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Wird Kleidung aus Algen der nächste Fashion-Trend?

Karsten Lemm 27.03.2018 Lesezeit 6 Min

Textilien stecken voller Chemie, und der Anbau von Baumwolle verschlingt enorme Ressourcen. Das Berliner Startup Algalife hat sich Stoffe und Farben auf Algenbasis als Lösung einfallen lassen – und gehört damit zu den Gewinnern beim Global Change Award. Der Wettbewerb soll der Modebranche helfen, sich zum Besseren zu wandeln.

Nach der Uni führte Renana Krebs ein Leben, von dem viele Modefans träumen: Als Designerin bei einem süddeutschen Bekleidungshersteller reiste sie von einer Fashion Show zur nächsten, flog um die Welt, um sich inspirieren zu lassen, Lieferanten zu treffen, immer nah am Puls der Trends zu bleiben. Nur: Glücklich machte sie dieses Leben nicht. Im Gegenteil.

„Mir wurde klar, was wir der Umwelt und den Menschen, die unsere Kleidung herstellen, alles abverlangen“, sagt Krebs, heute 32. „Und ich wusste: Es reicht nicht, hier und da ein wenig zu verändern. Was wir brauchen, ist eine Revolution in der Textilindustrie, um das Geschäft mit Mode nachhaltig zu verändern – in unserem eigenen Interesse.“

Mit ihrer Firma Algalife will Krebs helfen, diese Revolution anzustoßen: In mehrjähriger Forschung hat die Israelin, die in Berlin lebt, ein Verfahren entwickelt, um Stoffe und Textilfarben aus Algen zu gewinnen. Die Patentanmeldung läuft, und eine Partnerfirma in Israel, die bisher Seetang für Nahrungsmittel züchtet, will im nächsten Jahr die ersten Kleidungsstücke herstellen – eine Unterwäsche-Kollektion hat Krebs bereits entworfen.

Algalife-Gründerin Renana Krebs erklärt, wie sie Textilfarben auf Algenbasis entwickelt hat

„Aus Algen können wir Textilien gewinnen, die den Körper nicht nur beschützen, sondern auch mit Nährstoffen versorgen“, erklärt Krebs. Bisher passiert oft das Gegenteil: Über die Haut gelangen Chemikalien, die zum Färben der Kleidungsstücke genutzt werden, in den Körper; viele davon stehen im Verdacht, die Gesundheit zu schädigen.

Auch Label wie „Öko-Tex“, die unbedenkliche Inhaltsstoffe garantieren sollen, bedeuten nicht unbedingt, dass Kunden mit gutem Gewissen shoppen können. Denn die Herstellung von Kleidungsstücken verbraucht enorme Ressourcen: Für ein einziges T-Shirt zum Beispiel sind 2700 Liter Wasser nötig. Dazu kommen Dünger für Baumwollpflanzen und über 30 Kilogramm CO2-Ausstoß bei Produktion und Verarbeitung.

Ähnlich schlecht für die Umwelt sind Synthetik-Stoffe wie Polyester, Polyamid und Elasthan, die ein weiteres Problem mit sich bringen: Bei jeder Wäsche brechen winzige Kunstoff-Fasern ab und werden als Mikroplastik-Partikel ins Wasser gespült, von Fischen gefressen und über Nahrung vom Menschen wieder aufgenommen. (Der „Guppyfriend“-Waschbeutel, in Berlin erfunden, soll solche Partikel zurückhalten.)

Blick ins Labor: Algen können auch anders, als nur grün sein

Keines dieser Probleme plage Textilien auf Algenbasis, betont Krebs: Ein T-Shirt von Algalife würde bei der Herstellung lediglich 500 Liter Wasser verlangen – also weniger als ein Fünftel der bisherigen Menge – und keinerlei Einsatz von Dünger. Zusätzlich haben Algen den Vorteil, dass sie sehr schnell wachsen und dabei auch noch CO2 in Sauerstoff verwandeln. „Wir werden wird es uns ökologisch gar nicht mehr leisten können, Kleidung aus Baumwolle herzustellen“, glaubt Krebs, „weil wir Land und Wasser dazu brauchen, immer mehr Menschen zu ernähren. Das verlangt völlig neue Visionen für die Zukunft der Textilindustrie.“

Genau darum geht es auch bei dem Global Change Award der H&M-Foundation, der in der vorigen Woche in Stockholm verliehen wurde: Der Wettbewerb – finanziert von einer gemeinnützigen Stiftung des schwedischen Modehändlers – belohnt Gründerinnen und Gründer, die der Textilindustrie neue Impulse geben, um die Branche stärker in Einklang mit Umwelt und Gesellschaft zu bringen.

Auch ein Gewinner: Das MycoTEX-Material von Neffa wird aus Pilzzellen gewonnen und ist biologisch abbaubar.

Den Hauptgewinn von 300.000 Euro erhielt das US-Startup Circular Systems, das Agrar-Abfälle zur Herstellung von Biostoffen nutzt: So entsteht aus Pflanzen wie Zuckerrohr, Hanf oder Ananas das Rohmaterial für Kleindungsstücke der Zukunft. Mit dem zweiten Preis wurde die Idee von Swerea ausgezeichnet, Mischgewebe, das aus Baumwolle und Polyester besteht, auf umweltfreundliche Weise in seine Bestandteile zu zerlegen, damit es wiederverwertet werden kann.

Algalife erhielt – gemeinsam mit Resortecs aus Belgien und Neffa aus den Niederlanden – den dritten Preis: Jeweils 150.000 Euro, um vielversprechende Ideen in Firmen und Produkte zu verwandeln, die tatsächlich etwas ändern können.

Im Algalife-Labor hängen Teststreifen mit Textilfarben, die aus Algen gewonnen werden.

Für Renana Krebs heißt das im ersten Schritt, Textilhersteller zu finden, die ihre Naturfarben zum Kolorieren herkömmlicher Stoffe einsetzen möchten. „Das Gute ist, man braucht keine speziellen Maschinen oder Prozesse“, erklärt die Jungunternehmerin. „Wir tauschen lediglich die Substanzen aus.“ Auch wenn Zellulose dabei Chemie ersetzt, seien die Textilien genauso gut waschbar wie herkömmlich gefärbte, versichert Krebs: „Wir sind noch am Testen, aber unsere bisherigen Ergebnisse sind sehr vielversprechend.“

Im zweiten Schritt sollen dann Stoffe folgen, die aus Seetang gewonnen werden. „Es gibt Tausende geeigneter Algen-Sorten, die wir kultivieren können“, erklärt Krebs. „Man braucht im Grunde nur Wasser und Licht.“ Um Verunreinigungen auszuschließen und den Prozess so umweltschonend zu gestalten wie nur möglich, will Algalife die Pflanzen grundsätzlich züchten, nicht aus dem Meer gewinnen.

Die größte Herausforderung für Krebs ist Geld: Damit ihr Startup wachsen und wirklich die Welt verändern kann, braucht sie Kapital. Die 150.000 Euro Preisgeld aus Stockholm sind ein hübscher Bonus, doch nötig wären ein paar Millionen, um weitere Tests zu finanzieren, Mitarbeiter einzustellen und mit der Produktion von Farben und Stoffen zu beginnen.

Eine weiteres Problem ist der Preis des Neuen: Zumindest am Anfang werden Kleidungsstücke auf Algenbasis mindestens 50 Prozent teurer sein als herkömmliche. „Das ist derzeit noch ein Nachteil“, gibt Krebs zu. „Aber in der Massenproduktion würde der Preis schnell fallen und vergleichbar werden mit anderen Textilien.“

Die Marktführer in der Bekleidungs-Industrie sind Milliardenunternehmen mit weltbekannten Marken.

Deshalb hat die ehemalige Modedesignerin auch nicht vor, ihr eigenes Label zu gründen: Das wäre zu klein gedacht, sie wäre damit nur ein Nischenanbieter von vielen. „Wenn man wirklich etwas ändern will“, sagt Krebs, „muss man mit den Großen zusammenarbeiten“ – einem weltweiten Großkonzern wie H&M etwa: Die schwedische Modekette verkaufte im vergangenen Geschäftsjahr Kleidung für mehr als 24 Milliarden Dollar.

Dass ihre Idee bei Juroren des Global Change Award so gut ankam, gibt Krebs Hoffnung, auf dem richtigen Weg zu sein. „H&M hat die Möglichkeit, weltweit etwas zu bewegen“, sagt sie. „Ich weiß jetzt definitiv, dass wir Fortschritte machen und unser Potential ausschöpfen können.“ Schon die Aufmerksamkeit, die der Preis dem Startup bringt, hilft: „Wir bekommen jetzt schon Anfragen von Firmen, die mit uns zusammenarbeiten wollen“, erzählt Krebs. „Es ist schön zu sehen, dass Leute bereit sind umzudenken.“