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Dieser Hacker schützte das Set von „Snowden“

Max Biederbeck 20.09.2016

Oliver Stone dreht einen Film über Edward Snowden und hat keine Ahnung: Überwachung, Exploits, Malware – damit hatte der Regisseur bislang kaum zu tun. Doch sein Biopic über den NSA-Whistleblower hat viele Feinde, das wusste er. Deshalb engagierte Stone einen Hacker, um sich und sein Werk zu schützen. WIRED hat mit ihm gesprochen.

In Hollywood nennen sie Ralph Echemendia den „Ethical Hacker“. Er selbst bezeichnet sich lieber als Experte für IT-Forensik. Echemendia spürte etwa schon Einbrechern hinterher, die Filme wie Twilight: Breaking Dawn oder Alben von Künstlern wie Eminem im Internet geleakt haben.

In den vergangenen zwei Jahren begleitete Echemendia den Film Snowden. Er setzte die Sicherheitsstandards für den Dreh um – und war auch für die technischen Inhalte des Biopics verantwortlich. Mit WIRED sprach er über die öffentliche Angst vor dem großen Leak, das Verhältnis zwischen Hackern und Hollywood und natürlich: über Edward Snowden.

WIRED: Wie groß war die Panik von Oliver Stone, als er dich anheuerte?
Ralph Echemendia: Ich war schon beim Projekt dabei, bevor Oliver und der Autor Kieran Fitzgerald überhaupt mit dem Script angefangen hatten. Es gab gerade die ersten Kontaktversuche zu Snowdens Anwälten nach Moskau und ich habe mich um die Kommunikation gekümmert. Oliver kannte sich nicht sonderlich gut mit PGP-Verschlüsselung aus. Ich half bei allen möglichen Vorsichtsmaßnahmen.

WIRED: Gegen die NSA?
Ralph Echemendia: Gegen alle, die an den Inhalten und der Planung des Films ein Interesse hatten. Das sind einige. Wir haben zu Beginng Olivers Büro und Zuhause nach Wanzen durchsucht und uns versichert, dass alles privat bleibt. Danach gab es zahlreiche Treffen mit Edward in Moskau – Kieran und Oliver kamen mit massenhaft Aufzeichnungen zurück.

Ich füllte überall dort die Lücken, wo Snowden nicht genug erklärt hatte

WIRED: Die du ihnen dann erst einmal in normale Nicht-Geek-Sprache übersetzen musstest?
Echemendia: Ich half ihnen dabei, aus den Dokumenten ein Script zu schreiben, ja. Ich füllte überall dort die Lücken mit meiner Expertise, wo Snowden nicht genug erklärt hatte.

WIRED: Wo zum Beispiel?
Echemendia: Es gibt eine Szene im Film, in der Snowden einen Aufnahmetest bestehen muss, um bei der NSA aufgenommen zu werden. Dafür habe ich viel Input gegeben. Beginnend damit, wie diese Räume in der Realität aussehen, oder auch wie Snowden es schaffen konnte, den Test in nur 38 Minuten zu bestehen.

WIRED: Er hat öffentlich nicht einmal erklärt, um was es in dem Test damals genau ging, oder?
Echemendia: Eben. Aber ich habe selbst lange als Ausbilder für die Regierung gearbeitet, ich konnte das ergänzen. Snowden musste ein Programm schreiben und hätte dazu am Ende einen zeitaufwändigen Backup machen müssen. Er programmierte aber einen Server, der diese Arbeit simultan übernommen hat. Das sparte ihm viel Zeit. Solche kleinen Details gibt es im Film viele, ich hab dabei geholfen, die Tech-Komponenten authentisch zu halten.

Ralph Echemendia hat Oliver Stone beim Dreh von „Snowden“ nicht nur vor Hackern beschützt, sondern ihn auch in technischen Fragen beim Drehbuch beraten

WIRED: Das macht dich zu einer Art Co-Regisseur.
Echemendia: Ziemlich verrückte Sache, aber ich war nicht der einzige. Es gab da diese zwei Berliner, die nur für die Bildschirme zuständig waren.

WIRED: Für die Bildschirme?
Echemendia: Normalerweise drehen Regisseure einen Film erst ab, die Bildschirme sind dabei nur Green Screens, auf die später Bilder projeziert werden. Die beiden Berliner, Henning und Damian, programmierten aber eigene Software für die Aufnahmen. Oliver wollte, dass die Schauspieler mit echten Computern spielten. Wenn sie Backspace tippten oder einen Buchstaben, dann sollte der Screen wirklich reagieren. Damit es echter wirkt.

Wir konnten jederzeit sehen, wann die Drehbuch-PDFs geöffnet, gespeichert oder abgelegt wurden

WIRED: Technische Beratung war die eine deiner Aufgaben, Verteidigung des Filmsets die andere.
Echemendia: Ja, das ging beim Drehbuch los, das mussten wir sicher an die Schauspieler senden. Wir haben deshalb die PDFs getrackt. Wir konnten jederzeit sehen, wann sie geöffnet, gespeichert oder abgelegt wurden. Von diesem Moment an behielten wir während des ganzen Snowden-Projekts jedes einzelne seiner digitalen Assets im Auge.

WIRED: Eine große Firewall rund um den Dreh.
Echemendia: Eine Plattform für sichere Kommunikation, die wir speziell für das Projekt designt haben. Wir haben jeden Chat und jeden Anruf der Crew abgesichert, wir haben die Daten von der Filmkameras verschlüsselt und sie in eine private und gesicherte Cloud hochgeladen.

WIRED: Im Grunde hat Oliver Stone wichtige Informationen also nur dir anvertraut. Hat den Rest der Crew dieses Misstrauen nicht gestört?
Echemendia: Nein, überhaupt nicht. Ich habe ihnen ja auch das ein oder andere beigebracht. Zum Beispiel viel zum Thema Social Engineering.

WIRED: Hackerangriffe, die die Schwachstelle Mensch ausnutzen.
Echemendia: Genau. Und wenn dann eine E-Mail oder ein Anruf von einem angeblichen IT-Berater kam, wusste jeder Bescheid: Da stimmt was nicht. Vom einfachen Crew-Mitglied bis zum Schauspieler.

WIRED: Gab es viele solcher Angriffe?
Echemendia: Die meisten kamen online, aber unser Sicherheitssystem hat gehalten. Da wollten Unbekannte herausfinden, welche Dateien wir genau abspeichern.

WIRED: Klingt nicht nach aufwändigen NSA-Spähversuchen
Echemendia: Nein, das glaube ich auch nicht. Aber die sind schon alle nicht froh über den Film. That’s a given.

WIRED: Heutzutage muss sich anscheinend wirklich jede öffentliche Instanz vor Hacker-Angriffen fürchten. Nicht nur Militärbasen, Anti-Doping-Behörden oder politische Parteien – nun sogar auch das Set eines Kinofilms.
Echemendia: Das ist die Entwicklung der Stunde. Früher haben Unternehmen es nicht einmal öffentlich gemacht, wenn sie jemand gehackt hat. Heute gehört das zu den täglichen Nachrichten. Angriffe führen zu riesigen Daten-Desastern und jeder spricht von den darauf folgenden Leaks. Gleichzeitig reichen die Informationen aber nicht aus, damit sich die Leute wehren können.

WIRED: Der Code dahinter bleibt eben zu kompliziert.
Echemendia: Ich glaube, das ist die falsche Einstellung. Erstens, es hilft viel, auch nur einige Basics zu kennen. Zum Beispiel, was Social Engineering bedeutet. Zweitens wissen Menschen zwar, wie sie ihr iPhone benutzen, aber nicht was es tut. Darum geht es mir auch in meiner sonstigen Arbeit: Ich will den Menschen die Entscheidungsmacht zurückgeben.

Ich kam an dieses 300-Millionen-Dollar-Set und es gab niemanden, der für die IT-Sicherheit zuständig war

WIRED: Wie?
Echemendia: Man muss kein Programmierer sein um zu sehen, da passiert etwas auf meinem Telefon, das nicht passieren soll. Und sobald man das verstanden hat, kann man die Kommunikation eines solchen Programms unterbinden. Ich arbeite gerade an einer App, die das bewerkstelligen soll und die Prozesse unserer Smartphones – den digitalen Fußabdruck – für deren Besitzer überwachen soll.

WIRED: Klingt nach einem zweiten Standbein, falls das mit Hollywood doch nichts wird?
Echemendia: Ich bin ziemlich sicher, dass Hollywood immer mehr Leute wie mich brauchen wird.

WIRED: Weil es mehr Hackerangriffe gibt?
Echemendia: Und weil es zu wenige Verteidiger wie mich gibt. Als ich zu den Ermittlungen der Twillight-Leaks gerufen wurde, hat mich das umgehauen. Ich sollte als Forensiker herausfinden, was genau passiert ist und wer für die Leaks verantwortlich war. Ich kam also an dieses 300-Millionen-Dollar-Set und es gab niemanden, der für die IT-Sicherheit zuständig war. Später kam dann heraus: In ganz Hollywood gibt es keine Berater in diesem Bereich. Das wird sich nach allem, was passiert ist, schnell ändern.

WIRED: Auch Dank Snowden?
Echemendia: Dank ihm wissen jetzt alle: Das passiert wirklich. Wir alle können ausspioniert werden. Das will auch der Film noch einmal klar machen – ohne zum trockenen Technik-Unterricht zu verkommen.

Ob Oliver Stone das mit „Snowden“ gelungen ist, lest ihr in unserer Filmkritik.

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