/Life

Wäre Frankreichs „Recht auf Abschalten“ realistisch für Deutschland?

Benedikt Plass-Fleßenkämper 04.01.2017

Nach Feierabend seine Ruhe vor den Arbeits-Mails haben. Das verspricht ein neues Gesetz in Frankreich. Aber dürfen Franzosen das Smartphone nach Dienstschluss nun wirklich abschalten? WIRED erklärt die Sachlage und prüft, ob eine solche Regelung auch in Deutschland denkbar wäre.

Arbeitnehmer haben es heutzutage schwer, Privat- und Berufsleben zu trennen. Via E-Mail, Smartphone oder Messenger sind sie rund um die Uhr erreichbar – auch für den Chef. So werden nach Feierabend Arbeitsanweisungen in Empfang genommen, am Wochenende dringende Fragen beantwortet und im Urlaub geschäftliche Korrespondenzen gepflegt. Die Konsequenz: permanenter Bereitschaftsdienst ohne echte Ruhepausen.

Ein Umstand, dem Frankreich seit Jahresbeginn mit einem neuen Gesetz entgegenwirkt. Die im August 2016 beschlossene Neuregelung hält Arbeitgeber dazu an, die digitale Kommunikation mit Angestellten außerhalb der Arbeitszeiten einzuschränken oder zumindest zu regulieren.

Was in der Theorie nach einem löblichen Ansatz klingt, lässt in der Praxis allerdings zu wünschen übrig. So greift das neue Gesetz nur für Unternehmen ab einer Größe von 50 Mitarbeitern. Und auch hier gibt es keine verbindlich vorgeschriebenen Regelungen zum Umgang mit der digitalen Kommunikation außerhalb der Arbeitszeiten. Das Gesetz sieht lediglich vor, dass Arbeitgeber mit Arbeitnehmervertretern individuelle Richtlinien aushandeln. Alternativ können Arbeitgeber einen Verhaltenskodex zur Nutzung von Digitalgeräten erlassen.

Kommen sie dieser Pflicht nicht nach, drohen ihnen zum gegenwärtigen Zeitpunkt allerdings keine Konsequenzen. Eine Bestrafung des Arbeitgebers bei Nichteinhaltung des Gesetzes ist bislang nicht vorgesehen. Die Reform ist somit alles andere als ein Freifahrtschein zum Abschalten des Smartphones oder zum Ignorieren von Firmen-E-Mails. Angestellte bleiben an die individuelle Handhabung ihres Arbeitgebers gebunden, im schlimmsten Fall ändert sich gar nichts.

Dabei ist eine Einschränkung der beruflichen Kommunikation in der Freizeit vor allem für Arbeitgeber von Interesse. Eine Studie der Lehigh University im US-Bundesstaat Pennsylvania hat die Auswirkungen von beruflichem E-Mail-Verkehr nach Feierabend untersucht. Die Beobachtung von 297 Probanden ergab, dass die Zusatzbelastung Auswirkungen auf das Gefühlsleben der Mitarbeiter hat und psychische Erkrankungen wie Burnout fördert. Der durch die in der Freizeit geleistete Arbeit erzielte Zugewinn an Produktivität hebt sich durch gesundheitsbedingte Ausfallzeiten wieder auf.

Laut Liuba Belkin, Co-Autorin der Studie, ist eine klare Trennung von Arbeits- und Berufsleben von grundlegender Bedeutung für die Gesundheit von Angestellten. Um mental wieder auftanken zu können, müssen Mitarbeiter sich nicht nur physisch, sondern auch psychisch von ihrer Arbeit entfernen. Das Beantworten von beruflichen E-Mails während der Freizeit untergrabe diesen Prozess und wirke daher kontraproduktiv auf das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit.

Einige französische Unternehmen haben das bereits erkannt und schon vor Erlass des Gesetzes eine freiwillige Einschränkung der digitalen Kommunikation vorgenommen. Der Reifenhersteller Michelin etwa verbietet seinen Führungskräften zwischen 21 und 7 Uhr die berufliche Kommunikation.

Auch deutsche Unternehmen wirken der Zusatzbelastung ihrer Angestellten in diesem Bereich gezielt entgegen. Volkswagen etwa schaltet – zumindest für Nicht-Manager – schon seit Jahren die E-Mail-Server für berufliche Kommunikation außerhalb der Bürozeiten ab. Daimler löscht E-Mails, die Angestellte während ihrer Urlaubszeit erhalten. Unternehmen wie Henkel, die Telekom, E.ON und Bayer halten ihre Angestellten explizit dazu an, keine E-Mails nach Feierabend zu bearbeiten.

Dass diese Maßnahmen durchaus notwendig sind und auch hierzulande Handlungsbedarf besteht, zeigt eine Meinungsumfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur. Demzufolge liest beinahe jeder zweite Angestellte in Deutschland nach Feierabend berufliche E-Mails. Jeder Dritte beantwortet auch im Urlaub Anfragen aus dem Büro. Dabei empfindet ein Großteil der Befragten die ständige Erreichbarkeit als Belastung.

Das dürfte einer der Gründe sein, warum sich der aus den USA stammende Trend zur „digitalen Entgiftung“ unter deutschen Arbeitnehmern wachsender Beliebtheit erfreut. Unter dem Schlagwort Digital Detox formiert sich seit einiger Zeit eine Bewegung gegen die Auswirkungen des digitalen Zeitalters. Menschen nehmen sich gezielt Auszeiten von Smartphone und PC, um den Kopf frei zu bekommen und sich neu auszuloten. Eine gesetzliche Regelung dürften daher auch in Deutschland viele Angestellte begrüßen.

Entsprechende Gesetzespläne gibt es hierzulande derzeit allerdings noch nicht. Wohl auch, weil die Umsetzung schwierig ausfällt und eine einheitliche Regelung kaum machbar scheint. Insbesondere kleinere Unternehmen sind teilweise auf die ständige Erreichbarkeit ihrer Mitarbeiter angewiesen. Darüber hinaus wächst die Vielfalt der digitalen Kommunikationswege ständig und reicht dank Messenger-Diensten und sozialen Netzwerken schon längst über E-Mails hinaus.

Dass auch Frankreich noch keine Patentlösung zum korrekten Umgang mit dem Problem gefunden hat, zeigt die Unverbindlichkeit des neuen Gesetzes. Fürs erste bleibt daher wohl nur die Hoffnung, dass die französische Reform Arbeitgeber verstärkt zur Auseinandersetzung mit dem Thema bewegt.

Jetzt WIRED Member werden und mit uns in die Zukunft starten!

Mit im Paket: 4 Magazin-Ausgaben im Jahr und der Member-Zugang zu exklusiven Inhalten auf WIRED.de sowie weitere Vorteile nur für Member.

Member werden