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Was hilft gegen IS-Propaganda im Netz? Terror-Satire liken und teilen

Christina zur Nedden 06.05.2016

Wie wehrt man sich gegen IS-Propaganda im Internet? Mit Humor, sagen Islamwissenschaftler und deutsch-muslimische Satiriker auf der re:publica in Berlin. Und vor allem auch, indem man Terrorismus-Satire likt und teilt.

Im Januar trauten „Beliebers“ ihren Augen nicht als unter dem Hashtag #JustinBieber ein Exekutions-Video auf Twitter auftauchte. Der selbsternannte „Islamische Staat“ hatte den Erfolgs-Hashtag an einen Link zu einem Rekrutierungsvideo geklebt in der Hoffnung ein paar der rund 70 Millionen meist jugendlichen Follower des Bieber-Kanals für den Dschihad zu begeistern.

Für IS-Kämpfer dient der Westen als Feindbild, sie nutzen für ihre Zwecke jedoch genau die Mechanismen westlicher Popkultur. So erreichen sie Jugendliche, die im Internet womöglich nach Sinn suchen und sich konkreten Rat für ihr Leben erhoffen. Der IS ist mit Videos, Fotos, Info-Seiten zur Stelle. Und die erreichen ihr Publikum auch dadurch, dass Medien die Inhalte teilen – zwar zu Demonstrationszwecken und mit journalistischer Distanz. Aber so verbreitet sich die Propaganda.

Nach den Terroranschlägen in Brüssel war das etwa so, als mehrere deutsche Medienhäuser eine Fotomontage des IS-Medienablegers „Furat“ teilten, um zu zeigen wie real die Terrorgefahr auch in Deutschland sei. Darauf zu sehen: Ein vermummter Mann im Tarnanzug mit umgeschnallter Knarre, der auf den Flughafen Köln-Bonn blickt, darunter ein Schriftzug: „Was deine Brüder in Belgien schaffen, schaffst du auch“.

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Mehr Zurückhaltung bei Medien wäre der eine Weg, um der Propaganda des IS im Netz Grenzen zu setzen. Doch auch jeder Einzelne kann etwas tun, wurde diese Woche auf der re:publica klar: „Terroristen auslachen und sie dadurch diffamieren“, riet Nemi El-Hassan, Mitgründerin des YouTube Kanals Datteltäter auf der Konferenz in Berlin. In ihren Videos macht sie sich gemeinsam mit vier anderen jungen Berlinern, drei von ihnen muslimische Deutsche, über Selbstmordattentäter und Terrorismus lustig.

Das erste Video der Datteltäter, die es seit letztem Jahr gibt, heißt Mit ISIS ins Weekend Feeling. Darin bereiten sich zwei junge Männer zu der fröhlichen Ohrwurm-Melodie der bekannten Sahnejoghurt-Werbung aus den 90ern auf einen Selbstmordanschlag vor. Sie singen: „Jag dich doch hoch, drück auf den Knopf, benutz nie wieder deinen Kopf, mit IS ins Höllenfeuer.“

„Wir führen einen Kampf um die Köpfe“, sagt El-Hassan. „Diejenigen, die kurz vor der Ausreise nach Syrien stehen, erreichen wir natürlich nicht mehr, aber die, die auf der Kippe stehen, vielleicht doch.“

Die Datteltäter sind ein deutsches Beispiel für eine wachsende internationale Online-Gemeinschaft, die Terror und Vorurteilen mit intelligentem Witz entgegentritt. Da gibt es zum Beispiel den Twitter Account ISIS Karaoke, der Fotos von IS-Kämpfern mit Popsong-Zitaten versieht oder das #Allahuquackbar-Meme von 4chan, dass mit Photoshop Köpfe von Badeenten auf die Körper von bekannten Dschihadisten setzt.

Auf der re:publica riefen El-Hassan, ihre Kollegin Farah Bouamar, die Islamwissenschaftlerin Miriam Seyffarth und die Journalisten Thomas Wiegold und Sascha Stoltenow dazu auf, Humor und Satire über Terrorimus mehr als bisher zu klicken und zu teilen. Nur dann hätten solche Inhalte eine Chance, von Suchalgorithmen als relevant eingestuft und der echten IS-Propaganda vorgezogen zu werden.

Es gehe auch darum, den Urhebern dieser Satire-Aktionen den Rücken zu stärken, war sich das Panel einig. Ihr Einsatz gegen IS-Propaganda sei riskant, da helfe es, wenn sich die Verantwortung auf viele Schultern verteile. Die Datteltäter wollen sich in ihrer Satire, die sie als Kunst bezeichnen, nicht einschränken lassen. „Wenn man anfängt Angst zu haben, haben die anderen schon gewonnen“, sagt Nemi El-Hassan. 

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