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So funktioniert Putins Troll-Armee!

Michael Förtsch 27.03.2015 Lesezeit 4 Min

Seit Monaten machen Gerüchte und Verschwörungstheorien die Runde, der Kreml würde eine Armee von Social-Media-Manipulatoren unterhalten. Gezielt würden diese in Kommentarspalten von Webseiten, in sozialen Medien und in Foren prorussische Propaganda verbreiten — und so das Meinungsbild verzerren. Jetzt hat einer von Putins Trollen ausgepackt und verrät, wie die Propaganda-Maschinerie funktioniert.

Eine Armee von professionellen Trollen, die von Puntins Garde aus dem Kreml gesteuert wird.

Spätestens seit der Ukraine-Krise und der Annexion der Krim tobt in russischen Medien und Netzwerken eine wahre Meinungsschlacht. Auf dem Facebook-Pendant VKontakte werden Putinkritiker bepöbelt und politische Diskussionsgruppen gestürmt. Auf Twitter hetzen Scharen von Usern gegen inländische wie auch westliche Medienanstalten, Zeitungs- und Fernsehredaktionen, die den russischen Kurs hinterfragten. Schubweise erreichen die Anfeindungen auch deutsche, französische, US-amerikanische und andere westliche Medien.

Viel zu gezielt und koordiniert wirkten diese Attacken auf Medienexperten, weswegen sich recht schnell die Theorie entwickelte, dass es sich dabei nicht um reale Nutzer, sondern digitale Propagandakrieger handle: Eine Armee von professionellen Trollen, die von Puntins Garde aus dem Kreml gesteuert wird.

 

Schon vergangenes Jahr legte ein Strategiepapier, das von der Gruppe Anonymous veröffentlicht wurde, nahe, dass die Troll-Armee nicht nur eine Verschwörungstheorie ist. Präzise werden in dem Papier Vorgaben und Kostenberechnungen für eine gewisse „Agentur für Internetanalyse“ angesetzt. Ihr Ziel: in Nachrichtenportalen, bei Online-Debatten und sozialen Medien zu provozieren und prorussischen Argumenten zur Oberhand zu verhelfen.

Zwei russischen Zeitungen, der Moi Rajon und der Nowaja Gaseta, gelang es nun, interne Dokumente zu beschaffen und Marat Burkhard, einen ehemaligen Kreml-Troll, zu einem Interview zu bewegen. Laut diesem handle es sich bei den Online-Propagandisten tatsächlich um eine regelrechte Armee.

Die Quote liegt bei 135 Kommentaren pro 12-Stunden-Schicht.

Wie das Reporternetzwerk Globalvoicesonline als auch das von der US-Regierung finanzierte Radio Free Europe beschreiben, habe Marat Burkhard zwei Monate bei der Agentur für Internetanalyse gearbeitet. Die sei in einem Bürogebäude in der Savushkina-Straße in Sankt Petersburg angesiedelt und werde über eine Holdinggesellschaft von Yevgeny Prigozhin betrieben, einem Freund Putins.

400 Mitarbeiter wären dort 24 Stunden pro Tag damit beschäftigt, über tausende Social-Media- und Foren-Accounts, Putin-freundliche Stimmung zu verbreiten. „Es gibt eine LiveJournal Abteilung, eine Nachrichtenabteilung, eine Abteilung wo Bilder und Grafiken gestaltet werden und eine in der Videos produziert werden“, beschreibt  Burkhard die Strukturen. Zudem sprechen Dokumente von  Personen, die die virtuelle Identitäten pflegen und von einer Fremdsprachendivision, die für ausländische Medien zuständig ist.

Was zu schreiben sei, wäre dabei vorgegeben und präzise choreographiert.

Die Mitarbeiter der Agentur arbeiten in 12-Stunden-Schichten für rund 600 Euro pro Monat. „Es ist eine wahre Fabrik“, sagt Burkhard. Der junge Russe selbst sei mit einigen Kollegen für Pro-Kreml-Kommentare in russischen Foren auf Gemeindeebene zuständig gewesen. Was zu schreiben sei, wäre dabei vorgegeben und präzise choreographiert.

„Einer von uns wäre etwa der Bösewicht, der dem Forum widerspricht und die Regierung kritisiert“, erklärt Burkhard. „Dann kommen zwei andere in die Debatte.“ Diese, so der Ablaufplan, würden den fingierten Kritiker mit Argumenten, Grafiken und Links widerlegen. Beispielsweise wurden zur Ermordung des Oppositionellen Boris Nemzov zwei spezielle Theorien befeuert. Der ersten Zufolge wurde Nemzov von einem ukrainischen Oligarchen ermordet, um die Putin-Regierung zu schädigen. Der anderen nach, sei es eine Tat von Nemzovs Gefolgschaft gewesen, um Proteste zu schüren.

Burkhard musste einmal über den US-Präsident Obama schreiben, der in Indien einen Kaugummi ausgespuckt hat.

Bei der Trollarbeit gibt es strenge Richtlinien zur Textlänge, Schreibweise und Aufbau. Ebenso existieren vorgefertigte Antworten sowie Schlüsselwörter, die je nach Thema Pflicht sind. Entspricht ein Text nicht den Vorgaben, wird er nicht verrechnet und damit nicht bezahlt — ähnlich gehe es auch den Mitarbeitern in der Grafik- und der Videoabteilung.

Gleichzeitig haben die Mitarbeiter harte Vorgaben zu erfüllen. „Die Quote liegt bei 135 Kommentaren pro 12-Stunden-Schicht“,  meint der Ex-Troll. „Das System ist sehr repressiv. Bist du eine Minute zu spät, gibt’s schon eine 500-Rubel-Strafe.“ Spaß gäbe es selten. So habe Burkhard einmal über US-Präsident Obama schreiben müssen, der in Indien einen Kaugummi ausgespuckt hat.

Letztlich sei all das absurd und furchtbar auslaugend, wie Marat Burkhard ausführt: „Du musst da sitzen, und endlos tippen und tippen.“ Er habe all das nicht lange ausgehalten und sei deswegen nach zwei Monaten gegangen.