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Bashtag / Wenn die YouTuber-Liebe zerbricht, gibt es zum Glück immer noch Porno-Fanfiction

Anja Rützel 31.07.2015

Die Twittertrends: manchmal hochsensibles Messgerät für jede Zeitgeist-Zuckung, dann wieder Anspülstelle für hochgewirbelte Wunderlichkeiten. Unsere Autorin seziert in dieser Kolumne den seltsamsten Hitparaden-Hashtag der Woche. Dieses Mal: #dagmo.

Die Tiere sind unruhig, die Kinder nervös. Es geht ein Beben, ein Bangen durch Twitter. Eine noch unter der Oberfläche blubbernde Ahnung der nahenden Katastrophe, die nur kleine Säugetiere und sehr junge Menschen spüren können, die noch nie mit der segensreich desillusionierenden Kraft des Zynismus in Kontakt gekommen sind. Könnte es wirklich sein — so die in zittrigen Tweets unter dem Hashtag #dagmo in die Welt entlassene Furcht — dass sich Dagi Bee und Liont tatsächlich getrennt haben?

Dagi Bee und Liont sind, man muss es vorsichtshaber doch noch mal erwähnen, so etwas wie das Glam-Power-Paar der Um-die-Zwölfjährigen. Sie schminkt, er rappt (im weitesten Sinne). Weil die beiden mit bürgerlichem Namen Dagmara und Timo heißen, ist ihr gemeinsamer Paar-Hashtag #dagmo — man kennt das Prinzip von Erwachsenenpaaren wie Brangelina oder Tomkat. Anders als bei den adulten Versionen aber hat die immerhin schon vier Jahre währende Liebe von #dagmo keine Sollbruchstelle, kein Ablaufdatum. Kleine Nagetiere und Kinder sind sich sicher: Das ist für die Ewigkeit.

Umso größer ist das Entsetzen, weil seit einigen Wochen immer wieder mal Gerüchte von Trennung aufwallen. Aktuell augenscheinlich befördert vom männlichen Pärchenpart selbst:

Richtig nachvollziehbar ist diese Botschaft natürlich nicht, was der vergänglichen Natur des Kanals geschuldet ist. Da habt ihr den Salat mit euren flüchtigen Streams'n'Snaps! So neu allerdings die Kommunikationsformen der jungen Menschen, so alt ihr Ideal von ewig währender Pärchenliebe. Es erscheint wie ein sonderbares, rührend ältliches Gegengewicht zur vermeintlich allumfassenden Übersexung unserer liederlichen Zeiten, dass gerade auf YouTube die konservativsten Pärchenkonstallationen so bewundert und ihre Beziehungen am liebsten in Beton gegossen würden. Umso heißer werden die Doppelpacks verehrt, desto traditionellere Geschlechterrollen in ihnen vorgelebt werden — meist: Das süße Mädchen und der freche Junge. So zu studieren bei den YouTube-Paaren Dagi und Timo, Bibi und Julienco, Paola und Sascha. Als Unge und seine YouTuberin-Freundin CatyCake sich ganz dezent und zivilisiert trennten, übernahmen ihre Fans in den Video- und Instagram-Kommentaren — und natürlich auf Twitter — das Zeter und Mordio.

Noch ist die Trennung von #dagmo nicht bestätigt, vorsichtshalber hat die Beweinung auf Twitter aber schon begonnen. Wobei die meisten noch im ersten Trauerstadium verharren, dem Nichtwahrhabenwollen.

Progressivere #dagmo-Freunde haben schon zur zweiten Stufe vorgespult: intensive, aufbrechende Emotionen.

Andere suchen noch nach eindeutigen Beweisen für die Trennung:

Natürlich gibt es auch grobe Klötze, an denen das Drama teflonpfannenhaft abperlt:

Für viele weiche Kinderseelen jedoch wird der mögliche #dagmo-Split der erste Reality-Check sein. Auch wenn einige schon planen, sich der grausamen Wahrheit über die Endlichkeit der Liebe zu verweigern:

„Ship“ steht hier als Abkürzung für Relationship. „Ich shippe Heckel und Jockel“ bedeutet in diesem Sinn: Ich fände es super, wenn Heckel und Jockel ein Paar würden und zusammen in den Sonnenuntergang spazieren — #hockel. Mit dem Shippen sind die jungen Menschen im Internet immer schnell dabei, vor allem, wenn es um Figuren aus „Harry Potter“ oder YouTuber geht. Dabei ist es völlig egal, wie unrealistisch die Verpaarungen scheinen: Aus den Let's-Playern Gronkh und Sarazar wird dann schnell mal Vallerik (gebildet aus ihren Vornamen Valentin und Erik), die Jungmädchen-Schmachtbuben Taddl und Ardy werden zu Tardy. Praktischer Hintergedanke bei solchen Verkuppelungen: Wenn ich, das Schwärmemädchen, die beiden schon nicht haben kann, dann sollen sie die ganze Fummelei doch bitte gleich unter sich ausmachen.

Mitunter werden diese Ideen dann in Fanfictions ausgearbeitet - sie zeigen dann meistens das andere Ende des Beziehungsspektrums und handeln von ganz und gar nicht mehr vanilliger YouTube-Liebe. In handfestem Soft- bis Semiporn fabulieren die jugendlichen Amouren-Dichter explizite Sexszenen zwischen ihren verpaarten Videofilmern zusammen. Die Kurzbeschreibungen auf denen entsprechenden Fanfiction-Sammelseiten mögen noch harmlos klingen: „Jako leidet seit Stunden, er hat einen grausamen Ohrwurm. Nur Felix kann ihm helfen, die Tortur zu beenden. Doch die Nachwirkungen dieses einen Liedes sind überraschend…“ Oder: „Diese FF beinhaltet Leichen, Blut und Mord. Hier steckt auch Fantasy und Romanze mit drinne. boy x boy (Tardy).“

Die Ausformulierung kann dann allerdings durchaus deftige Bums-Szenen enthalten, wie dieses Video sehr schön dokumentiert:

Mit der einen, reinen #dagmo-Liebe hat solche Sudelei freilich nichts zu tun. Wie schade wäre es, sollte sie tatsächlich zerbrochen sein. Das Leben aber, diese grausame Bitch, geht wohl auch dann einfach weiter:

Letzte Woche erläuterte Anja Rützel in ihrer Kolumne den Bashtag #smoothie.Mehr über die deutsche Videoblogger-Szene lest ihr in unserer Story „Inside YouTube“. 

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