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Diese Wissenschaftler ergründen unsere Träume

Bonnie Christian 04.08.2017

Träume wirken oft wie eine zweite Ebene der Realität. WIRED hat Wissenschaftler gefragt, warum Menschen träumen und welche Bedeutung das für ihr Leben hat. 

Um die Jahrhundertwende stellte Sigmund Freud die Theorie auf, dass Träume ein Fenster zu unserem Unterbewusstsein sind. Sie seien Wünsche, die wir im wachen Zustand haben, aber erst im Schlaf ausdrücken können. Seitdem haben Wissenschaftler gelernt, wie sie Träume erforschen und sogar erkennen können, wenn eine schlafende Person gerade träumt.

Dennoch gibt es noch unbeantwortete Fragen. Warum haben wir überhaupt Träume? Was symbolisieren sie? Wie können sie uns etwas über unser Leben verraten? WIRED hat mit dem Psychotherapeuten Dr. David Billington vom The Dream Institute und Dr. Francesca Siclari, Co-Autorin von The Neural Correlates of Dreaming, über das Träumen und dessen Bedeutung gesprochen.

Was sind Träume?
Träume sind ein bestimmter Bewusstseinszustand, eine Art Erfahrung, die jeder macht, der schläft. Dr. Siclari drückt es gegenüber WIRED so aus: „Wenn du träumst, fühlt es sich in vielerlei Hisicht so an, als wärst du wach. Du hörst Dinge, siehst Dinge, du hast Gefühle und das Erlebnis fühlt sich für dich echt an. Natürlich ist es rein imaginär, aber das Erlebnis ist real.“

Eine träumende Person kann an ihren schnellen Augenbewegungen erkannt werden, den rapid eye-movements, die der REM-Phase des Schlafs ihren Namen geben. Studien haben herausgefunden, dass die Hirnaktivität von Träumenden stark ansteigt. Allerdings findet eine ähnliche Aktivität auch außerhalb der REM-Phasen statt. Wie Siclari sagt, ist der Grund dafür noch nicht so gut verstanden und bedarf noch einer Menge Arbeit ihres Teams.

In einer ihrer Studien haben die Forscher herausgefunden, dass sich die niederfrequente elektrische Aktivität in der hinteren Hirnrinde verringert, wenn Probanden träumen – egal ob sie in der REM-Phase waren oder nicht. Dieser Teil des Gehirns wird mit räumlichen Vorstellungsvermögen und Aufmerksamkeit in Verbindung gebracht. Die Neurologen waren anhand der Hirnströme in dieser Region in der Lage, mit 92 prozentiger Genauigkeit zu erkennen, wenn ein Studienteilnehmer träumte.

Warum träumen wir?
In seinem Buch Die Traumdeutung hat Sigmund Freud die These aufgestellt, dass Träume unterbewusste Wünsche sind. Das wurde Jahrzehnte später als zu allgemein kritisiert, das „Warum“ steht also immer noch zur Debatte.

Billington sagt gegenüber WIRED, dass Träume streng genommen gar keine Funktion haben und nur ein Nebenprodukt anderer Hirnfunktionen seien, „wie etwa die ‘Bereinigung’ von Neuronen während des Schlafs.“

Es gibt aber auch andere Hypothesen wie die des Neuro- und Kognitionswissenschaftlers Antti Revonsuo. Dieser untersucht, ob Träume ein Weg des Gehirns sind, Überlebensszenarien während des Schlafs zu trainieren. „Der Körper bekommt die Ruhe, die er braucht und kann Simulationen ausführen, ohne ihn in Gefahr zu bringen,“ sagt er.

Ältere Erklärungsansäze sprechen davon, dass Träume von „woanders“ herkommen oder der Träumende „woanders“ hingeht. In der heutigen Zeit wird dieser andere Ort als Unterbewusstsein bezeichnet, das einen Einfluss auf das bewusste Selbst hat. „Das bedeutet vielleicht nur, dass man Erkenntnisse über aktuelle Probleme erlangt. So wie August Kekulés Traum über die Ouroborosschlange ihm geholfen hat, das Benzol-Atom darzustellen. Oder Träume helfen dabei, ein vergangenes Ereignis zu verarbeiten, so wie der Traum von einem verstorbenen Angehörigen Linderung verschaffen kann. Oder sie helfen, eine Entscheidung zu treffen,“ sagt Billington.

Warum wir träumen und wie wir von ihnen profitieren können, unterscheidet sich von Kultur zu Kultur. Die meisten Kulturen seien sich aber darin einig, so Billington, dass Träume uns „Hinweise über den Körper, die Seele und die Welt um uns herum geben.“ Er sagt, es gebe positive Korrelationen zwischen Wohlbefinden und lebhaftem Träumen. Wer oft und intensiv träumt, ist im Allgemeinen auch gesünder. In der Psychotherapie mit Träumen zu arbeiten, hätte auch einen positiven Effekt auf die geistige Gesundheit, so Billington.

Warum können wir uns nicht an alle Träume erinnern?
Manchmal erinnern sich Menschen detailliert und plastisch an ihre Träume, manchmal ist da nur ein Gefühl, das vom Traum übrig bleibt und dann gibt es auch noch diese Nächte, die scheinbar traumlos bleiben. Das ist ein Feld, mit dem sich Siclari jüngst beschäftigt hat. „Wir haben herausgefunden, dass ein bestimmtes Hirnareal aktiv sein muss, damit man sich an den Traum erinnert – wenn es inaktiv ist, erinnert man sich also überhaupt nicht,“ sagt sie.

Allerdings sei es im Allgemeinen etwas Gutes, dass sich Menschen nicht an alle Träume erinnern. „Wenn wir uns an alle Träume so erinnern würden als seien sie eine reale Erfahrung, würden wir irgendwann nicht mehr zwischen Realität und Traum unterscheiden können.“

Bedeuten Träume irgendetwas?
Billington ist der Meinung, dass die Bedeutung von Träumen immer subjektiv ist. „Wenn dir dein Traum etwas sagt, dann hat er auch eine Bedeutung. Inhaltsanalysen schauen sich weit verbreitete Motive an und können vielleicht allgemeingültige Bedeutungen ableiten. So weit sind wir aber noch nicht.“ In einer Studie von Nielsen und Powell von 2015 berichten Menschen von einem Zusammenhang zwischen bizarren und verstörenden Träumen und bestimmtem Essen. Allerdings gab es auch noch weitere Faktoren, die solche Träume beeinflussten. „Faktoren waren Schlafqualität, emotionaler Stress und schlechtes seelisches Wohlbefinden. Tatsächlich wurden gesunde Ernährung und lange Pausen zwischen den Mahlzeiten mit lebhafteren Träumen in Verbindung gebracht,“ sagt Billington.

Siclari und Billington sind beide der Meinung, dass die Erforschung von Träumen und was sie über das Unterbewusstsein verraten, auch eine Bedeutung für die Realität im Wachzustand hat. „Je mehr wir darüber erfahren, was das Bewusstsein im Traum ausmacht,“ sagt Billington, „desto mehr lernen wir auch über die Realität, in der wir leben.“

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED UK.
Das Original lest ihr hier.

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