/Business

Fabu will spielen / Free-to-Play ist die Pervertierung des Gamedesigns

Fabu 22.03.2016 Lesezeit 4 Min

Zeit kostet Geld. Das trifft besonders auf Free-to-Play-Spiele zu, die es heute zahlreich auf Smartphones und im Browser gibt. Unter dem Deckmantel vermeintlicher Kostenlosigkeit verbergen sich oft manipulative Gelddruckmaschinen. Unser Kolumnist Fabu rechnet mit einem Geschäftsmodell ab.

Als das Hamburger Unternehmen InnoGames im Februar stolz seinen Umsatzrekord für das Vorjahr verkündete, musste ich spontan an einen Artikel bei Gamasutra denken, der 2013 Aufsehen erregt hatte: Der Text kritisierte Free-to-Play-Games, also Spiele, die kostenlos heruntergeladen werden können, aber später Inhalte oder Zeitersparnis via kostenpflichtiger Mikrotransaktionen anbieten. Du möchtest keine vier Stunden warten, bis der Schweinestall in deiner virtuellen Siedlung bezugsfertig ist? Dann zahle 0,79 Euro. Es ist dir zu mühselig, den gehörnten Superkrieger in Titanrüstung freizuspielen? Dann zahle 1,99 Euro. Oder wie wäre es mit dem 10.000-Goldmünzen-Sorglos-Paket? Okay, das macht dann 99,99 Euro.

Fabu arbeitete zehn Jahre als Erzieher, bevor er sich als Blogger dem New Games Journalism verschrieb. Für WIRED denkt er darüber nach, was in der Videospielkultur falsch läuft.

Ich frage mich ernsthaft, über wie wenig ethisches Grundverständnis man verfügen muss, um derlei Methoden gutzuheißen. Oder wie man gar aktiv an der Erstellung und Verbreitung solcher Spiele mitwirken kann. Wer sich als Entwickler auf Free-to-Play-Modelle spezialisiert, handelt nicht aus Liebe zum Medium, sondern primär aus Liebe zum Geld. Unsinn? Na gut, für 2,99 Euro lasse ich mich vom Gegenteil überzeugen.

Man muss sich vor Augen führen, dass der klassische Free-to-Play-Titel auf dem Prinzip basiert, ein funktionierendes Gameplay nachträglich möglichst effektiv mit Stolperfallen und Kaufanreizen zu versehen. Hier gilt es exakt auszuloten, wann Konsumenten sich tief genug im Spielgeschehen befinden, um sich den Tätigkeitsrausch etwas kosten zu lassen. Idealerweise immer und immer wieder.

Ihr nennt das Finanzierungsmodell. Ich nenne es Pervertierung von Gamedesign. Wer gezielt Entscheidendes vorenthält, versteckt oder unzugänglich macht, um mehr Geld zu erwirtschaften, kann mir den Buckel runterrutschen. (Meinetwegen auch mit Schlitten, aber der kostet dann 3,99 Euro extra.)

Wer gezielt Entscheidendes versteckt, um mehr Geld zu erwirtschaften, kann mir den Buckel runterrutschen.

Fürsprecher argumentieren gerne damit, In-App-Käufe seien lediglich eine Option, jedoch keine Notwendigkeit. Fortschritt ließe sich ebenso auf Kosten von Fleiß und Zeit erspielen. Richtig. Wenn die Zeit aber künstlich in die Länge gezogen wird und der Spieler ständig zwischen Frustration und Bezahlung eines Geldbetrags abwägen muss, kommen psychologische Tricks zum Tragen, vor denen man nicht oft genug warnen kann.

Die Thematik ist aber noch deutlich komplexer. Erst kürzlich rief der Kinderpsychiater Tyler Schwarz Free-to-Play-Entwickler dazu auf, sich über mögliche Suchtgefahren im Klaren zu sein und verantwortungsvoller zu handeln. Das wäre wirklich wünschenswert, obwohl aus Branchensicht Quartalsrekorde vermutlich von höherer Relevanz sind. Die finnische Firma Supercell hat etwa mit ihren Hits „Hay Day“ und „Clash of Clans“ im letzten Jahr mehr als zwei Milliarden Euro eingenommen.

Natürlich ist nicht alles, auf dem Free-to-Play (F2P) steht, ethisch grenzwertig. Aber: Das eigene Produkt zu den wenigen Ausnahmen zu zählen, dürfte unter Entwicklern ebenso weit verbreitet sein, wie die Annahme (fast) aller Menschen, sie hätten Humor. Von außen betrachtet, vergeht einem da schnell das Lachen.

Natürlich ist nicht alles, auf dem F2P steht, ethisch grenzwertig.

Als Musterbeispiel für Fairness sei an dieser Stelle das Action-RPG „Path of Exile“ erwähnt, in dem optionale Käufe sich ausschließlich auf kosmetische Gegenstände und Effekte auswirken. Wird der Spieler hier in den Sog gezogen und zur Zahlung animiert, hat ihn in erster Linie das Gamedesign überzeugt. Psychologische Tricks waren dann nicht vonnöten. Mit diesem Geschäftsmodell lassen sich womöglich keine 100 Millionen erwirtschaften, aber immerhin kostet der Blick in den Spiegel dann nicht den Verstand.

Jetzt seid ihr an der Reihe. Kennt ihr weitere Spiele, deren Free-to-Play-Mechanik ihr als fair bezeichnen würdet? Oder findet ihr meine Abneigung total übertrieben? Lasst es mich bitte im Kommentarbereich wissen (jetzt für 9,99 Euro freischalten).