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Cheat Sheet / Peeple und die Angst um unsere digitale Identität

Max Biederbeck 10.03.2016 Lesezeit 5 Min

Ein Cheat Sheet ist mehr als ein Spickzettel. Studenten packen Gleichungen darauf, kritzeln Aufzählungen, listen Infos. Während sie den Zettel für ihre Klausur zusammenschreiben, lernen sie die Hintergründe der Materie. Am Ende brauchen sie ihn vielleicht gar nicht mehr. Wir wollen euch so einen Cheat Sheet für aktuelle Debatten zur Hand geben. Heute: Warum unser digitales Selbst immer mehr zum Produkt wird, ohne dass wir etwas dagegen tun.

Was? – Eine App, sie zu bewerten
Nach Monaten des Streits ist sie in den USA online gegangen: Peeple hat den AppStore erreicht. Mit der App sollen Menschen andere Menschen bewerten. So wie bei Yelp, nur mit Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen statt auf Restaurants.

In den Worten der Entwickler klingt das so: Peeple biete einen „Referenzcheck für Menschen um uns herum.“ Ein Check mit den Bewertungskategorien: persönlich, professionell, romantisch. Er soll nachvollziehbar machen, was für eine Person man da eigentlich für einen Job anstellt, mit wem man ein Geschäft abschließt oder wer einem beim Date oder WG-Casting gegenüber sitzt.

In den Worten der Kritiker klingt das so: Menschen online zu bewerten, das ist nicht nur menschenfeindlich sondern bietet eine weitere Plattform für digitale Rachefeldzüge. Paul Bernal, Anwalt und Dozent an der University of East Anglia, sagte der BBC bereits zu Beginn der Diskussion im Oktober: „Unterm Strich ist das ziemlich gruselig. Es ist ein ideales Trolling-Tool.“ Die große Angst der Peeple-Gegner: User könnten die Kontrolle über ihre eigene Identität verlieren, wenn sie mit Falschinformationen und Schmierkampagnen bombardiert werden.

Die Entwickler reagierten auf den Gegenwind und haben für den Release einiges an Peeple verändert: Eine Bewertung ohne Einverständnis soll es nicht mehr geben, vor allem nicht für alle sichtbar. Auch herrscht bei der neuen Version Klarnamenpflicht. Kritiker bleiben dennoch erzürnt, vor allem wegen des Bezahlmodells. Mit einer „Truth“-License können Premium-User nämlich weiterhin alle Bewertungen abrufen, selbst wenn User diese eigentlich versteckt hat.

Warum ist das wichtig? – Der Trend zum Profiling
Die Crux an der Geschichte ist einfach: Es gibt gerade hier in Deutschland einen Aufschrei ohne Produkt. Peeple existiert bisher nur in den USA und selbst wenn es hier auf den Markt kommt: Ob die App erfolgreich sein wird oder nicht, ob sie wirklich einen sozialen Impact hat oder nicht, das alles lässt sich noch gar nicht sagen. Es steckt eine tiefere Angst hinter dem monatelangen Shitstorm, und sie hat etwas mit einer grundlegenderen Entwicklung zu tun, um die sich Privacy-Aktivisten schon lange sorgen.

„Es geht hier um eine ganze Bewertungskultur, die sich durchsetzt“, sagt Stephanie Hankey vom Tactical Technology Collective. Sie organisiert gerade die Ausstellung „Nervous Systems“ in Berlin. Untertitel: „Quantified Life and the Social Question“. Hankeys großes Thema ist die Frage, was unser digitales Leben und alle damit verbundenen Datenspuren eigentlich mit uns als Menschen machen. Peeple, so ist sie sicher, macht auch deshalb solche Angst, weil die App uns die Macht über unsere digitalen Profile aus der Hand nehmen könnte. Eine Entwicklung, die durch andere Produkte längst passiert.

Die Aktivistin kennt viele Beispiele für das Profiling ohne unser Einverständnis: „In Afrika und China werden Social-Media-Daten herangezogen, um etwa die Kreditwürdigkeit eines Kunden zu überprüfen“, sagt Hankey. Versicherungen begünstigten mehr und mehr diejenigen, die über ihre Wearables gute Fitnessdaten übermitteln. Nicht nur bei Facebook und Google ist es völlig normal geworden, alles mit den Unternehmen zu teilen. Wer an dieser Logik nicht teilnimmt, kann viele Dienste im Grunde gar nicht mehr richtig nutzen.

„Durch Apps wie Peeple entstehen Soziale Normen, denen wir uns im Digitalen einfach unterordnen“, sagt Hankey. Institutionen und Unternehmen nutzen das aus – massenhaft. Wer dabei sein will, lässt sich dann eben bewerten, teilt Fremden seinen Lebenslauf mit, erklärt einem Algorithmus, welche Sex-Praktiken er mag. Unsere Identität, sie wird so zum digitalen Produkt degradiert. Es wird von Programmen ausgewertet, als Ware gekauft und verkauft – oder wie im Fall von Peeple der digitalen Crowd mehr oder weniger bewusst zum Fraß vorgeworfen (ganz davon abgesehen, dass auch hier verwertbare Daten angehäuft werden).

„Der Mensch war schon immer fasziniert davon, effizienter zu sein", sagt Hankey. All die erhobenen Daten und damit verbundenen Bewertungen über ihn suggerieren vor allem eins: Alles kann individualisiert werden, alles genau auf einen persönlich abgestimmt. „Genau das Gegenteil ist der Fall“, sagt Hankey. „Wir lassen uns analysieren, aggregieren und werden zur Zahl.“ Wir glauben, dass sich Programme perfekt an uns anpassen, im Grunde passen wir uns aber in unserem Verhalten immer mehr an die Programme an. „Wir werden unbewusst zu Angestellten“, erklärt Hankey: Wir arbeiten Bewertungen zu, liefern Forschungsdaten und werden als Produkte gehandelt.

Wie geht es weiter?
Der Spruch „Nichts ist kostenlos im Internet“ ist mittlerweile zur Binsenweisheit geworden. Das Misstrauen wächst, das zeigt auch der Aufschrei gegen das Modell von Peeple. Das ist im Grunde eine gute Entwicklung. Verschiedene Bewegungen suchen Antworten auf die Kontrollfragen unseres digitalen Alltags. Auf der einen Seite stehen Privacy-Aktivisten, die uns die Kontrolle über unsere Daten zurückbringen wollen, etwa indem sie versuchen, einen „Do Not Track“-Standard durchzusetzen. Andere wie etwa AdNauseam wollen uns durch die massenhafte Herstellung von Fehlinformationen wieder unsichtbar machen. Die Entwickler reden von Obfuscation. Solche Ansätze würden auch das Geschäftsmodell von Peeple zerstören, weil sich Nutzer (und Unternehmen) nicht mehr auf die Korrektheit von Informationen verlassen könnten. Wiedere andere beschäftigen sich mit der völligen Öffnung der Privatssphäre, allen voran sogenannte Post-Privacy-Aktivisten.

„Wir müssen nicht unbedingt von einer Dystopie in der Zukunft ausgehen“, sagt auch Stephanie Hankey. Es sei nur wichtig, dass die Entwicklung nicht von den Unternehmen von Oben nach Unten bestimmt wird. Wie das gehen kann, zeigt ein Beispiel aus ihrer Ausstellung. Dort hat ein Künstler ein Fitbit-Armband an ein Metronom geklemmt – Daten, die an eine Versicherung weitergegeben würden, würden ständige Bewegung zeigen. „Je mehr sich Unternehmen auf unsere Daten verlassen, desto leichter lassen sie sich reinlegen“, sagt Hankey.