie der Landwirtschafts-Simulator oder der Fernbus-Simulator beweisen, Computerspiele können harte Arbeit sein.

Wenn die neue Version des Landwirtschafts-Simulators erscheint, freuen sich Pressevertreter. Eines der meistverkauften deutschen Spiele ist für Kritiker nämlich nur eine mittelmäßige Dienstleistungssoftware und damit ideal für einen Verriss. Dabei ist die Abneigung gegenüber der virtuellen Bestellung von Äckern überholt, denn schließlich entspringen die Arbeitssimulatoren, zu denen zum Beispiel auch der unterschätzte Fernbus Simulator oder weniger bekannte Titel wie der Seilbahn Simulator oder der Paketdienst Simulator gehören, einer äußerst noblen Ahnenreihe.

Bereits 1982 bringt der Flight Simulator den Spieler in ein virtuelles Cockpit, das so rein gar nichts mit Extravaganz und Verspieltheit zu tun hat – ganz ähnlich wie beim Landwirtschafts-Simulator, wo klassische Gameplay-Mechaniken wie Hüpfen und Erkunden kaum vorhanden sind. An Bord einer Cessna-Propellermaschine gilt es, die Navigationsinstrumente im Blick zu behalten, den Funkverkehr zu überwachen und Turbulenzen zu überstehen. Microsofts Flight Simulator 5.0 hat 1993 fotorealistische Instrumentenbretter und 256 Farben, der Flight Simulator 2000 bietet schließlich erkennbare Berge und Täler und lässt Spieler 20.000 Flughäfen weltweit anfliegen.

Als das Franchise von Microsoft 2012 eingestellt wird, entsteht eine Lücke im Bereich der realistischen Job-Simulatoren. Abstrahierte Städtebau- oder Politik-Simulationen können diese nicht füllen, denn sie zielen mit ihrer einfachen Spielmechanik auf ein traditionelles Gaming-Publikum. Der Schweizer Entwickler Giants Software hingegen geht einen anderen Weg. Schon seit 2008 veröffentlicht das Team aus Schlieren bei Zürich seinen Landwirtschafts Simulator, die Version von 2011 verdrängt in den ersten Verkaufswochen sämtliche andere PC-Titel aus den Charts. Und schon der Landwirtschafts Simulator 2013 verkauft sich plattformübergreifend zwei Millionen Mal. Laut Lead Artist Marc Schwegler sind unter den Käufern jede Menge echte Landwirte. Das hat einen einfachen Grund: „Viele Landwirte können sich die großen Maschinen, die sie in unserem Game lenken, im echten Leben nicht leisten“, erklärt Schwegler.

Während die einen Spieler sich also in einen virtuellen Ferrari setzen, Schrotflinten schwingen oder Traumtore schießen, finden andere ihre Erfüllung im Durchpflügen von Äckern – von den im Jahr 2013 vom Bundesverband Interaktive Unterhaltung e.V. (BIU) ermittelten knapp 26 Millionen Gamern hierzulande waren das immerhin 7,5 Prozent. Für den PC wurde der Landwirtschafts-Simulator in der ersten Woche nach der Veröffentlichung im Oktober 2016 über 200.000 mal verkauft, im Laufe des ersten Monats knapp 1.000.000 mal.

Für den Erfolg des Titels ist hierzulande der Publisher Astragon verantwortlich. Das in Mönchengladbach ansässige Unternehmen veröffentlicht zwar auch klassische Spiele wie Syberia 3 oder Yesterday Origins, hat seinen Erfolg aber den Alltagssimulationen zu verdanken. Neben dem Landwirtschafts-Simulator sind Polizei-, Jagd-, Frachtschiff-, Feuerwehr- oder Baustellen-Simulatoren Teil des Portfolios der Firma. „Virtuell, so oft die Aussage der Spieler, die im normalen Leben demselben Beruf nachgehen, geht es eben viel entspannter zu – man darf mal die Leitplanke mitnehmen oder über die Wiese abkürzen, den Acker kreuz und quer mähen oder mit dem Bus einfach eine Haltestelle verpassen, ohne dass es wirklich Konsequenzen hat“, erklärte Felix Buschbaum, Pressesprecher des Vertriebspartners rondomedia, 2010 der Computer Bild. „Daneben gibt es viele Spieler, die einfach mal Baggerfahren wollen. Und ob ich bei einem Event-Veranstalter 100 Euro hinblättere, um eine Stunde einen echten Bagger bedienen zu können, oder mir für 20 Euro unbegrenztes Baggerfahren virtuell ermögliche, da ist für viele die Entscheidung schnell gefällt.“

Geld zu sparen und sich endlich einen Kindheitstraum erfüllen zu können, das sind zwei wichtige Faktoren bei der Kaufentscheidung. Die meisten der Käufer sehen dann auch großzügig über schlechte Grafik und fragwürdige Physikeffekte hinweg, denn die wenigsten Astragon-Simulatoren sind mit einem im Vergleich zu anderen Spielen hohen Entwicklungsbudget oder dem Streben der Entwickler nach möglichst viel Realismus versehen. Für die Firma selbst ist das kein Problem: Mit impulsiven Otto-Einmalkäufern und der marktführenden Ackerbau-Simulation verdient das Unternehmen genug Geld. Die Hardcore-Pixel-Landwirte bleiben dem Landwirtschaftssimulator treu, und das liegt auch an der überaus aktiven Modding-Community, die sich auf Seiten wie modhoster.de, ls-network.de, ls-portal.eu oder dem eigens eingerichteten ModHub auf der offiziellen Homepage des Spiels austauscht. Fast täglich werden dort neue Karten, Oldtimer-Traktoren, Mähwerke und Anhänger veröffentlicht, die per Drag & Drop ins eigene Spiel übernommen werden können und von den Entwicklern aktiv unterstützt werden – eine derartige Offenheit findet man bei AAA-Produktionen selten.

Eine andere Nische bedient die Firma Aerosoft, die für Flugsimulatoren bekannt ist und ihren Firmensitz passenderweise im Flughafen Paderborn/Lippstadt hat. Der bekannteste Titel der Softwarefirma ist neben dem Fernbus Simulator allerdings OMSI 2 aus dem Jahr 2013, in dem Spieler Linienbusse durch Berlin-Spandau der 80er- und 90er-Jahre fahren dürfen. Auch für diesen Titel gibt es eine beachtliche Modding-Community, deren Arbeit durch einen inkludierten Streckeneditor seitens der Entwickler erleichtert wird. Das ist für Aerosoft im eigenen Interesse, denn eine engagierte Mod-Community sorgt zugleich dafür, dass das Spiel bekannter wird und somit für einen kontinuierlichen Nachschub an virtuellen Omnisbusfahrern.

Auch wenn sich ernstere Alltagssimulatoren vor allem in Deutschland gut verkaufen und die meisten Titel auch hierzulande entwickelt werden, verdingen sich auch internationale Entwickler als Kindheitswunscherfüller. Der Euro Truck Simulator 2 beispielsweise, entwickelt von SCS Software aus Tschechien, setzt Spieler hinter das Steuer von LKW, die ihre Fracht durch ganz Europa fahren müssen. Der Titel hat bei Steam 70.000 Bewertungen, davon 96 Prozent positiv, und wird seit fünf Jahren immer wieder mit zusätzlichen Inhalten erweitert.

Der japanische Zugsimulator Densha De Go! hingegen setzt in seinen seit 1997 regelmäßig für verschiedene Plattformen erscheinenden Versionen auf die realitätsgetreue Nachbildung von beliebten Pendlerstrecken, auch wenn das Gameplay eher einem Arcade-Titel als einer authentischen Simulation gleicht. Geht es um die satirische Aufarbeitung von Alltagssimulatoren, sind Entwickler aus dem englischsprachigen Raum die erfolgreichsten. Die erste öffentlichkeitswirksame Parodie auf Alltags-Sims ist der Surgeon Simulator von 2013. Darin werden die Tätigkeiten eines Chirurgen mit viel Humor und abgedrehten Werkzeugen zwischen Bohrmaschine und Zimmermannshammer angereichert.

Counter Fight ist eine bizarre Reise in die japanische Fast-Food-Kultur, in Octodad mutieren dank der eigenwilligen Steuerung und lachhaft guten Prämisse Alltagstätigkeiten wie Einkaufen, Essenszubereitung und Familienpflege zu extremen Herausforderungen und der 2016 erschienene VR-Titel Job Simulator ist so meta, dass es fast schon weh tut: In einer Zukunft, in der Roboter alle körperliche Arbeit übernommen haben, werden Spieler im Rahmen einer Simulation in die Rolle von Automechanikern, Schreibtischhengsten oder Köchen gesteckt, deren tatsächliche Berufsinhalte in höchstem Maße pervertiert und überzeichnet werden.

Vielleicht sollte man langsam anerkennen, dass die Alltagssimulatoren gerade aufgrund ihrer Vielfalt die Spielebranche bereichern. Die Simulationen haben ihre Daseinsberechtigung allein deshalb, weil sie durch ihre Einfachheit ein idealer Einstieg in die Welt der Computerspiele sind. Denn sie bieten Spielern einen einfachen Baukasten, in der er sich bewegen kann. Und das macht sogar eine Menge Spaß.

Florian Zandt kommt zwar aus der bayerischen Provinz, ist früher allerdings lieber Mofa statt Traktor gefahren. Beim Texten hat ihm das nicht wirklich geholfen, trotzdem bloggt er bei lostlevels.de über Games und schreibt im VISIONS Magazin über Musik.

Die erste Version dieses Artikels erschien bei WASD-Magazin.