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Wer bin ich und wenn ja, wie viel Megabyte? Joachim Hentschel über Avatare fürs Leben

Joachim Hentschel 22.10.2014

Wer bin ich – und wenn ja, wie viel Megabyte? Soziale Netzwerke und Internet of Things verändern die menschliche Identität radikal. Jetzt fehlt uns nur noch die passende Ethik

Wer im Netz ein Niemand sein will, ein unschuldiger, anonymer Niemand – der muss sich wie ein Krimineller benehmen. Zu dem Ergebnis kam jedenfalls, praktisch zusammengefasst, der New Yorker Künstler Curtis Wallen, als er im Januar 2013 sein Experiment startete. 

Ich unterscheide nicht zwischen Online- und Offline-Persönlichkeit – alles andere ist für mich ein Anachronismus, der mir fremd ist.

Kathrin Weßling (Social-Media-Managerin)

Das Ziel: Wallen wollte sich ein Internet-Alter-Ego erfinden, an dem kein, aber auch wirklich gar kein identifizierbarer Hinweis auf sein wahres Ich kleben sollte. Kein digitales Härchen, keine IP-Restziffer, kein Cookie-Krümel. Ein Zustand, der ja auch für Nicht-Künstler gut klingt, solange draußen die Geheimdienste und russischen Passwortknacker ums Haus schleichen. Oder für alle, die in Foren böse Sachen über ihre allerbesten Freunde schreiben wollen.

Also kaufte sich Wallen über Craigslist-Anzeigen unter falschem Namen einen gebrauchten Laptop. Das imaginäre Ich, das er online ins Leben rief, taufte er Aaron Brown. Morphte aus Porträtfotos seines WG-Kollegen ein Fantasie-Profilbild, kommunizierte nur über anonyme Tor-Verbindungen, kaufte sich mit Bitcoins gefälschte Ausweise. Richtete einen Twitter-Account ein, den er über die Projektwebsite frei zur Verfügung stellte: Jeder, der wollte, durfte unter dem Namen Aaron Brown twittern. Um jede noch so kleine Identitäts- und Charakterspur verrauschen zu lassen. 

Your own. Personal. Pocket Adorno.

Nein.Quarterly (Aphorist)

„Online ganz anonym zu bleiben, ist eigentlich nicht machbar“, resümierte er, wenig überraschend, in einem Artikel für die Zeitschrift The Atlantic. „Das würde eine generalstabsmäßige Planung und Haltung verlangen, die vom Digitalen bis weit ins Körperliche reicht.“

Immer schön den Ball flach halten, das blaue Twitter-Häkchen vermeiden und den Leuten das Gefühl geben, nicht zu wissen, ob sie es wirklich mit mir zu tun haben.

Ralph Caspers (Moderator)

Natürlich ist das mehr als ein Spiel. Natürlich hatte der Künstler, vier Monate
vor den ersten Enthüllungen von Edward Snowden, beim Publikum einen kritischen Punkt berührt. Wenn man sie heute fragt, sagen ja so viele Netzbewohner, dass sie ihre Einkaufslisten und Geburtstagseinladungen am liebsten auch nur noch durch verschlüsselte PGP-Kanäle schicken würden, dass sie nach dem ultimativ spionsicheren Handy-Messenger suchen. Obwohl die meisten fest davon überzeugt sind, dass sie nichts zu verbergen haben. Dass sie die irrsten Tänze auch gleich mitten im Licht der Überwachungskameras aufführen können. Weil sie sich so am wenigsten verdächtig machen.

Online-Ninia ist eine mutigere Version von mir – extrovertiert, politisch und sarkastisch.

Ninia Binias (Social-Media-Manager)

Ab und zu muss man sich selbst daran erinnern: Wir, die wir zu großen, mittleren, kleinen Teilen im Internet leben, uns Trampelpfade durch Foren und soziale Medien trampeln, uns hoch- und wieder runterladen – warum legen wir uns, trotz unseres gesteigerten Problembewusstseins, nicht alle sofort Clean-Machine-Laptops und Scheinidentitäten zu? Blöde Antwort, ganz einfach. Weil wir im Netz gar nicht anonym sein wollen. Weil wir es darauf anlegen, gefunden und identifiziert zu werden. Weil die Push-Mitteilungen uns gar nicht stören. Weil das schwer zu beschreibende Geräusch eintreffender Facebook-Nachrichten (Glump!) uns aufs Angenehmste daran erinnert, dass wir noch existieren. 

Weil wir jetzt schon digitale Wesen sind. Die Erkenntnis klingt im Herbst 2014 fast banal, aber was das heißt und wie radikal es uns schon verändert hat, das haben nur die wenigsten begriffen.

Mit meinen Social-Media-Kanälen möchte ich meinen überwiegend nichtbehinderten „Freunden“ ein paar kurze Einblicke in das Leben eines Menschen mit Behinderung geben.

Raul Krauthausen (Aktivist)

Spätestens an dieser Stelle müssten nun, zum Beweis, die Nutzerzahlen von Facebook (ganz nebenbei: 829 Millionen Aktive pro Tag, laut letzter Statistik) und Twitter (ach, übrigens: 271 Millionen pro Monat, Bots mitgerechnet) rapportiert werden, aber so viel sagen die Zahlen gar nicht aus. Es geht um die Pro-Kopf-Intensität, und die kann sich schnell verlagern – wie man Ende September beobachten konnte, als das alternative Netzwerk Ello mit angeblich 31 000 Neuanmeldungen pro Stunde viraler Herbstmeister wurde. Der glaubwürdigen Legende nach deshalb, weil es genug Menschen gibt (wie schon in den Nym Wars auf Google+), die ihr wahres Ich eben gerade nicht mit dem Klarnamen verbinden, der in ihrem irdischen Personalausweis steht.

Online bin ich so extrovertiert, wie ich offline gerne wäre.

Patricia Cammarata (IT-Projektleiterin)

Wer sich in den vergangenen Monaten im Stoffbeutel-Schlenkergang über die üblichen Tech-Konferenzen bewegt hat, dem müsste ja aufgefallen sein, dass der größte Teil der derzeit schwebenden Diskurse auf diese Frage hinausläuft: Wie greift das digitale und technologische Weltgeschehen in die menschliche Identität ein – und was für eine Gesellschaft wird am Schluss dabei herauskommen? 

Someone who one imagines might have a witty online voice, but who in fact mostly uses the web in a disappointingly utilitarian way.

Miranda July (Künstlerin)

Ob es um die vielen Stränge der Snowden-Debatte geht, die davon handeln, wie transparent und angreifbar unser digitales Ich heute ist, oder um das „Recht auf Vergessenwerden“ bei Google – oft genug hat man das Gefühl, dass man mit den Begrifflichkeiten der alten, analogen Selbsterkenntnis hier nicht mehr weiterkommt. Die einen sprechen über Reality Mining, bei dem aus der Masse menschlicher Verhaltensdaten zukünftige Muster geschlossen werden, die anderen über Wearables von Firmen wie Jawbone oder Withings, die uns gewaltige, schaurig adäquate Tagebücher schreiben. Daten, die wir auch früher schon rennend, schnaufend und pinkelnd produziert haben. Bloß haben sie unser Selbstbild damals nicht mitbestimmt, Denn wir kannten sie nicht.

Die einen unterhalten sich mit künstlichen Intelligenzen, andere optimieren den Körper durch auslesbare Implantate, und so aufregend kommt uns das alles ja gerade deshalb vor, weil es schwitzig nah an die Grenze rückt, die zwischen Mensch und Maschine, Gedankenstrom und konventioneller Elektrizität zu verlaufen schien. Weil es davon handelt, was für Wesen wir sein werden, wenn wir uns selbst in die Technik hineinverlängern. Das neue Ich wird buchstäblich vernetzt sein, nicht nur mit anderen Menschen. Eine Qualität, die früher nur eine gesellschaftsvisionäre Flause war.

Fräulein Tessa ist zynischer, wütender aber auch alberner als ich – und ich wünsche mir, dass ich irgendwann mehr von mir über sie teilen kann.

Teresa Bücker (Managing Editor)

Es könnte Zufall sein, dass mit Dave Eggers’ Datensammelwelt-Roman The Circle und dem Kinofilm Her von Spike Jonze, in dem sich ein Mann in ein sehr schönes Betriebssystem verliebt, auch zwei der zuletzt aufregendsten Popkunstwerke die Ich-Frage stellen. Allerdings immer noch als Science-Fiction, eher pessimistisch. Obwohl wir heute schon täglich damit klarkommen, dass wir und die Maschinen uns auf Augenhöhe begegnen. Dass wir in Tablets gucken und uns selbst sehen. Dass wir unseren Akku aufladen müssen, bevor wir loskönnen.

„Die Technologie ist der größte Gleichmacher der Menschheitsgeschichte. Sie ist es, die uns neue Gesichter annehmen lässt, uns den Zutritt zu neuen Gemeinschaften und Diskursen ermöglicht, die uns entdecken lässt, wer wir sind und wer wir sein wollen.“ Das hat Edward Snowden gesagt, in einem Videointerview der US-WIRED. Natürlich sieht er dahinter vor allem das Potenzial für Machtpolitik. Das Lob auf die identitätsstiftende Kraft singt er dennoch. 

Ich liege im Internet im Weg rum.

Clara Hitzel (Autorin)

Irgendwann – über 30-Jährige erinnern sich – galt das Internet ja mal als Fluchtort mit utopischen Regeln, als alternative Realität, die man ausknipsen konnte. Der sprichwörtliche Cartoon mit den zwei Hunden vor dem Computer, 1993 von Peter Steiner für den New Yorker gezeichnet, entstammt diesem Zeitgeist. „Im Netz weiß keiner, dass du ein Hund bist!“, sagt der eine zum anderen, mit der Pfote auf der Tastatur.

Heute dagegen erinnert die digitale Sphäre eher an eine klassische TV-Episode des Komikers Dieter Hallervorden. Da spielte er einen trotteligen Fußballtorwart, der ständig seinem Doppelgänger über den Weg läuft. Und dann mit dem entgeisterten Ausruf aus dem eigenen Hotelzimmer flieht: „Mein Gott, ich bin ja schon da!“ 

Meine nach außen projizierte Online-Persönlichkeit führt eine Existenz fast ohne große Niederlagen und Scheitern, fast ganz ohne Ängste oder Zweifel und nur mit kleineren, gesellschaftlich akzeptierten Schwächen.

Mario Sixtus (Journalist)

Die allgemeine Küchenpsychologie ist noch nicht ganz auf dem Level. Dass die Ich-Digitalisierung heute noch so oft als Dystopie und Bedrohung verstanden wird, hat aber wohl weniger mit der Angst vor dem Datenmissbrauch zu tun. Eher mit einem verbreiteten bürgerlichen Konzept von Authentizität, in dem das Technische, Virtuelle, Nicht-Körperliche per se als weniger maßgeblich gilt. Man kann es mutwillig andersrum drehen: Verglichen mit den trans-zendentalen Modellen, mit denen seit Aristoteles der menschliche Subjektgedanke erklärt wird, wäre es geradezu herrlich konkret, die Technologie als neue Krücke der Ich-Konstruktion zu sehen. Das digitale Ich: ein Backup der eigenen Persönlichkeit. 

„Der Mensch war immer eine technologische Spezies“, sagt zum Beispiel Rocci Luppicini, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Ottawa, Mitbegründer der interdisziplinären Technoself Studies. „Tiere haben Krallen und schnelle Beine, wir haben dafür Freiheit und Kombinationsgabe. Technologie war von Anfang an eine Wurzel unseres Daseins, und dass wir oft erst lernen müssen, richtig mit ihr umzugehen, widerspricht dem nicht.“ In den 60er-Jahren waren es die Initiatoren des Whole Earth Catalogue, in den Achtzigern zum Beispiel der Cybervisionär William Gibson, der vom ganzheitlichen, technologisch erweiterten Ich fabulierte. Es ist jetzt greifbarer, wenn auch nicht weniger herausfordernd. 

Wie ich online bin, das ist nur ein Bruchteil dessen, was mich ausmacht – und das ist schon ganz okay so.

Yasmina Banaszczuk (Autorin)

„Seit 15, 20 Jahren konzentriert sich die Philosophie immer stärker auf den Unterschied zwischen der sozial konstruierten, öffentlichen Identität – und dem Ich, das sich als Subjekt der eigenen Erfahrung wahrnimmt“, erklärt Patrick Stokes, Philosoph an der Deakin University in Melbourne. „Man könnte sagen, dass uns die sozialen Netzwerke diese Spaltung erst richtig anschaulich machen. Und uns dadurch mit ihr versöhnen.“ Wichtiger: Sie helfen uns, das existenzielle Narrativ zu finden, das der natürliche Flow der Dinge uns verweigert. „Um sich selbst als Person verstehen zu können, die über die Zeit hinweg existiert, braucht jeder von uns eine Geschichte, die die Momente unseres Lebens in eine Struktur bringt“, sagt Stokes. „Es ist genau das, was eine Facebook-Timeline leistet.“ 

Mein Online-Ich ist zu 100% so wie mein Offline-Ich – fröhlich, ehrlich, optimistisch … na gut, sagen wir zu 99%. Es ist vielleicht ein bisschen besser erzogen.

Marie/Snukieful (Video-Bloggerin)

Ist das nun die Lösung im jahrhundertealten Kampf ums Subjekt? Ersetzen wir Descartes’ „Ich denke, also bin ich“ durch „Ich googelte und fand mich“ oder durch den Datenstrom, der aus einigen der insgesamt 23 Tracking-Sensoren kommt, mit denen Chris Dancy aus Denver, selbst ernannter „most connected man in the world“, sein ganzes Leben quantifiziert? In Zukunft werden unsere Ichs noch tiefenschärfer dokumentiert und vernetzt sein, offener, kompatibler. Mit einem zwangsläufig etwas anderen Ideal von Privatsphäre, was überhaupt nicht heißt, dass man gegenüber ungewünschten Zugriffen toleranter sein könnte.

Mein Online-Ich ist für mich Agent Provokateur, Spielwiese, Nachrichtenagentur, Inkubator, Fluchtraum und Traumprojektor, vor allem aber eine Teil-Inszenierung und Lüge — ein einziger Widerspruch.

Marcus Engert (Mit-Gründer von detektor.fm)

Im Gegenteil. Wir werden dadurch eher verletzlicher, verwundbarer, schutzbedürftiger. Als vor Kurzem bekannt wurde, dass Facebook für eine Psychostudie die Filter-Bubbles von 700 000 ausgewählten Usern gezielt manipuliert hatte, empfanden die meisten die an sich harmlose Episode als groben, fast körperlichen Angriff. Ähnlich ging es den Opfern des Hackers, der Ende August unvorhergesehen durch die Multiplayer-Variante von Grand Theft Auto zog und andere Charaktere vergewaltigte. Verhaltenswissenschaftler haben den Proteus-Effekt diagnostiziert, der besagt, dass sich Menschen so stark mit ihren Avataren identifizieren können, dass sie deren gute oder schlechte Züge vorübergehend annehmen. Und selbst wenn man das für Humbug hält und die nächste unselige Ballerspieldebatte aufziehen sieht: Es zeigt noch einmal, dass es mittlerweile eher gefährlich ist, Online- und Offline-Ich zu apodiktisch zu trennen. 

Meine Online-Persönlichkeit umfasst einen von mir für die Öffentlichkeit bestimmten Teil, ergänzt um meine digitalen Fußabdruck: sie ist meine Persönlichkeit.

Teresa Sickert (Journalistin)

Der Cyborg Tim Cannon sagt es deutlich in seinem Beitrag auf Seite 91: Nein, wir müssen nicht alles und überall mitmachen. Aber wenn wir dabei sind, sollten wir uns im Klaren sein, welche vernetzte Gesellschaft wir wollen. Dass wir gute digitale Menschen sein möchten. Dass wir das Recht, auch online als komplette Personen gesehen zu werden, nicht nur fordern können, sondern auch anderen zugestehen müssen. Werden wir halt Cyberhippies. Und laden uns LivesOn herunter, vorsorglich. Die App analysiert alle vom Nutzer geschriebenen Tweets so gründlich, dass sie irgendwann selbst neue schreiben kann – wenn er gestorben ist. 

Dann gehen unsere Geschichten ganz einfach auf Twitter weiter. Keiner wird sich darüber wundern.

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