Böse, böse: Warum wir schon vor Instagram Psychopathen waren

Elisabeth Rank 19.03.2015 Lesezeit 6 Min

Ein Artikel über Instagram scheucht neulich die deutsche Twitter- und Bloglandschaft auf. Sein Name: „Instagram macht uns alle zu Psychopathen.“ Welt.de-Autorin Laura Ewert schreibt darin, das Netzwerk sei „die schädlichste, böseste und kaputteste App“.  Nike van Dinther vom Blog „This Is Jane Wayne“ rechtfertigte sich daraufhin, denn ihre Bilder wurden im Text erwähnt: „Geht, wenn es euch nicht gut tut.“ Dieser Clash der Gegner und Befürworter von Instagram zeigt erneut, was das Netz häufig nicht so gut schafft: Unterschiede auszuhalten. Ein Kommentar.

Natürlich ist es leicht zu motzen. Zu motzen über blank polierte Bilder von Produkten, Klamotten, Wohnungen, und dem idealen Lichteinfall auf einem frisch gemachten Bett, auf dem das perfekt angezogene Baby liegt und verträumt in die Welt grinst. Es ist einfach, sich darüber aufzuregen — und berechtigt. Warum? Ein Großteil der auf Instagram veröffentlichten Fotos wird von jenen publiziert, die mit Veröffentlichungen ihr Geld verdienen, sei es als Blogger, Journalist, Fotograf. Da sich moderne Arbeitsmodelle häufig nicht mehr vom allgemeinen Lebensmodellen unterscheiden lassen, verschwimmen für viele die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben, zwischen Öffentlichkeit und dem geschützten Raum, zwischen Internet und eigenem Bett.
 
Das darf man blöd finden, wenn man in seinem eigenen vollgekrümelten Bett sitzt, neben einem brüllenden Kind, während man müde der rödelnden Waschmaschine zuhört, deren Sound rein gar nichts mit der auf Instagram geordneten Exponat-Welt zu tun hat. Dennoch liegen der von Ewert im Welt-Text ausführlich beschriebenen Wut einige Missverständnisse zugrunde.

Natürlich ist es leicht zu motzen. Zu motzen über blank polierte Bilder von Produkten, Klamotten, Wohnungen, und dem idealen Lichteinfall auf einem frisch gemachten Bett, auf dem das perfekt angezogene Baby liegt und verträumt in die Welt grinst. Es ist einfach, sich darüber aufzuregen — und berechtigt. Warum? Ein Großteil der auf Instagram veröffentlichten Fotos wird von jenen publiziert, die mit Veröffentlichungen ihr Geld verdienen, sei es als Blogger, Journalist, Fotograf. Da sich moderne Arbeitsmodelle häufig nicht mehr vom allgemeinen Lebensmodellen unterscheiden lassen, verschwimmen für viele die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben, zwischen Öffentlichkeit und dem geschützten Raum, zwischen Internet und eigenem Bett.
 
Das darf man blöd finden, wenn man in seinem eigenen vollgekrümelten Bett sitzt, neben einem brüllenden Kind, während man müde der rödelnden Waschmaschine zuhört, deren Sound rein gar nichts mit der auf Instagram geordneten Exponat-Welt zu tun hat. Dennoch liegen der von Ewert im Welt-Text ausführlich beschriebenen Wut einige Missverständnisse zugrunde.

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Die App ist schuld, schreit der Titel „Instagram macht uns alle zu Psychopathen“. Denn so wie das Video das Radio umgebracht hat und auch das Internet die Schuld am Untergang der Printmedien trägt, so macht uns Instagram jetzt krank vor Neid. Der arme Nutzer. Er muss fressen, was er hingestellt bekommt. Aber ist das wirklich so? Muss man sich durch die Profile jener scrollen, die man verabscheut? Muss man nicht. Macht man aber trotzdem. Aus Faulheit, Faszination oder Masochismus, bitte kreuzen Sie an.
 
Die Kritik von Ewert ist keine an der Foto-App, sondern an der Zusammenarbeit von Unternehmen, Marken, PR-Agenturen und Publizisten, die sich jenen Kanälen zuwenden, die am effektivsten funktionieren. Das ist nichts Neues, schon früher wurden Produkte platziert, Berichterstattungen gekauft,  und Pressereisen bezahlt — nur hat davon am anderen Ende der Welt niemand etwas mitbekommen. Instagram ist jedoch ein Kanal, der plötzlich für jeden sichtbar macht, was schon immer en vogue war: dass es zwischen Presse und Marketing häufig keine klaren Grenzen gibt. Das muss man nicht gut finden. Man darf nur nicht so tun, als sei das eine Entwicklung, die Instagram erst hervorgebracht hat.
 
Ewert schreibt in ihrem Pamphlet, dass es keine Möglichkeit gibt, diesen arrangierten Lebenswelt-Katalogen aus dem Weg zu gehen. Die gibt es aber. Denn Instagram ist durchaus anpassungsfähig und funktioniert für viele unterschiedliche Zwecke wunderbar: als Portfolio für Fotografen, als Reisetagebuch, als nur einer bestimmten Gruppe von Nutzern zugängliches Familien-Foto-Album, als Sammlung von Kuriositäten, Inspirationsquelle für Illustratoren, als Ort, an dem ich sehe, was meine Freunde gerade tun – oder eben als Laufsteg. Die Auswahl einer für mich persönlich geeigneten Followerschaft macht jedoch Arbeit. Ich als Nutzer muss mir andere Profile ansehen, ihnen folgen, eine Auswahl treffen. Uffz. Dass jemand keine Lust hat, sich über den eigenen Anspruch Gedanken zu machen, ist nachvollziehbar. Dennoch schreit Ewerts Kritik dem Nutzer ins Gesicht, er könne sich nicht aussuchen, was er sieht und rezipiert. Und enthebt ihn damit seiner Mündigkeit. Denn Instagram hat mehr zu bieten als Blogger-Accounts, die gut ausgeleuchtet neue Produkte oder Frühstücksschüsseln präsentieren, auch auf Instagram gibt es bekleckerte Tischdecken und unscharfes echtes Leben zu sehen. Man muss es nur suchen.
 
„Das Wettrüsten im Privaten hat längst begonnen“, schreibt Ewert. Man ertappe sich dabei, Gegenstände so zu arrangieren, dass es für den Handyscreen gut aussieht. Doch wieso sollen jene, die Spaß daran finden, das nicht dürfen? Einen Ort haben, an dem es aufgeräumter ist als im echten Leben? Auch das sehe ich auf Instagram nicht zum ersten Mal: Die Fernsehsender sind voll mit diesen Bildern, aus jedem Magazin glotzt mich eine Realität an, die mit meiner nichts gemein hat.
 
Nike van Dinther, Bloggerin auf This Is Jane Wayne, rechtfertigte sich in ihrem Blog zu der von Ewert geäußerten Kritik. Die Bloggerin erkannte in der Beschreibung ihre eigenen Fotos und antwortete prompt: „Vielleicht müssen wir also gar nicht mit dem Teilen von Fotos aufhören, sondern endlich das mühselige Vergleichen unseres realen Seins mit virtuellen Accounts an den Nagel hängen.“ Natürlich ist dies ein Kommentar einer sehr erfolgreichen Bloggerin – aber auch jene sieht nur nach außen privilegiert aus. Welche Probleme und Schwierigkeiten Van Dinther vielleicht auch hat, das zeigt sie nicht auf Instagram. Doch was nicht auf Bildern existiert, gehört nicht zum Menschen, könnte man denken. Und auch hier liegt wieder ein Missverständnis vor: Denn Instagram zeigt keine reale Welt, sondern nur einen sorgsam ausgewählten Ausschnitt. Der Mensch geht dahinter noch weiter, auch wenn man’s nicht sieht.
 
Was die immer wieder aufkommende Diskussion jedoch zeigt, ist, dass der Mensch im sozialen Web sowie im echten Leben Schwierigkeiten hat, Unterschiede auszuhalten. Es gibt keine richtige und keine falsche Form der Nutzung von sozialen Netzwerken, denn jede Nutzung zeigt ein real existierendes Bedürfnis an. Bei Ewert nach Ruhe, bei Van Dinther nach Aufmerksamkeit einer Peer Group.

Das Wegschalten von Werbeblöcken, die eigene Abgrenzung, vor allem aber die Auswahl dessen, was man lesen, sehen und hören möchte, macht Arbeit – aber lohnt sich. Instagram selbst kann nichts für unser Unvermögen, zwischen real und Inszenierung zu unterscheiden und die Auswirkungen zu bewerten. Das müssen die User noch selbst.

Ewert träumt derweil von einer Welt, in der kleine Popups vor dem Öffnen von Instagram rufen:„Achtung Achtung, diese Abbildungen stimmen nicht zwangsläufig mit der Realität überein. Bitte überprüfen Sie regelmäßig Ihr Weltbild!“