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Jimmy Wales will mit dem Wikipedia-Prinzip den Journalismus retten

Greg Williams 25.04.2017 Lesezeit 4 Min

Die Community hat Wikipedia groß gemacht, nun soll sie dem Journalismus helfen. Jimmy Wales, Gründer der Online-Enzyklopädie, startet mit Wikitribune ein Nachrichtenportal – als Waffe gegen Fake News und „alternative Fakten“.

Jimmy Wales will etwas gegen die massenhafte Verbreitung von Falschinformationen tun, die sich als Nachrichten tarnen. Der Wikipedia-Gründer startet eine Community-getriebene Online-Nachrichtenplattform: Wikitribune basiert auf einem Hybridmodell, bezahlte Journalisten sollen mit einem großen Netzwerk aus Unterstützern zusammenarbeiten. „Wir wollen etwas von der faktenbasierten, faktenprüfenden Mentalität, die wir von Wikipedia kennen, in den News-Betrieb bringen“, sagt Wales.

Die Seite soll über eine Crowdfunding-Kampagne finanziert werden, die heute startet und auch die Größe des anfänglichen Wikitribune-Teams bestimmen wird. „Menschen haben sich in den vergangenen 100 bis 500 Jahren nicht wesentlich verändert“, sagt Wales. „Menschen haben ein Verlangen nach qualitativ hochwertiger Information.“ Er beschreibt die redaktionelle Kernmission seiner Plattform mit den Worten „Fakten zählen“ und glaubt, dass die Seite in der Lage sein wird „eigene Berichterstattung und investigativen Journalismus“ zu betreiben.

 

„Am wichtigsten ist es, Journalisten ein Einkommen zu verschaffen und rauszugehen und Geschichten zu recherchieren“, sagt Wales. „Eine Sache, bei der die Community helfen kann, ist herauszufinden: Was wissen wir und was nicht? Was sind die Dinge, die wir wissen müssen? Dann denken viele Gehirne darauf herum und diskutieren, welches Puzzlestück es wert ist, weiter verfolgt zu werden.“

Wikipedia steht auf Platz 5 der meistbesuchten Websites der Welt, umfasst 41 Millionen Artikel in fast 300 Sprachen und verzeichnet rund 17 Milliarden Seitenbesuche im Monat. Seit dem Start vor 16 Jahren hat Wales ein Verständnis dafür entwickelt, wie Communities und Freiwilligen-Netzwerke durch gemeinsame Projekte und Interessen zusammengeschweißt werden können. Er glaubt, dass Wikitribune „in so vielen Sprachen und so schnell wie möglich“ einem ähnlichen User-zentrierten Modell folgen wird, das die Journalisten der Plattform zu ihren Themen und Geschichten führt.

„Wenn eine Community die Arbeit anleitet und wir Menschen haben, die monatlich bezahlen, können wir rechnen und zum Beispiel sagen, bei dieser und jener Zahl von monatlichen Unterstützern können wir einen weiteren Journalisten anstellen“, sagt Wales. „Das heißt, wenn eine Gruppe will, dass wir für ein bestimmtes Thema einen Journalisten anheuern, was immer das sein mag, dann können wir das tun.“

Wales ist davon überzeugt, dass Programmatische Werbung ein „Race to the Bottom“ befördert hat, in dem viele Medienunternehmen untragbar werden, weil die Produktion von Nachrichten zu teuer wird. Laut der Organisation Digital Content Next gingen 90 Prozent des Wachstums in den digitalen Werbeeinnahmen im Jahr 2015 an Google und Facebook. Technologiefirmen also, die nicht in Journalismus investieren, aber eine große Rolle bei der Verbreitung von Falschinformation rund um die jüngsten Wahlen in westlichen Demokratien gespielt haben. Dieser Wandel bedeutet, dass die Verlage mit neuen Erlösmodellen experimentieren müssen, etwa Display-Werbung zugunsten von Abonnements aufgeben, die Usern Material über verschiedene Plattformen hinweg zugänglich machen.

Wenn wir News mit Community-Beteiligung machen, sollte das auch mit Community-Beteiligung finanziert werden

Jimmy Wales, Gründer von Wikipedia und Wikitribune

Als gefeierter Tech-Unternehmer wäre es für Wales ein Leichtes gewesen, das Kapital für Wikitribune von Investoren zu bekommen. Doch er sagt, er fühle sich wohler damit, die Plattform über ein Community-Modell zu finanzieren. Weil so zum einen niemand Kapitalerträge verlange und weil es zum anderen mehr mit dem Paradigma von Wikipedia im Einklang stehe. „Das fühlt sich einfach richtig an“, sagt Wales. „Wenn wir News mit Community-Beteiligung machen, sollte das auch mit Community-Beteiligung finanziert werden.“

Wales sagt, er habe schon länger über Wikitribune nachgedacht, mit dem Wahlsieg von Donald Trump sei die Umsetzung dann in greifbare Nähe gerückt. Der Wikipedia-Gründer wollte sich mit einem Urteil über den neuen US-Präsidenten eigentlich 100 Tage lang zurückhalten, aus Achtung und einem Sinn für Fairplay heraus, den guten Willen des frischgebackenen Staatsoberhaupts vorausgesetzt. Seine Geduld hielt bis 48 Stunden nach der Amtseinführung, als eine von Trumps Beraterinnen in der Sonntagmorgen-Show Meet the Press auftrat, um die Zahl der Menschen zu diskutieren, die bei der Inauguration in Washington gewesen waren. „Es war, als Kellyanne Conway ‚alternative Fakten‘ sagte“, erzählt Wales. „Ich dachte nur: ‚Fuck it, das kann ich nicht ertragen. Wollt ihr mich verarschen? Wir müssen was dagegen tun!‘“

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.uk
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