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Hinter den Kulissen von Viktoria Modestas transhumaner Bühnenshow

Anna Schughart 30.05.2016

Der Auftritt von Viktoria Modesta war eines der Highlights beim Music Tech Fest in Berlin. In nur wenigen Tagen haben Künstler aus ganz unterschiedlichen Ländern eine interaktive, transhumane Bühnenshow auf die Beine gestellt. WIRED war hinter der Bühne die ganze Zeit dabei.

Irgend etwas musste ja schief gehen. Viktoria Modesta steht auf der Bühne, die Anfangssequenz ist vorbei, jetzt sollte eigentlich ihr Song „Counterflow“ beginnen. Doch in der dunklen Betonhalle bleibt es still. Am Bühnenrand sucht Tracy Redhead hektisch auf ihrem Computer nach dem richtigen Song, fügt ihn in ihr Programm ein und spielt ihn dann ab. Aus den Boxen hallt der Sound, Viktoria beginnt zu singen. Redhead atmet durch.

So eine Panne sollte nicht passieren. Denn eigentlich hätten Fehler – etwa der falsche Track im System – bei der Probe auffallen müssen. Doch die gab es nicht. Deshalb ist es schon fast ein Wunder, dass bei diesem ersten Auftritt von Viktoria Modesta auf dem Music Tech Fest so viel funktioniert. Überhaupt ist es beeindruckend, was die Gruppe hinter dem Spektakel in so kurzer Zeit erreicht hat.

Das Music Tech Fest hat 30 Künstler aus der ganzen Welt nach Berlin eingeladen. Sie bringen alle einen unterschiedlichen Hintergrund mit, manche kommen aus dem Bereich Musiktechnologie, andere machen Mode, dabei sind auch Musiker und Tänzer. Sie kannten sich vorher nicht und sollen im Performance Lab – organisiert von Peter Kirn und Jasmine Idun Isdrake – zusammen in verschiedenen Gruppen jeweils eine Performance erarbeiten. Das Motto: „transhuman“. Und wer würde dazu besser passen als Viktoria Modesta – eine Ikone der Transhumanität?

Viktoria Modesta ist Singer-Songwriterin und „Bionic-Artist“. Sie fordert mit ihrer Arbeit immer wieder Grenzen heraus – vor allem, wenn diese sich darum drehen, was man mit einer Behinderung vermeintlich tun und was man nicht tun kann. Viktorias linker Unterschenkel ist amputiert. „Ich fand das immer faszinierend: Andere Menschen entscheiden deshalb, wer du bist oder was du erreichen kannst, während du selbst noch so jung bist. Ich dachte immer: Ihr seht es nur einfach nicht. Ich sehe Dinge, die weit darüber hinaus gehen“, erzählt Modesta. „Ich bin fest entschlossen, eine andere Realität zu erschaffen und zu zeigen, dass nichts dauerhaft und identitätsstiftend ist.“

So kann Viktoria Modestas Prothese Mensch und Technik eins werden lassen und mittels Technologie die Grenzen der Menschlichkeit erweitern. Auf dem Music Tech Fest Berlin verschwimmen diese Grenzen an vielen unterschiedlichen Punkten. Viktoria Modesta wird zu einer Frau aus der Zukunft, um die es auch in ihrem Song geht.

Ich bin fest entschlossen, eine andere Realität zu erschaffen und zu zeigen, dass nichts dauerhaft und identitätsstiftend ist.“

Viktoria Modesta

Es ist Donnerstagnachmittag, vier Uhr. Wer zu den Lab-Teilnehmern will, muss eine dunkle Treppe hinauf. Die „absorption chamber“ oder auch „secret chamber“, der Ort, an dem gearbeitet und am Samstag auch performt werden soll, heißt so, weil man einen Ort dieser Größe hier oben gar nicht vermuten würde. Es ist ein roher Raum. Die meiste Zeit stand er leer. Graue Betonsäulen rahmen eine große Bühne ein, Fenster gibt es nicht, das Licht kommt von ein paar Bauscheinwerfern. Jeder Schritt wirbelt Betonstaub auf, schwarze Kleidung ist am Ende des Tages von einem grauen Schleier bedeckt.

Mehrere Teams arbeiten hier, die größte Gruppe an Viktoria Modestas Performance. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen haben alle unterschiedliche Ideen von dem, was sie gerne zum Auftritt beitragen wollen. Nur in einem Punkt sind sich alle einig: Das ist verrückt. Wir haben extrem wenig Zeit, um das zu schaffen.

Das Team Viktoria Modesta am Ende des Performance Lab.


In einer Ecke hocken Tracy Redhead, Jonathan Rutherford, Maya Benainous und Cyril Laurier (Hand-Coded) auf altmodischen, braunen Sesseln um einen Tisch herum. Die vier arbeiten am wichtigsten Element von Modestas Show, sie sind für die größten Teile der Bühnenperformance zuständig. Benainous kümmert sich zum Beispiel um die Lichtprojektionen, bei Redhead läuft dagegen alles zusammen, was mit dem Sound zu tun hat. Jetzt müssen sie sich nur klar darüber werden, welche Elemente sie wie einsetzen wollen. „Bis jetzt haben wir eigentlich nur ein Brainstorming gemacht“, sagt Maya Benainous und hebt ihren Laptop hoch: „Da ist noch gar nichts.“

Naja, ein bisschen ist da schon was. Benainous zeigt, in welche Richtung ihre Lichtprojektion gehen soll: Auf ihrem Bildschirm sieht man einen Hasen, der wie bei Malen nach Zahlen aus einzelnen hellen Punkten besteht. Wenn sie mit der Maus darüber fährt, wirbeln die Punkte durcheinander, die Hasensilhouette löst sich auf. Wenn Benainous dieses Prinzip auf die Struktur des Raumes überträgt, dann könnte Viktoria Modesta – wie der Mauszeiger – Einfluss auf die Punkte nehmen. Außerdem hätte Benainous gerne, dass sich die Lichter der Musik anpassen und auf den Beat und die Stimmung eingehen. Redhead arbeitet unter anderem daran, dass Modesta mit ihrem Bein und ihrer Hand die Musik beeinflussen kann. Wenn sie zum Beispiel mit der Prothese aufstampft, soll das ein Geräusch erzeugen.

Tracy Redhead versucht, die Daten von Viktorias Gehirn zu empfangen.

Zu diesen Ideen kommen außerdem noch die Projekte, mit denen sich die anderen Lab-Teilnehmer beschäftigen: Durch Gedankensteuerung soll Viktoria Modesta die Musik und das Licht beeinflussen können, sie soll ein interaktives Kostüm und ein interaktives Haut-Display tragen und eine LED-Röhren-Installation, die sich mit Sensoren steuern lässt, während des Songs aktivieren. Die Frage ist nur: Wie passen alle diese Elemente zusammen in eine kohärente Performance? Soll alles gleichzeitig passieren? Geht das überhaupt? „Wir haben noch viel Arbeit vor uns“, sagt Maya Benainous. Es wird eine lange Nacht.

25 Stunden später gibt es einen Plan. Die Gruppe versammelt sich um ein Plakat und bespricht, wie der Auftritt ablaufen soll: Jede Technologie bekommt ihren eigenen Moment, darin sind sich alle einig. Außerdem möchten sie Modestas Auftritt gerne in zwei Hälften aufteilen. Während der ersten Phase, „awakening“ genannt, wird Viktoria Modesta durch Technologie zum Leben erweckt. In dieser Phase kann sie zum Beispiel durch Konzentration die Musik hochfahren und die Farben der vier Leuchtsäulen hinter sich verändern. Außerdem entdeckt sie ihre Gliedmaße und welche Kräfte in ihnen stecken: Eine zusammengeballte Faust gibt ein „Zing“, stampft sie mit ihrer Prothese auf, ertönt ein dumpfes Kratz-Geräusch. Das Ganze soll sich immer weiter steigern. Anschließend wird Viktoria „Counterflow“ singen. So ist jedenfalls der Plan. „Wir brauchen unbedingt noch einen Plan B“, sagt jemand aus der Gruppe. Alle nicken.

Am Freitag trifft sich das Team am späten Nachmittag zu einer Besprechung: Wie soll die Performance ablaufen?

Am Tag der Performance – Samstag – ist Viktoria Modesta morgens eine der Ersten. Über Nacht hat sich viel getan. Ein kleines Podest ist am Rand der Bühne aufgebaut worden, darauf vier Lichtsäulen, darüber hängt die Installation aus LED-Röhren und davor ist ein transparentes Tuch gespannt. Modestas Kopf wird gerade verkabelt, da kommt auch der Rest der Gruppe hinzu. Jetzt wird es ernst. Es ist elf Uhr, noch zweieinhalb Stunden bis zum ersten Auftritt.

Alle scheinen zehn Dinge gleichzeitig zu machen. Maya Benainous feilt an den Übergängen zwischen den einzelnen Phasen, die Kostümbildnerin schneidert das Korsett, die Stylistin bügelt den weißen Body. Xin Liu und Katia Vega vom MIT Media Lab arbeiten daran, Modestas Haut zu einem Bildschirm umzufunktionieren, den Viktoria mit besonderen Fingernägeln und einer Halskette kontrollieren kann. Dazu verwenden sie Silikon-Prothesen, die normalerweise für Make-Up genutzt werden. Katia spricht deshalb auch von „beauty technology“.

Am Samstagmorgen wird Viktorias Kopf verkabelt. Im Hintergrund arbeiten alle konzentriert, um rechtzeitig fertig zu werden.

Tracy Redhead kümmert sich derweil darum, die Geräusch-Samples fertig zu kriegen, die Sensoren zum Laufen zu bringen und die Daten aus Modestas Gehirn zu empfangen. „Ich kann nicht glauben, dass wir das jetzt machen. Normalerweise würden wir so etwas drei Tage vorher ausprobieren“, sagt Redhead. Trotzdem bleiben alle ruhig, auch wenn sich abzeichnet, dass es mit einer Durchspielprobe nichts wird – schon so startet die Show fast eine Dreiviertelstunde zu spät.

Dementsprechend läuft auch nicht alles rund. Viktoria Modesta trägt weder ihr Bühnenoutfit noch ihre besondere Glitzer-Prothese oder das Haut-Display. Das Licht macht auch nicht immer, was es soll. Der zweite Durchlauf läuft deutlich besser, auch wenn die Zuschauer zusehen, wie zwei Helfer letzte Arbeiten am Podest verrichten.

Dann, beim dritten Auftritt, sitzt endlich alles. Die Show fängt stimmungsvoll an, die Lichter leuchten im richtigen Moment, der Sound stimmt, Modestas Kostüm leuchtet, ihr Bein glitzert – selbst der Song setzt rechtzeitig ein. Als Viktoria Modesta die Show beendet, sind alle stolz und erleichtert. Modesta strahlt, Applaus. Sie haben es geschafft.

„Es war eine echte Herausforderung, aber wir wurden mit einem tollen Ergebnis belohnt. Es ist unglaublich, was wir alle zusammen erreicht haben“, sagt Redhead. Morgen will sie erst mal ganz lange ausschlafen.

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