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Made in China / Zensur ist nicht gleich Zensur

Katharin Tai 29.07.2015

In unserer Reihe „Internet Made in China“ beleuchten wir den boomenden chinesischen Online-Markt hinter der großen Firewall. Welche Big Player revolutionieren das Netz im Reich der Mitte und wie erschaffen sich Millionen von Nutzern ein eigenes Netz zwischen Zensur und Selbstzensur? Diesmal: So sieht die moderne Zensur Chinas aus.

„Fehler: Die Verbindung wurde zurückgesetzt“ — an diese Meldung gewöhnt man sich, wenn man in China lebt. Jeder weiß, was sie bedeutet: Zensur. Obwohl das chinesische Internet eine von der Politik unabhängige, eigene Kultur entwickelt hat, bleiben Internetzensur und Meinungsfreiheit oft die Brille, durch die das Ausland China sieht.

Auch, wenn sie nicht das gesamte Netz in China ausmacht, bestimmt die „Große Firewall“ doch, welche Dienste chinesischen Nutzern zur Verfügung stehen, und inwieweit das Internet auch politisch sein kann. Die „politische“ Brille im Westen beim Blick auf das chinesische Netz wird allein schon dadurch deutlich, dass chinesische Nutzer gerne als „netizens“ bezeichnet werden. „Es ist, als wolle man ihre Identität als normale Bürger betonen, die im Netz den jahrelangen Kampf für die Demokratie fortführen“, so der Medienwissenschaftler Edgar Huang. Grund dafür ist vermutlich die Faszination mit dem weltweit größten Projekt zur Informationskontrolle — wie kontrolliert man 649 Millionen Internetnutzer?

Zunächst einmal sollte man sich bewusst machen, dass das chinesische Netz in weiten Teilen sehr unpolitisch ist — genauso, wie auch auf Twitter, Facebook und Instagram nicht alle Nutzer rund um die Uhr die Themen Arbeitslosengeld,  Bundestagswahlen oder deutsche Außenpolitik diskutieren. Die Nutzung von VPNs, also Programmen, mit denen man die Zensur umgehen kann, ist daher auch eher selten: Nicht einmal 25 Prozent der Chinesen nutzen sie, um im Internet zu surfen. Innerhalb der „Great Firewall“, die in Anlehnung an die Chinesische Mauer benannt wurde, hat sich ein ganzes Ökosystem an chinesischen Seiten entwickelt, die alles von Videos über Nachrichten bis hin zu hyper-sozialen Medien abdecken.

Dadurch gibt es für viele Chinesen zunächst erst einmal keinen Grund, überhaupt nach Möglichkeiten zu suchen, die Zensur zu umgehen: Nachrichten auf Chinesisch und zu China, die eigenen Lieblingsserien und vor allem die eigenen Freunde aus jeglichen Kreisen — alles, was man sich wünschen könnte, ist erreichbar. Eine interessante Frage wäre, ob es sich in Deutschland deutlich anders verhält. Wie oft geht wohl die Mehrheit der deutschen Internetnutzer aktiv auf die Seiten anderssprachiger Medien und wie viele interagieren in sozialen Medien nicht in erster Linie mit anderen Deutschen?

Für die Chinesen, denen das nicht reicht, hat ihre Regierung ein engmaschiges Netz über das chinesische Internet gelegt. Eine undurchsichtige Maschinerie, die auf verschiedenen Regierungsebenen laut dem Politikwissenschaftler Gary King zwischen 20.000 und 50.000 „Internetpolizisten“ beschäftigt. Dazu kommen bis zu 1000 Zensoren pro Seite, die direkt von den Plattformbetreibern bezahlt werden, und zwischen 250.000 und 300.000 „5 Cent Kommentatoren“, die dafür bezahlt werden, pro-Regierungs-Kommentare und Beiträge zu schreiben (Stand: 2013).
 

Die drei Lagen chinesischer Zensur

 
Zensur ist dabei nicht gleich Zensur. Inhalte werden auf drei Ebenen gefiltert. Als allererste Barriere gibt es die „Great Firewall“, die dafür sorgt, dass viele Seiten von China aus nicht erreichbar sind und man den berühmten „Die Verbindung wurde zurückgesetzt“-Fehler angezeigt bekommt. Facebook, Instagram, Google und Twitter sind nur die bekanntesten Opfer. Auch Services wie Dropbox und Evernote oder Medien wie die New York Times sind gesperrt oder nur sporadisch erreichbar. Die Gründe für das Sperren einer Seite sind unterschiedlich: Die New York Times berichtete über den Reichtum der falschen chinesischen Politiker, Instagram wurde zum Sammelpunkt für Fotos der Hong Konger Protestbewegung im letzten Herbst.

Die zweite Ebene sind Keyword-Filter. Bestimmte Begriffe kann man einfach nicht ins chinesische Netz schreiben, Posts werden automatisch gelöscht. Vor allem aber kann man nicht nach ihnen suchen. Die Liste dieser Wörter ist nirgendwo zugänglich und verändert sich ständig, aber es gibt diverse Online-Projekte, die zumindest ansatzweise versuchen, sie nachzuverfolgen. So hat beispielsweise die Seite „China Digital Times“ ein Google-Spreadsheet, in dem man sehen kann, dass am 26. Juni Suchen nach „Kaiser Dumpling“ oder „Kashgar + Terrorangriff“ geblockt wurde. 

Während man die Keyword-Filter relativ leicht durch die Nutzung von Codewörtern umgehen kann, gibt es genau dafür eine dritte Ebene: Manuelles Filtern. An diesem Punkt kommen Menschen ins Spiel, die Posts lesen und oft innerhalb weniger Stunden löschen. Wenn man einen schon bekannten Account nutzt, kann es auch eine Frage von Minuten sein. Lange ging man davon aus, dass hierbei nur regierungskritische Wortmeldungen gelöscht würden — eine Hypothese, die vor zwei Jahren vom Politikwissenschaftler Gary King widerlegt wurde. In einer Analyse öffentlich zugänglicher Quellen stellte er fest, dass auch Posts, die die Regierung unterstützten, mit einer ähnlichen Häufigkeit verschwanden. Seine Schlussfolgerung: Die chinesische Regierung fürchtet nicht Kritik, sondern vor allem Nachrichten, die Leute zu kollektivem Handeln anregen könnten. Sei es für die Regierung, gegen Japan oder schlicht für Hamsterkäufe von Salz, weil das angeblich gegen Radioaktivität hilft. Bei seiner Forschung stellte King außerdem fest, dass etwa 13 Prozent aller öffentlich zugänglichen Posts gelöscht werden.

Zwei Dinge muss man dabei immer im Hinterkopf behalten: Erstens geht ein Großteil der Zensur nicht direkt von der Regierung aus, sondern wurde an die Social Media-Unternehmen weitergegeben, die selber dafür verantwortlich sind, ihre Seiten sauber zu halten. Zweitens kann sich die Meinung der Regierung oder der Zensoren zur Frage, welche Webseite oder welches Thema gerade sensibel ist, von einem auf den anderen Tag ändern — wenn mal die Seite von LeMonde nur mit kaputtem Layout erreichbar ist, macht man Witze über den schlechten Tag eines Zensors.

Mit Flußkrabben und Alpakas zur Meinungsfreiheit?

Um geblockte Begriffe und die Augen der Zensoren zu umgehen, haben chinesische Internetnutzer, die gerne über Politik reden würden, die verschiedensten Überlebensstrategien entwickelt. Die Wortfilter werden dabei mit kreativen Codewörtern umgangen: Eine besonders beliebte Strategie sind Homophone, also Worte, die ähnlich oder genauso ausgesprochen werden wie der zensierte Begriff, inhaltlich aber oft etwas vollkommen anderes bedeuten. Das berühmteste Beispiel hierfür ist nicht einmal politisch, sondern nur ein Kraftausdruck: das Gras-Schlamm-Pferd. Wenn man den Namen dieses digitalen Fabelwesens, das oft als Alpaka dargestellt wird, auf Chinesisch ausspricht, klingt es wie eine Beleidigung, die sich auf die Mutter des Angesprochenen bezieht. Seit dieses Codewort im Umlauf ist, sind Plüschalpakas in China auf einmal sehr beliebt geworden. Das Wesen wurde auch zum Namensgeber des “Gras-Schlamm-Pferd-Lexikons”, das sich an einer Katalogisieren chinesischer Codewörter versucht. Ein anderes typisches Beispiel sind Flusskrabben, die auch der Künstler Ai Weiwei in seiner Arbeit verwendet — ihr Name klingt ähnlich wie das chinesische Wort für „Harmonie“, ein Lieblingsslogan der chinesischen Regierung. Schon länger sprechen Internetnutzer bei zensierten Posts nur noch davon, dass sie „harmonisiert“ wurden und nennen die Zensoren Flusskrabben.
 
Andere Techniken spielen mit dem Aussehen von Zeichen. So haben beispielsweise World of Warcraft-Spieler begonnen, die Zeichen 目田 als Code für das Wort Freiheit (自由) zu benutzen — auch wenn die Bedeutung des Codes „Auge Feld“ vollkommen sinnlos erscheint. Das Problem an all diesen Techniken ist, dass sie den digitalen Diskurs zu einem Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Zensoren und den Nutzern machen. Sobald die Zensoren einem neuen Code auf die Spur kommen — also spätestens, sobald er weithin genutzt wird — wird auch das neue Wort gesperrt. Daraufhin beginnt das Spiel auf’s Neue und immer absurdere Codes kommen in den Umlauf. Am 6. Juni 2014, dem 25. Jahrestag des Tiananmen-Massakers, veröffentlichte das Wall Street Journal eine Liste mit 64 verschiedenen Begriffe, die alle anlässlich des Jahrestages geblockt worden waren: Neben verschiedenen Varianten des Datums „6.4.“ waren auch scheinbar harmlose Begriffe wie „Nostalgie“ dabei. In der Vergangenheit war zwischenzeitlich auch das Wort „Wahrheit“ den Filtern zum Opfer gefallen.
 
Während nahezu alle dieser Strategien nach und nach von den automatischen Filtern abgefangen werden können, gibt es andere Taktiken, für die es manueller Zensur bedarf: Während auf Twitter zunehmend Screenshots benutzt werden, um mehr Text posten zu können, greifen chinesische Nutzer schon lange auf Bilder zurück, um textbasierte Filter zu umgehen. 2014 wurden plötzlich gelbe Badeenten zum Symbol für die Panzer, die im Sommer 1989 gegen die Studenten vorgegangen waren — ein Meme, das man wirklich erst auf den dritten oder vierten Blick versteht. Genau das ist die Sorge von Leuten wie Jason Q. Nq, der beim kanadischen Citizen Lab zur chinesischen Zensur forscht: „Wenn das Ziel Kommunikation statt bloßer Meinungsäußerung ist“, schreibt er im MIT Technology Review, „ist es beeindruckend, wie erfolgreich die Zensoren darin waren, die Verbreitung unliebsamer Meinungen zu unterbinden.“
 
Das Problem? Je kreativer Nutzer werden, um nicht nur automatische, sondern auch manuelle Zensur zu umgehen, desto unzugänglicher wird ihre Geheimsprache besonders für die Leute, die sich eigentlich nicht für Politik interessieren. Egal, wie clever die „netizens“ sind — eine öffentliche, politische Diskussion, an der sich jeder beteiligen kann, ist unmöglich geworden.

 Die eigenen Grenzen setzen

Viele Chinesen haben an so einer öffentlichen Diskussion mittlerweile kein Interesse mehr. Bis vor zwei Jahren, im September 2013, gab es sie allerdings: Das Land hatte eine lebendige Blogosphäre entwickelt, in der niemals direkt, aber sehr subtil und mit viel Ironie die Regierung kritisiert wurde. Der twitterähnliche Dienst Weibo war zur Sammelstelle politischer Diskussionen und Aktivismus schlechthin geworden. Zu einer Plattform, auf der Intellektuelle ihre Ansichten zum Zustand der chinesischen Gesellschaft und Politik relativ ungeniert bekanntgeben konnten. Das ging einige Jahre gut, bis 2013 über Weibo eine Kampagne inszeniert wurde, bei der Nutzer korrupte Regierungsmitglieder bloßstellten. Kurz darauf begann die Regierung, gegen die „Big V’s“ vorzugehen — verifizierte Nutzer mit vielen Followern. Nachdem einer von ihnen, der chinesisch-amerikanische Blogger Charles Xue, festgenommen und im Fernsehen öffentlich vorgeführt wurde, verabschiedete die Regierung ein Gesetz gegen das „Verbreiten von Gerüchten“. Es bildet seitdem die rechtliche Grundlage für eine strafrechtliche Verfolgung aller Autoren, deren Posts mindestens 500 Mal geteilt wurden. Kurz darauf sank auch die Anzahl aktiver Nutzer des Twitter-ähnlichen Dienstes Sina Weibo dramatisch — offiziellen Zahlen zufolge um mehr als die Hälfte.
 
Stattdessen haben Chinesen sich auf den privateren Messenger WeChat zurückgezogen, auf dem öffentliche Accounts stark reguliert werden und Informationen seltener „viral“ werden. Statt in der Öffentlichkeit bewegt man sich lieber im privaten Kreis — one-on-one Chats, Gruppenchats und einer Timeline, auf der nur die eigenen Freunde sehen, was man schreibt. Auch hier ist man aber nicht sicher vor den Zensoren, im Zweifel werden alle Nachrichten über Server in China geleitet und gelesen. Laut einem Bericht des Citizen Lab kann das beispielsweise dazu führen, dass Nachrichten mit bestimmen Begriffen manuell freigegeben werden müssen und erst Stunden später ihren Empfänger erreichen, wenn sie als ungefährlich eingestuft werden. Markiert werden laut der Organisation aber vermutlich sowohl der Account des Senders als auch der des Empfängers.
 
Chinesen sind sich dieser Tatsachen durchaus bewusst, auch, wenn ihr Wissen über Art und Funktionsweise der Zensur nicht unbedingt ins Detail geht. Wer daran interessiert ist, Politik zu diskutieren, setzt sich eigene Grenzen und so entsteht neben der Selbstzensur der Plattformen auch die Selbstzensur der Nutzer. Je öffentlicher die Plattform, desto vorsichtiger ist man: Politische Diskussionen auf öffentlich einsehbaren sozialen Medien wie Weibo oder Foren sind weitestgehend eingeschlafen, stattdessen geht es um Mode und Entertainment.
 
Interessanter wird es, wenn man sich die verschiedenen Ebenen innerhalb der Messengerapp WeChat anschaut: In Chats mit nur einer Person fühle er sich relativ frei, meint ein Pekinger Journalismusstudent, bei Gruppenchats werde er vorsichtiger. Eine Studentin aus dem Süden Chinas verrät noch eine andere Strategie: „Je sensibler ein Thema, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir auf Englisch schreiben“, erklärt sie. Auch Sprachnachrichten nutzt sie in solchen Fällen lieber — die könnten weder automatisiert durchsucht noch als Screenshot an andere Leute weitergeleitet werden.
 
Während die Grenze des Erlaubten bei der offiziellen Zensur von der Regierung festgelegt wird, bestimmen Nutzer auf WeChat letztendlich für sich, was sie für ungefährlich halten. „Eindeutige Attacken gegen aktuelles und ehemaliges politisches Führungspersonal und ihre Familien werden auf jeden Fall zensiert“, schätzt eine Journalismus-Studentin, „aber Kritik an lokalen und weniger prominenten Politikern ist meistens kein Problem — auch, weil das zur aktuellen Antikorruptions-Kampagne von Präsident Xi passt.“ Kritik an der Regierung oder dem politischen System als solches halten alle Interviewpartner für zu gefährlich. Das lässt aber letztendlich noch relativ viel Raum für die Diskussion anderer Probleme: Soziale Themen, die das Leben vieler Leute direkt beeinflussen, werden durchaus diskutiert und nicht unbedingt als „politisch“ wahrgenommen.

An diesen Kriterien sieht man, dass die Grenze zwischen „ungefährlich“ und „gefährlich“ sich ständig verschiebt — wenn sich die Politik der Regierung verändert, können auch neue Inhalte wie die Kritik korrupter Beamter wieder in den Bereich des Diskutierbaren rücken. Dabei ist im Zweifel aber immer der chinesische Staat der Spieler mit den meisten Informationen, während Nutzer darauf angewiesen sind, die Situation richtig einzuschätzen. Und es kann genauso gut sein, dass Freiheiten von einem Tag auf den anderen wieder eingeschränkt werden - wie es den Bloggern um Charles Xue passiert ist.
 
Auch, wenn der chinesische Staat weiterhin die Oberhand hat, gibt es wenigstens eine zunehmende Anzahl an Seiten, die dieser Intransparenz etwas entgegensetzen: Listen geblockter Begriffe und Webseiten, Webseiten mit gelöschten Weibo-Posts und Sammlungen von Zensurdirektiven, die an chinesische Medien geschickt werden. Jedes Stück Verständnis der chinesischen Zensur bedeutet auch einen neuen möglichen Angriffspunkt - allerdings nur, bis die Sicherheitslücke wieder geschlossen wird. 

In Teil 4 unserer Made in China-Serie fragt unsere Autorin wie aus einer einzigen App landesweites Internet entstehen kann.

Alle Texte der „Made in China“-Serie gibt es hier zum Nachlesen.

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