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Wir werden alle sterben! Trump liefert den Stoff für die Apokalypse

Dirk Peitz 02.06.2017

Erleben wir bald den Weltuntergang oder wird alles gut? Diese Zukunftsfrage treibt viele um, auch hier bei WIRED: Redaktionsleiter Dirk Peitz stellt sich auf die Apokalypse ein – wegen Trump, Terror und Klimawandel, wie er im Essay erklärt.

Dieser Artikel stammt aus WIRED-Ausgabe 01.2017. Wenn ihr die Ersten sein wollt, die WIRED-Artikel lesen, bevor sie online gehen: Hier könnt ihr unser Magazin testen.

Alles geht zu Ende. Es wird uns erwischen, einen nach dem anderen, jedenfalls solange die Wissenschaft den Tod noch nicht erfolgreich disrupted und abgeschafft hat. Oder, und die allgemeine Furcht davor scheint mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten groß wie lange nicht mehr: Es könnte uns auch alle auf einmal treffen. Patsch, Weltuntergang.

So wie Trump in seinen ersten Wochen und Monaten im Amt agiert hat, erscheint es wieder denkbar, dass unserer Spezies die kollektive Auslöschung nicht erst irgendwann durch den vom neuen Präsidenten ignorierten Klimawandel droht. Trump hätte eine schnellere Lösung zur Hand: die Zugangscodes zum US-Nukleararsenal. Oder, wie er selbst sich in seiner ersten Pressekonferenz im Amt am 16. Februar ausgedrückt hat: „Nuclear holocaust would be like no other.“

Hoffentlich missversteht der nordkoreanische Jungdiktator Kim Jong-un das nicht als Einladung. Angesichts der autoritären Tendenzen in vielen Ländern und den zahlreichen regionalen Konflikten tröstet es auch nicht, dass Risikoforscher aktuell die Wahrscheinlichkeit als lediglich mittelgroß einschätzen, ein Tyrann könnte das Erdenende herbeiführen.

Der Weltuntergang ist das am längsten befürchtete, aber am seltensten eingetretene Ereignis der Geschichte

Der Weltuntergang ist zwar das Ereignis, das zugleich am längsten befürchtet und doch am seltensten eingetroffen ist in der Geschichte unseres Heimatplaneten. Doch das hartnäckige Ausbleiben der Apokalypse scheint den Menschen nicht von seinen Ängsten davor abbringen zu können. Wir können uns da einer großen Tradition zugehörig fühlen: 3000 Jahre Untergang des Abendlandes lautet die brüllkomische Unterzeile des Buches Menetekel von Gerhard Henschel, in dem der Autor die Historie der apokalyptischen Fantasien bis in die Antike rückverfolgt hat.

So wenig wie die Bibel den ersten Bericht zur Erschaffung der Welt enthielt, so sehr Bewohner des Abendlandes es schon immer untergehen sahen (schon bevor es christlich wurde), so sehr litten bereits Leute vor dem Verfasser des Johannes-Evangeliums unter allerlei Offenbarungen. Doch lasset uns beten: „Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren; und der Tod und die Unterwelt gaben ihre Toten heraus, die in ihnen waren. Sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Werken.“

Ach, es wurde zu allen Zeiten unglaublich viel Düsteres prophezeit. Die Apokalypse ist eben keine Realität, sondern ein Narrativ. In Menetekel zitiert Henschel den im vergangenen Jahr gestorbenen italienischen Semiotiker, Schriftsteller, Universalgelehrten Umberto Eco: „Wie sollen wir diejenigen, die das Ende der Welt kommen sehen, davon überzeugen, dass andere, in der Vergangenheit, es auch schon so gesehen haben, und das in jeder Generation? Dass es sich um eine Art wiederkehrenden Traum handelt, wie zum Beispiel davon, dass uns die Zähne ausfallen oder wir nackt auf der Straße stehen? Nein, wird man antworten, dieses Mal ist es viel ernster.“ Eben! 

Seit dem 16. Juli 1945 bereits hat die Bedrohung des „dieses Mal“ enorm an Glaubwürdigkeit hinzugewonnen. An jenem Tag wurde beim Trinity-Test auf der White Sands Missile Range in New Mexico die erste Kernwaffe zur Explosion gebracht. Der Beginn des Atomwaffenzeitalters ist, rein apokalyptisch betrachtet, der bisher wesentlichste aller Epochenbrüche, weil damit der Mensch als wahrscheinlichster Herbeiführender des Weltendes Gott (oder den Teufel) und die Natur endgültig abgelöst hat.

Zwar mag es zuvor Katastrophen gegeben haben, die zivilisationsbedrohend gewesen sein mögen, und die Opferzahlen bei Kriegen mögen bis 1945 stetig angestiegen sein durch immer neue Waffensysteme und Arten der konventionellen Kriegsführung. Doch in dem Moment, da der Mensch sich in die Lage versetzt hatte, sich als Spezies auszurotten mit Kernwaffen, ist die Bedrohungslage eine grundsätzlich andere geworden. 

Der Mensch misstraut sich halt selbst. Die Existenz Gottes war und ist nicht beweisbar, insofern blieb und bleibt jede Gott zugeschriebene Drohung eine leere, jede seiner vermeintlichen Strafaktionen nur eine Schuldzuweisung ohne wissenschaftliche Basis. Die prinzipielle Bereitschaft des Menschen zur Selbstzerstörung hingegen lässt sich erheblich schlechter anzweifeln. Die Kontrollmechanismen, mit denen Atommächte ihre Waffenarsenale vor einem ungewollten Einsatz einhegen, sind auch nur menschengemacht, sollen aber gerade den menschlichen Faktor herausrechnen aus der Bedrohungsgleichung. Doch schon bei der zivilen Nutzung der Kernkraft, das bewiesen die Reaktorunglücke in Tschernobyl und Fukushima, können diese Mechanismen versagen, wenn menschliche Fehler und Konstruktionsmängel unglücklich zusammenwirken. 

Die Kernkraft ist das zwar kurzzeitig verdrängte, aber bis heute wirkmächtigste Symbol für ein paar Grundgewissheiten dessen, was man so technischen Fortschritt nennt – dessen Nebenwirkung unter anderem stets das Auslösen apokalyptischer Fantasien ist. Jede neue vom Menschen erfundene Technologie kann positive und negative Auswirkungen besitzen (und welche positiv und welche negativ ist, ist stets diskutierbar); jede neue Technologie kann im weitesten Sinne sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden, schöpferisch ebenso wie zerstörerisch, hat also einen möglichen dual use case; jede neue Technologie verändert das Verhältnis von Mensch und Maschine, ein stabiler Endpunkt ist da ebenso wenig denkbar wie ein Ende der technologischen Weiterentwicklung; jede neue Technologie besitzt ein Restrisiko. 

Und das nächste größte Restrisiko, dessen Erschaffung wir derzeit erleben, ist mutmaßlich dasjenige, das entstehen könnte, wenn der Mensch durch die Fortentwicklung Künstlicher Intelligenz Maschinen in die Lage versetzt, selbst schöpferisch tätig zu werden – oder eben zerstörerisch. Das wäre der zweite potenziell apokalyptische Epochenbruch: Nachdem der Mensch Gott abgelöst hat als Bedrohung, würde die Maschine den Menschen auch in dieser Funktion ablösen, ihn gar als Weltenzerstörer wegrationalisieren, nicht nur als Arbeitnehmer.

Das Restrisiko ist überhaupt der Treibstoff jeder apokalyptischen Ahnung. „We don't deal in certainty, we deal in probability“: Dieser Dialogsatz aus dem Film Zero Dark Thirty, den dort ein CIA-Mitarbeiter über die Geheimdienstarbeit allgemein und das Auffinden von Osama Bin Laden im Speziellen äußert, lässt sich ohne Weiteres auf die Erzählmotorik der Zukunftsängste übertragen. Technologische Entwicklungen produzieren zunächst nur Wahrscheinlichkeiten über ihre möglichen Folgen. Jedes Produkt, das dabei entsteht, ist nur ein Zwischenergebnis eines potenziell unendlich fortlaufenden Prozesses; jedes Produkt wird irgendwann von einem anderen abgelöst, doch die Richtung der Fortentwicklung ist von zu vielen Variablen abhängig. Alles ist denkbar, wenig voraussehbar.

Wenn aber etwas denkbar ist, dann kann es auch geschehen, lautet eine weitere vermeintliche Gewissheit. Und die selbst ist gleichsam ein Restrisiko der Gabe des Menschen zur Reflexion: Er kann sich halt alles Mögliche vorstellen, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. 

Das ist im positivsten Sinne zunächst mal der Ausgangspunkt vor jeder Erfindung, ja der Motor der Zivilisationsentwicklung schlechthin: Wir erschaffen immer weiter, was zuvor noch nicht existierte. Der potenzielle Fallout jeder Kreation ist das Risiko, dass ihr Ergebnis negative Auswirkungen haben könnte. Die Furcht des Menschen davor wächst, so scheint es, je weniger er eine Erfindung verstehen kann; je weniger er deren Folgen kalkulieren kann; je mehr von diesen Erfindungen in je kürzerer Zeit gemacht werden; als je komplexer er, der Mensch, die Welt empfindet. Was vorstellbar ist, darüber kann auch gesprochen werden; und das, worüber gesprochen wird, kann auch wahr werden.

Die Zukunftsangst des Menschen ist so wenig an objektive Fakten gebunden wie alle seine Ängste

Die Zukunftsangst des Menschen ist dabei ebenso wenig an objektive Fakten gebunden wie alle anderen Ängste auch. Das gilt umgekehrt für den Zukunftsoptimismus erst recht: Jedes Happy End steht unter dem Vorbehalt, dass es nur vorläufig ist, solange wir ja leider alle sterben werden. Darum braucht das Gute immer bessere Argumente als das Schlechte, denn vom Schlechten lässt sich leichter ausgehen – tritt es ein, so bestätigt sich lediglich, dass wir mit unseren düsteren Vorahnungen richtig lagen. 

Dass die Welt aber zum Beispiel offenkundig erst mal nicht am Waldsterben zugrunde gehen wird, wie in den 80er-Jahren noch befürchtet wurde, ist für den Apokalyptiker als solchen kein Anlass zur Freude, Entspannung, ja gedanklichen Umkehr – er sucht sich einfach etwas anderes aus, an dem er die Welt stattdessen künftig zugrunde gehen sieht. Der Apokalyptiker fühlt sich nicht erst durch das Eintreffen des Weltuntergangs bestätigt, sondern durch die prinzipielle Denkbarkeit dieses Vernichtungsereignisses. Die Paranoia ist, wenn man so will, die Nachtseite der menschlichen Gabe zur Vorstellungskraft, sie ist ein Mind Set.

Die Verbreitung paranoider Weltsichten (und jede apokalyptische bedarf der Paranoia) lässt sich auch nicht messen, und doch sind wir uns sicher: Noch nie war sie so groß wie heute. Belegbar ist allenfalls, dass das Internet als Distributionsplattform sie wesentlich hör- und sichtbarer gemacht hat, doch auch dieses schwarze Rauschen lässt sich nicht quantifizieren. Zu den hohen Prä-Internet-Zeiten der Postmoderne ließ sich die Paranoia gerade als amerikanisches Kulturgut genießen etwa in Romanen von Thomas Pynchon und Don DeLillo; die Angst vorm Dooms Day ist eben nicht nur religions-, sondern auch kulturstiftend, und die Prepster das passende Pop-Phänomen dazu.

Wenn sich heute auch reiche Silicon-Valley-Oligarchen auf das Ende aller Tage vorbereiten, kehren sie eigentlich nur an die Quelle der kalifornischen Ideologie zurück: Die Idee der Disruption, mit der jeder Wirtschaftszweig angegriffen wird, ist letztlich eine paranoide, die auf Misstrauen gegenüber Institutionen basiert und auf Feindschaft gegenüber der etablierten (Branchen-)Ordnung. Der Disruptor erkennt ihre Ineffizienz und benutzt diese als Verkaufsargument für seine effizienzsteigernden Produkte. Das Verrückte ist, dass die amerikanischen Wähler sich gemäß dieser Logik nun einen Disruptor-in-Chief zu ihrem Präsidenten gewählt haben. 

Denn das hat den Tech-Analphabeten, Society-Außenseiter und Serienbankrotteur Trump ins Amt gespült: Misstrauen gegenüber Institutionen und Feindschaft gegenüber der Ordnung, ja letztlich eine politische Zuspitzung der Ideologie der Disruption, wie Peter Thiel, Trumps Verbündeter im Valley, sie im Sinne haben mag. Das Entfachen von Chaos, das Herstellen von zumindest temporärer Unordnung ist das Störgeräusch der Disruption. Trumps Chefstratege Stephen Bannon hat das Ziel längst ausgegeben: „deconstruction of the administrative state“, die Zerstörung der Bürokratie, die Garant der alten Ordnung ist. Zugleich will Bannon die Globalisierung abwickeln und eine noch viel ältere Ordnung wiederherstellen, die Konkurrenz der Nationalstaaten. Das könnte auch gut im Weltkrieg enden.

Das in Bannons verschwörungsaffinen Kreisen populäre Narrativ wiederum vom Deep State, vom vermeintlich unkontrollierbaren Apparat der Geheimdienste, ist ebenso gespeist von Paranoia – doch jede weitere Enthüllung zu den theoretischen Möglichkeiten wie den Praktiken von NSA, CIA und FBI scheint ja zu bestätigen, dass diese Paranoia gerechtfertigt sein könnte. Das Paradoxe derzeit ist, dass der oberste Dienstherr der US-Geheimdienste zugleich als deren entschiedenster Gegner wirkt. Und dass diese politische disruption von oben geschieht, nicht von unten, wie sonst: Ein Mann, der sich als David geriert, sitzt in Goliaths Büro, dem Oval Office.

Ist Donald Trump also Apokalyptiker? Und was würde das bedeuten? Kann ein einzelner Mann wirklich der Geschichte der Menschheit eine neue Richtung geben, sie womöglich an ihr Ende führen? Oder reicht schon die Unfähigkeit dieses einen Mannes, um eine Kettenreaktion auszulösen, die das hochkomplexe Gefüge internationaler Politik- und Wirtschaftsbeziehungen zerstört und schließlich in einem weltenverschlingenden Krieg mündet? Wird das Narrativ der Apokalypse zur Wirklichkeit?

Das werden wir schlimmstenfalls erleben. Besseren Stoff für Weltuntergangsfantasien hat es jedenfalls lange nicht mehr gegeben. Der Clou an diesem Plot ist, dass er nach seinem Wahrwerden von niemandem mehr erzählt werden könnte. Denn dann sind wir ja alle tot.

​Lest außerdem: We will survive! Solange wir realistisch bleiben von Nikolaus Röttger. Der WIRED-Chefredakteur glaubt im Gegensatz zu Dirk Peitz doch noch an ein Happy End.