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Wikipedia schließt fünf feministische Autoren aus, weil sie den Artikel zu GamerGate bearbeitet haben

Dominik Schönleben 30.01.2015

Unter dem Hashtag #GamerGate ließen frauenfeindliche Gamer ihren Unmut über die Spielebranche aus — und beleidigten und bedrohten dabei mit unmenschlicher Härte erfolgreiche Frauen der Spielerszene. Erneut zum Konflikt kam es nun durch einen Vorfall bei Wikipedia, der Online-Enzyklopädie, deren Autoren und Administratoren immer noch zum Großteil aus Männern bestehen — viele von ihnen selbst Gamer.

Jeder kann auf Wikipedia Beiträge bearbeiten. Vor kurzem eskalierte ein sogenannter Edit-War bei einem Artikel, der den Hashtag und Begriff der GamerGate-Debatte erklärt. Die feministischen Gegner von GamerGate scheinen diesen Kampf auf der Wikipedia verloren zu haben: Fünf von ihnen wurden nicht nur davon ausgeschlossen, den Artikel über GamerGate zu bearbeiten, sondern auch von allen Artikeln, die sich mit Geschlecht oder Sexualität im weitesten Sinne beschäftigen, wie der Guardian berichtet. Was hier verhandelt wird, ist die Gleichberechtigung von Frauen sowie die politische Dimension von GamerGate.

Mehr über Wikipedia auch in der WIRED-Germany-Reportage: Alles muss rein.

GamerGate-Anhänger bezeichneten die ‚Five Horsemen‘ als Störenfriede, die Wikipedia ihre Agenda aufzwingen wollen.

Immer wieder hatten Anhänger von GamerGate versucht den Text auf Wikipedia zu ihren Gunsten zu verändern. Fünf Autoren von Wikipedia versuchten daraufhin, die dort immer wieder auftauchenden Denunzierungen zu entfernen. Sie wurde von den GamerGate-Anhängern schon bald als die „Five Horsemen of Wikibias“ bezeichnet. Beführworter von GamerGate betrachteten die feministischen Autoren als Störenfriede, die Wikipedia ihre Agenda aufzwingen wollten. Sie reichten Beschwerde beim Wikipedia Arbitration Committee ein. Einer aus 14 Personen bestehenden Gruppe, die darüber abstimmt, ob Nutzern das Editieren bestimmter Teile von Wikipedia verboten wird oder diese sogar ganz von der Seite ausgeschlossen werden.

Die aus mindestens elf Männern bestehende Gruppe habe den GamerGate-Advokaten recht gegeben, schreibt der ehemalige Wikipedia-Autor Mark Bernstein in seinem Blog. Das Arbitration Committe habe mit dieser Aktion gezeigt, dass diese ihre eigene Seite gestalten dürften und Feministen in der Enzykopädie nicht erwünscht seien. Die „Five Horsemen“ wurden in einer vorläufigen Entscheidung nicht nur vom GamerGate-Artikel ausgeschlossen, sondern von allen feministisch relevanten Artikeln. Bei der finalen Entscheidung wurde dem Autor Ryulong sogar jegliche weitere Mitarbeit an Wikipedia für immer untersagt. Wohingegen die Bannings von zwei der „Five Horsemen“ herabgestuft wurden. Welches Geschlecht die fünf bekanntenWikipedia-Autoren besitzen, ist nicht klar.

Das Wikipedia-Komitee weist alle Vorwürfe zurück, eine Position im GamerGate-Skandal beziehen zu wollen.

NorthBySouthBaranof, einer der „Five Horsemen“, löschte daraufhin die Angaben auf seinem Wikipedia-Profil und ersetzte sie mit der Nachricht: „Ein Projekt, das Autoren bestraft, die den guten Namen von lebenden Menschen und ihre Reputation vor bösartigen Internet-Trollen verteidigen, hat es nicht verdient zu überleben.“ Diese Nachricht hinterließ auch der Wikipedia-Nutzer Ryulong auf seinem Profil, bevor er endgültig ausgeschlossen wurde. Neben den prominenten „Five Horsemen“ gab es 22 weitere Autoren die vom Arbitration Committee geprüft wurden. Sieben, die als Befürworter von GamerGate gelten sollen, wurde auch bestraft. Doch im Gegensatz zu den feministischen Autoren, soll es sich laut Mark Bernstein vor allem um Wegwerf-Accounts gehandelt haben. Nicht um über die Jahre aufgebaute und gepflegte Profile, wie bei den „Five Horsemen“.

Das Wikipedia-Komitee weist alle Vorwürfe zurück, mit seiner Entscheidung eine Position im GamerGate-Skandal beziehen zu wollen. In ihrer Urteilsbegründung verweisen die Mitglieder darauf, dass ihre Entscheidung sich nicht auf den Inhalt des GamerGate-Artikels bezieht, sondern allein auf das Verhalten der User. Wikipedia selbst bezeichnet die Handlungen seines Arbitration Committees als angemessen. Die mediale Berichterstattung über das Banning sei völlig überzogen, schreibt Wikipedia auf seinem Blog. Es seien sogar 150 weitere User, die gerade vom Komitee evaluiert würden, es habe sich nicht um einzelne User gehandelt, die man extra herausgepickt habe.

Das dahinterliegende Problem ist der Editing-Prozess auf Wikipedia. Falls es zu einem Edit-War kommt, ist eine Taktik von Autoren, andere unliebsame Autoren eines Artikels so lange zu provozieren, bis diese von sich aus über die Grenze der definierten Regeln treten. Dann können diese Nutzer gemeldet und ausgeschlossen werden. Dabei versuchen die provozierenden Autoren natürlich selbst stets, auf der von Wikipedia definierten Grenze zu tanzen. Oder greifen auf sogenannte Wegwerf-Accounts zurück. Da das für die Ausschlüsse zuständige Komitee nicht über Inhalte, sondern über Formen von Verhalten und damit nur über Nutzerprofile entscheidet, ist das Ergebnis relativ klar: Wer verstößt, der fliegt. Dennoch ist es naiv, zu glauben, dass man sich mit dem Fokus auf Autoren und Profile von inhaltlichen Entscheidungen fernhalte. Wikipedia-Gründer Jim Wales verteidigte auf Twitter das Policing-System seiner Seite.

Ist das Banning-System von Wikipedia noch zeitgemäß?

Fälle wie GamerGate werfen die Frage auf, ob das Banning-System der Wikipedia noch zeitgemäß ist. Wer bestimmt also die Darstellung und Abbildung der Wirklichkeit? Derzeit vor allem jene Menschen, die alle Regeln bis ins Detail kennen und sehr viel Zeit haben.

Update — 31.01.15: In der finalen Entscheidung des Arbitration Committees wurden zwei der „Five Horsemen“ nicht mit einem Ban von bestimmten Themen bestraft, sondern mit weniger starken Maßnahmen. Dies wurde im Artikel korrigiert.

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