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Chat-Duelle mit einer sowjetischen Super-KI

Michael Förtsch 15.09.2016 Lesezeit 4 Min

Der Informatiker Brad Becker war Mitentwickler von IBMs Künstlicher Intelligenz Watson. Nun hat er das Videogame KOMRAD geschaffen. Darin kommuniziert der Spieler mit einem vergessenen Militär-Supercomputer.

Die Szene erinnert mich an die ersten Minuten aus dem Film Matrix. Ein Messenger-Fenster poppt auf meinem Schirm auf. Mit einem „Hallo“ sucht ein Unbekannter den Kontakt zu mir. „Wer ist da?“, wähle ich aus zwei Antwortmöglichkeiten. „Ich kann es nicht riskieren, das zu sagen“, erwidert der Namenlose. Er behauptet, dass Kriminelle meine Identität, alle meine Accounts und damit mein Leben gekapert hätten.

Wer, was und wozu? Das sei alles sehr kompliziert, sagt er. Allerdings könne ich mir die digitale Freiheit zurückkaufen. Es gäbe gewisse Codes, die die Datendiebe haben wollten. Was für Codes? Und was hat der Namenlose davon, mir all das zu erzählen? Das sind nur einige der Fragen, die mir während der bizarren Unterhaltung durch den Kopf schießen. Dann verbindet mich der Unbekannte mit der Quelle, der ich die Codes entlocken soll.

Ein dunkler Schirm mit smaragdgrüner Schrift in 86-DOS-Ästhetik. Ein aus ASCII-Symbolen zusammengesetzter Stern. In seinem Zentrum in kyrillischen Buchstaben der Name K.O.M.R.A.D – ein 1985 in Betrieb genommener Supercomputer, eine von russischen Forschern entwickelte Künstliche Intelligenz. Nach dem Zerfall der Sowjetunion vergessen und von der Außenwelt abgeschottet. Konzipiert, um dem Volk des sozialistischen Staates zu dienen – es zu verteidigen. Als nach über 30 Jahren wieder jemand Kontakt aufnimmt, ist die KI überrascht und hat durchaus Redebedürfnis.

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KOMRAD ist ein Chatbot-Adventure, dass von Brad Becker entwickelt wurde. Bevor Becker 2015 das Videospielstudio Sentient Play gründete, war er Chief Design Officer von IBMs Künstlicher Intelligenz Watson. Und genau daraus zog er die Inspiration für sein Spiel.

„Ich habe bemerkt, dass Leute unweigerlich mit Watson reden und herumspielen wollen“, sagt Becker. Hinter den Konversationen in KOMRAD steckt jedoch keine komplexe, Watson-artige KI, sondern ein Skript mit vorgefertigten Dialogen, die dynamische Story-Verzweigungen ermöglichen. KOMRAD reagiert nicht nur auf aktuelle, sondern auf alle bisher getroffenen Entscheidungen und Antworten des Spielers, um den Fortgang des Abenteuers zu bestimmen. All das basiert auf Beckers Erfahrungen mit Watson und ähnlichen Projekten – auf der ganz eigenen Logik eines künstlichen Verstandes und seiner Art, Schlüsse zu ziehen.

Im Kern ist KOMRAD an Text-Adventures wie ZORK oder Stationfall angelehnt. Aber noch viel mehr an das preisgekrönte Chat-Abenteuer Lifeline, in dem der Spieler die einzige Kontaktperson für einen gestrandeten Astronauten ist. Genau wie diese Games findet KOMRAD allein auf textlicher Basis statt.

Subtil versuche ich zu Beginn, den Retro-Supercomputer auszuforschen. Doch der beweist Neugier und stellt Gegenfragen, auf die meist mit zwei vorgegeben Erwiderungen geantwortet werden kann – selbst tippen muss man also nicht. Die Repliken können ehrlich, ausweichend oder auch mal eine dreiste Lüge sein. Sie führen zu unterschiedlichen – teils interessanten, teils drastischen – Enden der Geschichte. Die Suche nach den Codes tritt schon bald in den Hintergrund.

Lange lässt sich KOMRAD trotz Debatten über Kommunismus, Kapitalismus und Humor nämlich nicht die schmerzliche Wahrheit verheimlichen: Das Land, dem er dienen und das er beschützen soll, gibt es schon lange nicht mehr. Währenddessen meldet sich abrupt der Namenlose zurück. „Was dauert so lange?“, will er wissen. „Hast du die Codes?“ Immer öfter fragt er nach, wird immer penetranter und hektischer, wie sich an den Das-Gegenüber-tippt-gerade-Icons im Messenger ersehen lässt.

Denn alles ist anders als eigentlich gedacht. Schon bald muss ich KOMRAD zur Flucht aus seinem Bunker verhelfen. Dazu muss sich der Uralt-Computer für Berechnungen und Datentransfers länger aus der Unterhaltung ausklinken – und meldet sich, wie eine Facebook- oder WhatsApp-Nachricht, via Push-Notification zurück.

Die Idee hinter KOMRAD ist nicht ganz neu und erinnert in Teilen stark an den Filmklassiker WarGames. Allerdings schafft es das Textspiel, Bilder im Kopf entstehen zu lassen, dank eingängiger Dialoge und einer simplen, aber überzeugend umgesetzten Inszenierung. Und allem voran gelingt es tatsächlich, zeitweise den Eindruck zu vermitteln, mit einem intelligenten Chatbot zu interagieren – oder gar einem realen Menschen.

KOMRAD ist für iPhone, iPad und Apple Watch verfügbar.