/Life

Mehr Likes, mehr Aufmerksamkeit! Die Ethik vom Teilen im Social Web

Jürgen Geuter 06.04.2015

Liken, teilen, twittern, klicken. Das soziale Netz ist auf möglichst explosives Wachstum ausgelegt und gleicht dabei nicht zufällig unserer Wirtschaftsordnung. Unter dem Begriff der „Aufmerksamkeitsökonomie“ wird eine der wenigen beschränkten Ressourcen im Netz zur Ware: die menschliche Aufmerksamkeit. Doch wie ethisch ist das ständige Teilen? Bringen wir mit einem Share jemanden vielleicht sogar in Gefahr? Ein Kommentar.

Durch die zunehmende Digitalisierung unseres sozialen Alltagslebens richten wir immer mehr unserer Aktivitäten nach Viralität und Verbreitung aus. Denn Zahlen haben eine besondere Kraft. Sobald wir für etwas eine Metrik haben, optimieren wir es. Wird ein Bild auf Facebook gepostet, steht es plötzlich im Wettkampf mit all den anderen Urlaubs-, Baby-, Hochzeitsfotos, Witzbildchen und Glückskeks-Weisheiten. Weitgehend unbewusst leben wir digital zwischen kalten, klaren Zahlen. Mehr Follower geben uns nicht nur ein Gefühl quantifizierbaren Wertes, sondern auch mehr Reichweite.

Diese Analyse klingt negativer, als sie gemeint ist. Das Teilen von Inhalten ist immens wertvoll, um Menschen ohne ein Netzwerk oder bestimmtes soziales Kapital Gehör und Aufmerksamkeit zu verschaffen. Es lassen sich auf diese Art und Weise nicht nur einzelne Missstände aufzeigen, sondern Bewegungen initiieren. Man denke nur an den mit dem Grimme Preis versehenen Hashtag #aufschrei, der Alltagssexismus in der Bundesrepublik eindrucksvoll sichtbar machte, vielen Betroffenen Mut gab, sich zu äußern, und neue Vernetzung von Aktivistinnen schuf. Teilen ist nicht nur, was wir Kindern als soziales Handeln beibringen, sondern kann in der digitalen Informationslandschaft aus den vielen kleinen Mikro-Öffentlichkeiten eine signifikante Welle der Aufmerksamkeit und damit auch Macht erzeugen.

Und da kommen wir zu den Schattenseiten. Denn genau wie Unternehmen haben Terrororganisationen wie beispielsweise IS das Internet für sich entdeckt, um ihre Schreckensbotschaften weltweit zu verbreiten. Und auch die als sexuellen Übergriff zu wertende Verbreitung illegal erworbener Nacktbilder prominenter Frauen aus dem iCloud Hack wurde nicht nur durch moralisch fragwürdige Klatschblogs und -magazine betrieben – sondern auch durch viele einzelne Personen im sozialen Web. In unseren eigenen Mikro-Öffentlichkeiten kommt uns bei jedem kleinen Knopfdruck eine große Verantwortung zu.

In unseren eigenen Mikro-Öffentlichkeiten kommt uns bei jedem kleinen Knopfdruck eine große Verantwortung zu

 Jürgen Geuter

Das Teilen eines Inhalts, egal wie trivial und beliebig er uns erscheinen mag, verstärkt oder schwächte eine soziale Verbindung zwischen mir und meinen Followern ab: Meine Zuhörenden finden etwas, das ich verbreite, toll oder lehnen es ab, kritisieren und - im extremen Fall - entfreunden mich. Aber das Teilen ist auch immer ein politischer Akt, der mehr als nur Sender und Empfänger betrifft. 

Die IS Enthauptungsvideos und andere Bilder der letzten Wochen sind ein gutes Beispiel für die Komplexität des Themas. Viele Menschen wollten ihre Wut und Trauer über die Toten, ihr Mitgefühl mit den Familien der Opfer ausdrücken. Ein etablierter Mechanismus zur Verarbeitung einer solchen Schocksituation.

Viele Menschen wollten ihre Wut und Trauer über die Toten, ihr Mitgefühl mit den Familien der Opfer ausdrücken. Ein etablierter Mechanismus zur Verarbeitung einer solchen Schocksituation.

Jürgen Geuter

Viele verwendeten in ihren Nachrichten Bilder aus den Propagandavideos der Mörder zur Darstellung der Opfer. Jede Gedenknachricht trug so in sich immer auch die Nachricht des Terrors in sich. Erst nach einiger Zeit etablierten insbesondere Freunde der Opfer, oft Journalisten die Praktik, explizit *nicht* Bilder aus IS Videos zu verwenden, sondern die Opfer in ihrem Arbeits- und Lebensumfeld abzubilden. Der faktische Inhalt ist derselbe, die dargestellte Person identisch, und doch wird ganz bewusst darauf verzichtet, die Bilder und Bildsprache der Gewalttäter mitzutransportieren.

Anderes Beispiel. Als dem Blogger und Unternehmer Anil Dash bewusst wurde, dass über 75% seiner Follower männlich waren und dass er, obwohl er gleich vielen Frauen wie Männern folgte, mit 80% seiner Retweets die Posts von Männern weiterverbreitete, entschied er sich zu einem kleinen, aber heute immer noch radikalen Schritt: Im gesamten Jahr 2013 retweetete er mit seinem reichweitenstarken Twitter Account (>500000 Follower) nur noch Frauen.

2013 retweete Blogger und Unternehmer Anil Dash nur noch Frauen

Sich seiner einflussreichen Position innerhalb der US-amerikanischen Tech-Welt bewusst, entschied er sich für die Verstärkung einer unterrepräsentierten Gruppe. Dabei ging es keineswegs nur darum, Themen und Probleme, mit denen sich vor allem Frauen beschäftigten, ins Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Warum sollten die üblichen Links auf die üblichen Newsstories und Artikel immer nur retweetet werden, wenn Männer mit großer Reichweite sich darüber austauschten?

"Normalität" ist ein Konstrukt und der Mythos. Das Gerücht, dass sich Frauen zum Beispiel angeblich weniger für Technologie interessieren als Männer, wird auch dadurch am Leben gehalten, dass Männer mit anderen Männern über Technologie reden und die Positionen von Frauen oft einfach ausblenden. Anils Experiment dreht sich nicht um die Inhalte der Tweets, ihren abstrakten Informationsinhalt, sondern um die politische Metaebene. Darum, wessen Position man verstärkt.

Aber das animierte GIF dort ist gerade so lustig, der Chefredakteur auf Twitter so selbstironisch und außerdem ist der Sportteil ja okay, oder? 

Jürgen Geuter

Es ist sehr bequem, Inhalte als abstakte, kontextlose Information zu betrachten, denn das macht die Entscheidung zu teilen einfach: Eigentlich wissen wir, dass wir einer bestimmten Publikation aus irgendwelchen Gründen keine Reichweite geben sollten, aber das animierte GIF dort ist gerade so lustig, der Chefredakteur auf Twitter so selbstironisch, und außerdem ist der Sportteil ja okay, oder? Außerdem haben das nun schon 534 Leute retweetet, da ist ein weiterer Retweet doch auch egal.

Wir haben viele dieser Entschuldigungen, mit denen wir versuchen, Inhalte, die wir verbreiten, ihres Kontextes zu entkleiden. Meine liebste ist sicherlich der Eintrag in der Twitterselbstbeschreibung: "RT≠Zustimmung". Ausformuliert bedeutet das: *Die kommentarlose Weiterverbreitung eines Inhalts bedeutet nicht, dass ich ihm zustimme.* Aber so funktioniert Kommunikation nicht.  

Die Artefakte, die Menschen oder Gruppen von Menschen erzeugen, ihre Texte, Lieder, Algorithmen, Fotos, Facebook Posts sind aufgeladen mit dem Hintergrund, der Bildung, der Weltsicht und der sozialen Position ihrer Schöpfenden. Der Satz "Ich habe nachts auf der Straße keine Angst" hat eine sehr unterschiedliche Bedeutung, je nachdem ob ihn jemand, der niemals schlechte Erfahrungen mit sowas hatte, ganz selbstverständlich äußert oder ein Opfer eines Überfalls ihn der Welt kämpferisch entgegenschleudert.

Nun möchte ich hier keineswegs ein Plädoyer für die Sharing-Abstinenz schreiben. Das Teilen von Inhalten ist ein wichtiger sozialer Akt, dessen Wert weit über den reinen Informationstransfer hinaus geht. Viel mehr möchte ich hier dazu motivieren, vor dem Teilen innezuhalten und sich die folgende Frage zu stellen: „Bin *ich* der/die Richtige um genau *jetzt* genau *diesen Inhalt* von *dieser Quelle* auf genau *diese Art und Weise* mit meinen Followern zu teilen?“ 

Sich diese Mühe zu machen ist nicht nur unsere Verpflichtung unserem Publikum gegenüber (egal, wie klein es sein mag) sondern auch den Menschen gegenüber, die wir sonst unsichtbar machen.

Jetzt WIRED Member werden und mit uns in die Zukunft starten!

Mit im Paket: 4 Magazin-Ausgaben im Jahr und der Member-Zugang zu exklusiven Inhalten auf WIRED.de sowie weitere Vorteile nur für Member.

Member werden