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WeWork-Gründer McKelvey: „Wir wollen überall gleichzeitig wachsen“

02.10.2017 Lesezeit 8 Min

Attraktive Arbeitsplätze für Kreative: Büroanbieter WeWork ist damit sieben Jahre nach Gründung sehr erfolgreich. Aus dem kleinen Startup ist ein Global Player geworden. Und nun? Im Gespräch über Coliving, Fehler und Freibierkonsum spricht Mitgründer McKelvey nur über eines ungern: Geld.

Rund 4,4 Milliarden Dollar hat die japanische Softbank kürzlich in den gehypten Büroanbieter WeWork gesteckt. Die Unternehmensbewertung soll laut Medienberichten bei 20 Milliarden Dollar liegen.

WeWork-Mitgründer Miguel McKelvey ist im Team für die Community mit mittlerweile 226 Standorten verantwortlich und kümmert sich um das Produkt, wie zum Beispiel Wohngebäude, die WeWork unter der Marke WeLive eröffnet hat. 

Miguel, laut Medienberichten liegt Eure Marge bei bis zu 60 Prozent. Ist das korrekt?
Miguel McKelvey: Was meinst Du damit?

Die Gewinnmarge.
McKelvey: Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich beschäftige mich mehr mit der Kultur und dem Produkt und weniger mit den Zahlen. Und ich wäre nicht der Richtige, um das zu beantworten.

Dafür ist Dein Mitgründer Adam Neumann zuständig?
McKelvey: Adam ist ein außergewöhnliches Geschäftstalent, er hat eine unglaubliche Fähigkeit Zahlen zu durchschauen, Deals zu machen und Verhandlungen, jemand der mutig genug ist, sich in den Raum zu setzen und zu sagen: Wir sind eine Milliarde oder fünf oder zehn Milliarden wert!

Ihr habt mittlerweile eine verrückte Menge an Geld von Investoren bekommen. Was habt ihr mit diesem Geld vor?
McKelvey: Verrückt ist immer relativ. Als wir vor sieben Jahren fünf Millionen Dollar eingesammelt haben – das war verrückt, oder? Wir expandieren immer weiter und haben bewiesen, dass das Modell in anderen Märkten funktioniert, wir sind nach China, Indien, Südamerika und in Europa, wir haben gezeigt, dass unsere Tätigkeit eine Bedeutung hat und die Leute positiv reagieren. Und wir haben es geschafft, die Community zu replizieren. Es fühlt sich nicht anders an, wenn man in ein WeWork in Shanghai oder Peking kommt. Und es gibt keinen Ort, wo wir mit WeWork nicht hingehen können. Und wir wollen überall gleichzeitig wachsen. Noch wichtiger als das Geld ist ja, dass wir die Kultur beibehalten können. Außerdem haben wir ein Fitness-Center in New York eröffnet und schauen, wie unsere Mitglieder sich besser fühlen können. Etwa durch Meditation oder durch Training und Entspannung. Wir schauen uns an, wie wir die Menschen durch einen ganzheitlichen Ansatz unterstützen können, dazu gehört auch WeLive und man kann sich vorstellen, dass es noch viele Produkte geben wird.

Von einem kleinen Startup zu einem globalen Player war es sicherlich ein harter Weg. Was waren die Schwierigkeiten?
McKelvey: Es ist schwierig, diese Standorte einzurichten und dann zu betreiben. In vielerlei Hinsicht geht es um Kundenservice, weil wir Mitglieder mit Bedürfnissen haben. Die können superglücklich sein und eine Community aufbauen. Aber wir müssen ihnen auch jeden Tag ihre praktischen Ansprüche erfüllen. Wenn zum Beispiel das Internet für eine Stunde kaputt ist, hast du 1000 Leute, die wütend sind und fragen: Wo ist das Internet?

Ich mag den Begriff Work-Life-Balance nicht

Was war Dein größter Fehler?
McKelvey: Ich mache keine Fehler (lacht). Wir haben uns in den Anfangszeiten auf den unerbittlichen Einsatz unser Mitarbeiter verlassen. Wir hatten eine Kultur, niemals aufzuhören und alles zu erledigen, was auch immer dafür nötig ist. Was wir nicht hatten, war ein richtiges Support-System für Mitarbeiter, die vollen Einsatz gegeben haben, aber nicht damit fertig geworden sind. Es kamen Menschen in Tränen zu mir und haben gesagt: „Ich arbeite so hart und es macht mir Spaß und ich glaube an die Arbeit, aber mein privates Leben zerfällt. Meine Beziehung geht kaputt oder es geht mir gesundheitlich nicht gut.“ Darauf haben wir reagiert – und arbeiten immer noch daran. Ich mag den Begriff Work-Life-Balance nicht, weil ich glaube, dass bei den Menschen die Arbeit im Leben integriert ist. Aber herauszufinden, wie man gesund durch extreme Erlebnisse kommt – das ist hoffentlich etwas, was wir mit den Menschen erarbeiten können und es dann mit anderen teilen.

Lass uns über Deutschland sprechen. In der Berliner Coworking-Szene hier hört man oft, dass es bei WeWork nicht mehr wirklich um Coworking geht – also ein Ort, an dem vor allem Freiberufler und Kreative zusammenarbeiten, sondern sich auch viele größere Unternehmen und etablierte Startups ansiedeln. Wie siehst Du das?
McKelvey: Um ehrlich zu sein, ging es bei uns nie um das. Es ging darum, zu überdenken, wie Leute arbeiten, in einer kreativen Umgebung und mit Offenheit. Wir haben nie eine spezielle Zielgruppe angesprochen und aus diesem Grund haben wir uns nicht als Coworking-Space definiert, denn das ist eine sehr spezielle und eng gefasste Idee. In den frühen Tagen wurden wir vor allem mit Tech-Startups als Mitglieder in Verbindung gebracht, was nicht schlimm ist. Aber es war auch damals nicht der Fall: Wir hatten zum Beispiel Philanthropen, Anwälte, Mode-Unternehmen, Architekten als Mitglieder. Diese Vielfalt ist unsere Stärke – und darunter fallen auch die Teams von großen Unternehmen.

Etwa 20 Prozent sollen Unternehmenskunden sein, darunter auch Samsung und Microsoft. Versucht WeWork die Mischung der Mitglieder in seinen Niederlassungen zu steuern?
McKelvey: In manchen Fällen sitzen die Teams aus großen Unternehmen neben einem kleinen Tech-Startup. In anderen Fällen hat ein großes Unternehmen mehrere Räume gemietet und tauscht sich an anderen Orten im Gebäude aus. Es gibt keine bestimmten Vorgaben – das Office-Management-Team sucht eher aus, wo die jeweiligen Leute am besten hinpassen. Sie schauen dann, wie sich die Mitglieder in Verbindung bringen lassen, etwa durch Events oder sie sagen einfach: Hey, den solltest du mal treffen.

Gibt es denn Strategien, wie Ihr die WeWork-Mitglieder vernetzt?
McKelvey: Ich kann den Namen leider nicht nennen, aber eines unserer großen Mitglieder veranstaltet öfter Partys und lädt dann das ganze Gebäude ein. Wir helfen ihm, das zu veranstalten. Oder schauen, welche Speaker, die gerade da sind, auch für andere Mitglieder interessant sein könnten. Viel wird von den Leuten aus den Gebäuden selber gestaltet und wir helfen bei der Organisation. Es geht nicht nur um Business, sondern auch um soziale Events oder Konzerte.

Wir haben immer schon Leben und Arbeiten zusammen gedacht, als wir das Geschäft gestartet haben

Sammelt WeWork denn Daten, wie viel die Unternehmen, Startups und Freelancer interagieren?
McKelvey: Was die persönliche Kommunikation angeht, haben wir mal damit experimentiert. Beispielsweise indem die Leute angegeben haben, wie viele Kontakte sie bekommen haben. Was wir in der Zukunft erheben wollen, ist, ob die Leute erfolgreicher sind in unser Umgebung. Viele Leute sagen das, aber wir suchen in der Zukunft nach einer Kennzahl, die das wiedergibt. Es geht nicht nur darum, dass die Leute sagen, ich habe mehr eingenommen oder mehr verkauft, seit ich hier bin, sie sollen auch glücklicher und gesünder sein. Das versuchen wir herauszubekommen, damit andere Mitglieder davon lernen können.

Im vergangenen Jahr hat WeWork mit dem Projekt WeLive auch Wohnungen geschaffen. Was sind die Erfahrungen bislang?
McKelvey: Wir haben immer schon Leben und Arbeiten zusammen gedacht, als wir das Geschäft gestartet haben. Es hat einfach länger gedauert, um mit den Wohnungen zu starten. Am Ende soll es ein Gebäude mit beispielsweise 400 Bewohnern geben, die sich wie in einer Familie fühlen. Allerdings ist es hart, WeLive umzusetzen. Die Büros sind ein sehr effizientes Modell, denn es können vorhandene Räume genommen und umgewandelt werden. Bei WeLive bauen wir oft neue Gebäude nach unseren Vorstellungen, weil eine Renovierung kompliziert wäre. Wir haben in Seattle eine Location verkündet, ein großes Gebäude. Viele Nachrichten werden außerdem bald kommen, wir reden nur noch nicht darüber.

Was für Menschen leben in den Gebäuden?
McKelvey: Manche kommen gerade von der Universität, andere gründen, andere haben einen Wandel im Leben: Sie starten in einer neuen Stadt oder kommen gerade aus einer Beziehung. Oder ältere Menschen ziehen ein, die gerne in der Stadt leben möchten. Und es ist ja auch als ein Unterstützungssystem gestaltet, weil man zu einer Menge von Leuten Kontakt hat. Leute, die in eine neue Stadt kommen und jemanden suchen, der mit ihnen ins Fitness-Studio geht oder mit ihnen Zeit verbringt nach der Arbeit. Ein normales Wohngebäude bietet selten diese Möglichkeiten, es gibt keine Veranstaltungen oder Räume um sich mit den Nachbarn zu treffen.

Gibt es Coliving-Pläne für Berlin?
McKelvey: Ich hoffe es! Was ich erfahren habe, ist, dass es hier mittlerweile teurer geworden ist, aber der Spirit großartig bleibt. Insgesamt glaube ich, dass sich bei den Menschen das Verhältnis zum Eigentum verändert. Mit Autos wird das zuerst passieren. Aber die Menschen werden auch überdenken, wie sie leben. Als Weltbürger kann man überall jahrelang reisen und aus dem Koffer leben. Nicht jeder will das, aber unser Gefühl für Eigentum wird sich verändern. 

Was sind Eure Pläne für die weiteren Büro-Standorte in Deutschland?
McKelvey: 
Unser Plan ist es, aggressiv zu wachsen. Wir eröffnen einen Standort in Hamburg und schauen uns München an. Und wachsen hier mit zwei weiteren Standorten in Berlin. Wir verbessern uns, weil wir ein größeres Netzwerk haben. Unsere Mitglieder können so schnell in andere Städten expandieren oder neue Geschäftsmöglichkeiten bekommen. Und weil die Menschen mehr von uns hören, steigt die Nachfrage.

In Euren Büros gibt es überall Freibier. Wie viel Bier trinken die deutschen WeWork-Mitglieder im Durchschnitt?
McKelvey: Ich glaube nicht, dass wir diese Zahl veröffentlichen. Jede Stadt will stolz darauf sein, am meisten zu trinken. Die Leute haben bei mehreren Standorten – und Deutschland war einer davon – immer gesagt: Du kannst das nicht umsonst ausschenken, das wird Euch ausbluten. Ich weiß aber ehrlich gesagt nicht, ob der Konsum hier höher ist.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Gründerszene
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