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#MerkelStreichelt war nicht die einzige Peinlichkeit ihres Auftritts!

Anja Rützel 17.07.2015

Die Twittertrends: Manchmal hochsensibles Messgerät für jede Zeitgeist-Zuckung, dann wieder Anspülstelle für hochgewirbelte Wunderlichkeiten. Unsere Autorin seziert in der #Bashtag-Kolumne den seltsamsten Hitparaden-Hashtag der Woche. Dieses Mal: #MerkelStreichelt.

Nach dem Zorn kommen die Bildchen. Darauf kann man sich bei allen kollektiven Online-Wutausbrüchen verlassen. Auch die täppischen Tröst- und Anfassversuche von Bundeskanzlerin Angela Merkel, mit denen sie bei einer Diskussion mit Rostocker Schülern ein verzweifelt weinendes palästinensisches Mädchen aus dem Libanon bedachte, das sich vor der Abschiebung seiner Familie fürchtet, mündeten erst blitzschnell in den Hashtag #MerkelStreichelt — und dann, zweite Twitter-Inkarnationsstufe, in ein Meme.

In ein extrem naheliegendes, wenig überraschendes Meme zwar, das natürlich dennoch in den obligatorischen Variationen durchgenudelt wurde: irgendein aktueller Bezug, irgendwelche niedlichen Tiere, irgendein „Game of Thrones“-Bezug.

Je mehr Bildchen, desto weiter ist die Gemütabkühlung schon wieder vollzogen: Wenn eine Sache erst ulkisiert wurde, regt man sich weniger über sie auf. Lachen kann auch verharmlosen, auch wenn man solche Witze natürlich braucht, um nicht völlig irre zu werden.

Dafür kann man sich jetzt, bei fallender Wutkurve,  auch mal das Ausgangsmaterial genauer anschauen, das so eilig zum Hashtag #MerkelStreichelt blitzgefriertrocknet wurde — die ungeschnittene, eineinhalbstündige Fassung des Merkelschen Schulausflugs nämlich, ein als Austausch gedachte Schülertreffen, das Teil ihres planmäßigen Bürgerkontaktprogramms „Gut leben“ war. Und zu betrachten, was die längst zur Gewohnheit gewordene Hashtagisierung von politischen Diskussionen mit dem Gesamtwust macht, aus dem das portionierte Detail herausfiletiert wurde.

#MerkelStreichelt zeigt deutlich, dass diese Verkürzung und Zuspitzung durchaus nützlich sein kann: Weil der Hashtag genau wie der dazugehörige Videozusammenschnitt der Streichelszene ein Schlaglicht auf abstrakte Politik wirft, das so grell ist, dass es schmerzt, weil es die verschwimmende Masse der Flüchtlingsschicksale für einen kurzen Moment glasklar und scharfkontrastig ausleuchtet. Der Nachteil natürlich: Der nicht verhashtagte Rest drumherum interessiert niemanden.

Im Gesamtkontext der anderthalb Stunden Schülertreffen, dokumentiert im offiziellen Video der Bundesregierung, wirkt die Streichel-Szene nicht weniger hart. Die hölzerne Sozialmechanik der streichelnden Kanzlerin wirkt gar noch verstärkt, je länger man sie mit den Sechstklässlern sprechen hört. Sie hatten in Workshops Fragen an Merkel vorbereitet, die von ihr mit mittlerer Grinchhaftigkeit beantwortet wurden — nach dem tendenziell verstockten Interview mit LeFloid keine sehr gelungene Fortsetzung des „Gute leben“-Dialogprojekts.

Tatsächlich fallen einem direkt noch ein paar alternative Hashtags ein, mit denen man Merkels Performance auf Twitter verhackstücken hätte können. #Eiertanz zum Beispiel, denn aus dem Thema Tier- und Naturschutz wand sich die Kanzlerin wie ein nicht sehr gut geschmierter Aal mit Einlassungen wie „Tiere sind auch Geschöpfe“, die man nicht quälen dürfe, dem Hinweis, dass die Kunden ja durchaus Bioeier kaufen könnten, wenn sie möchten, und Einlassungen zum anstrengenden Erbsenanbau. Und eine Blitzidee, wie man den allgemeinen Fleischkonsum wenigstens an einem Tag der Woche einschränken könnte: Im Christentum gebe es ja die Regel, „dass es Freitag Fisch gibt und nicht Fleisch“, so Merkel. Aber Fische seien ja auch Tiere, fiel ihr dann doch noch ein — Paradevorlage für den Hashtag #nichtFischnichtFleisch.

Nach ausführlichen Plaudereien zum Thema „In welchen Abständen sollten öffentliche Mülleimer platziert werden und sollte man fremder Leute Schmodder aufheben?“ (#MerkelGegenFerkel) wurde es noch einmal unbehaglich, als ein Schüler das Thema Homo-Ehe ansprach und sich zu Beginn seiner Frage selbst als homosexuell vorstellte: Was eigentlich genau der Unterschied zwischen hetero- und homosexuellen Paaren sei, wollte er wissen. Und bekam neben der Merkelschen Ehedefinition („zwischen Mann und Frau“) noch in steifen Sätzen mit auf den Weg, dass seine Würde durch diese Unterscheidung doch keinesfalls verletzt werde. Vielleicht werde sich iiiirgendwann die Haltung der CDU zur Homoehe ja einmal ändern (#HätteKönnteWürde).

Am Ende lernte Angela Merkel bei ihrem Ausflug ins Volk von einer Schülerin immerhin noch eine neue Redewendung: „völlig am Apfel drehen“ für „mächtig ausrasten“. Interessiert fragte sie nach, eine kurze Pause von der prusseliesehaften Unterkühltheit. So kurz aber, dass sich dafür kein eigener Hashtag lohnt.

Im letzten #Bashtag hat unsere Autorin die besten #NetzFragtMerkel-Fragen für LeFloids Interview mit der Kanzlerin rausgesucht.

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