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Warum Tykwer in seinem neuen Film mit Tom Hanks „den analogen Typen" beschützt

Chris Köver 21.04.2016

Tom Tykwer verfilmt einen Roman von Dave Eggers, und Tom Hanks spielt die Hauptrolle: Es ist ein ziemlich illustres Männertrio, das sich da bei Ein Hologramm für den König gefunden hat, der am 28. April in die deutschen Kinos kommt. WIRED sprach mit Regisseur Tykwer über analoge Männer und digitale Zukunftstechnologie, die Widersprüchlichkeit Saudi-Arabiens – und eine ziemlich unvorsichtige Fahrt nach Mekka.

Der Film Ein Hologramm für den König erzählt die Geschichte des alternden IT-Vertreters Alan Clay, der von seiner Firma in die saudische Wüste geschickt wird, um dem dortigen Herrscher amerikanische Hologramm-Technologie zu verkaufen. Dummerweise hat Clay nicht nur arge persönliche Probleme, auch vor Ort in Saudi-Arabien läuft nichts wie geplant: Clays Leute schwitzen mit ihren Rechnern in einem Zelt im Nirgendwo, und der König taucht einfach nicht auf, um sich Clays Pitch anzuhören. Wir haben Regisseur Tykwer zum Interview getroffen.

Tom Tykwer

WIRED: Nach Cloud Atlas haben Sie mit Ein Hologramm für den König erneut ein Buch verfilmt. Was hat Sie am Roman von Dave Eggers interessiert?
Tom Tykwer: Der Roman hat mich auf eine besondere Weise erwischt. Man hat das Gefühl, dieses Buch hat eine Gültigkeit im Jetzt. Es bringt eine Schieflage der Welt über eine Figur und eine Konstellation auf einen Nenner. Außerdem wusste ich beim Lesen sofort, was für ein Film das sein kann und worin er sich unterscheiden muss vom Buch. Das ist ja die Voraussetzung dafür, dass man überhaupt darüber nachdenkt, ein Buch in einen Film zu verwandeln. Eine reine Verfilmung ist ja deprimierend. Da werden nur Bilder auf die eigene Phantasie gekloppt, die nichts hinzufügen, sondern die Geschichte noch mal abbilden. So wird das angebliche Mehr, das das Visuelle bringt, am Ende weniger, als im Buch steht.

WIRED: Was war dieses Bild, das Sie sofort im Kopf hatten?
Tykwer: Ich dachte, wenn man das Material des Buches in einen Film übersetzt, muss man dem Absurden und versteckt Komödiantischen Platz machen. Das Buch tut das nur begrenzt, es ist düsterer. Wir erzählen dieselbe Geschichte, aber die Geste unterscheidet sich, wir haben eine Genreverschiebung vorgenommen: von einer Tragödie mit leichter Ironie zu einer Komödie mit tragischen Elementen. Das Buch zelebriert auch viel mehr den Stillstand. Ein Mann, der versucht, eine Lösung für seine Krise zu finden, und irgendwo landet, wo sich nichts mehr bewegt. Das fand ich filmisch nicht so interessant. Mich hat interessiert: Welche Dynamik entwickelt der Stillstand in einem Film, der einfach weiterrattert? Beim Lesen kann man ja anhalten, aber ein Film hält nie wirklich an.

Uns war früh klar, dass das eigentlich kein digitaler Film ist – der Mann im Zentrum ist ein analoger Typ

WIRED: Die Geschichte spielt in der Wüste Saudi-Arabiens. Der Protagonist Alan Clay ist dort, um dem saudischen König eine Technologie für holografische Videokonferenzen zu verkaufen. Tag um Tag fährt er auf eine Baustelle in der Wüste hinaus, um auf die Ankunft des Königs zu warten. Das erinnert fast an Und täglich grüßt das Murmeltier.
Tykwer: Klar, das ist ja auch eine Komödie mit so einem seltsam melancholischen Zwischenton. Ein verzweifelter Film eigentlich, aber wahnsinnig lustig in seiner Verzweiflung. Es gibt oft diese Filme, bei denen man das Gefühl hat, die Geschichte ist hart, aber der Film ist trotzdem nicht ohne Hoffnung. Das bewundere ich an guten Komödien.

WIRED: Sie haben den Film mit einer analogen Kamera auf Film gedreht. Wieso?
Tykwer: Uns war früh klar, dass das eigentlich kein digitaler Film ist, obwohl er sich inhaltlich so stark mit dem digitalen Zeitalter auseinandersetzt. Dieser Mann, der im Zentrum steht, ist ein analoger Typ. Wir wussten, dass wir ihn beschützen wollen. Dass wir uns auf seine Seite stellen müssen, auch wenn wir nicht mit allem einverstanden sind, was er tut. Das Kontinuum spielte dabei eine große Rolle. Wir konnten die Kamera nicht einfach laufen lassen, so eine analoge Filmrolle ist ja nur zwölf Minuten lang. Wir mussten zwischendurch das Material wechseln. Und dadurch wiederum mussten wir uns damit beschäftigen, was es eigentlich heißt, wenn Zeit stillsteht, ohne dass das Material stillsteht. Wir wollten erzählen, was passiert, wenn die Zeit als Einheit verlorengeht – was dem Mann ja passiert.

Alan Clay (Tom Hanks, M.) ist ein analoger Typ, der digitale Dinge tut

WIRED: Der Umstand, dass Clay ausgerechnet Vertreter für Hologrammtechnologie ist, scheint in dem Film fast keine Rolle zu spielen. Ebenso gut könnte er die Bodenbeläge für den neuen Industriekomplex in der saudischen Wüste liefern.
Tykwer: Er wäre passender gewesen für den Bodenbelag, weil er aus dieser alten Schule kommt. Das ist eigentlich sein Metier, aber es gibt da für ihn keine Berufe mehr. Es wird angedeutet, dass er früher einen Fahrradkonzern mitgeleitet hat, Schwinn Bikes. Diesen Namen kennt in den USA jeder, die Produktion wurde nach China ausgelagert, und die Marke ging in den Konkurs. Das ist eine paradigmatische Geschichte neoliberaler Konsequenzen, und es ist von Dave Eggers sehr gut ausgedacht, so eine Figur zum Helden zu machen. Einen Mann, der aus dem Hardware-Bereich kommt und jetzt plötzlich ohne Job dasteht und noch eine letzte Chance bekommt – und die ist ausgerechnet im Bereich Virtualität und Software angesiedelt.

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WIRED: Alan Clay sagt im Film aber auch: „Sales is sales.“ Ob er Räder oder Software verkauft, macht für ihn keinen großen Unterschied.
Tykwer: Ja, und am Ende kommt ja auch raus, dass er gar nicht so ungeeignet für den Job ist, wie man denkt. Der Film beschäftigt sich stark damit, dass ein Großteil der Weltbevölkerung – je älter, desto dramatischer – sich seiner Zuständigkeit beraubt fühlt, weil das Wissen, das die Generation über 50 angesammelt hat, angeblich nicht mehr gebraucht wird. Das ist eine unheimliche Krise. Die Menschen müssen ja etwas für sich finden, wenn sie noch 30 Jahre auf der Welt herumlaufen.

WIRED: Dann ist der Umstand, dass Clay Hologrammtechnologie verkauft, für die Geschichte also doch sehr bedeutsam.
Tykwer: Absolut. Das ist das Bild für den Konflikt, in dem er steckt: Er ist ein Auslaufmodell, das es noch mal versucht. Er hofft einfach, dass keiner merkt, dass er nicht der Richtige für den Job ist. Dieser Auftrag ist ja so gewaltig, dass ihn allein die Provision bis ans Ende seines Lebens sanieren würde. Noch absurder wird das Ganze dadurch, dass seine Rettung abhängig ist von einem uralten Königshaus, das die Entscheidung darüber fällen soll, wer den Auftrag bekommt. Da kommen irgendwelche Greise reinmarschiert, die mit absoluter Sicherheit nicht technikaffin sind. Die Männer, denen er das Zukunftsmodell der Kommunikation präsentieren muss, haben davon noch weniger Ahnung als er. Und die sollen das finanzieren.

WIRED: Werden sie das denn? Über weite Teile des Films ist ja überhaupt nicht klar, ob es diese Menschen überhaupt gibt, ob dieses ganze Bauprojekt jemals umgesetzt wird oder alles nur eine große Illusion ist.
Tykwer: Das ist natürlich beabsichtigt. Das Tolle ist: Clay glaubt ja selbst nicht mehr daran, dass das Projekt noch passiert. Und in dem Moment, in dem er aufhört zu glauben, merkt er, dass er aufhören muss, an der Umsetzung dieses illusorischen Plans festzuhalten. Dass er seinen Blick radikal ändern muss auf sich selbst und die Welt, um noch eine Chance zu haben. Die Chance, die ihm bleibt, die ist eine Zwischenmenschliche.

WIRED: Sie lassen den Film mit einer musikalischen Montage zu einem Song der Talking Heads beginnen: „Once In A Lifetime“.
Tykwer: Wenn man ein Drehbuch adaptiert, gibt es haufenweise solche Ideen, die man schon beim Lesen des Romans hatte. Songtexte und Bilder, die durch den Kopf schießen, die nicht auf der Seite stehen. Der Talking-Heads-Einstieg war so eine Schnapsidee. Der Song stammt aus einer Zeit, als die Heiligsprechung von Eigentum noch ein stabiles Ideal war, und die Talking Heads eine Vision des Untergangs untergründig einarbeiteten. Wenn wir den Song heute hören, ist dieses Ideal bereits zerbröselt. Deswegen war auch klar, dass wir den Liedtext abwandeln müssen. Nicht: „And you may find yourself in a beautiful house, with a beautiful wife, and you may ask yourself – well, how did I get here?“. Sondern: „… without without a beautiful house and without a beautiful wife, and you may ask yourself – well, how did this happen to me?“

Während er auf den König wartet, lernt Clay die Ärztin Zahra Hakeem (Sarita Choudhury) kennen

WIRED: Sie schreiben die Musik zu ihren Filmen stets selbst und sagen, dass die Komposition schon beim Schreiben des Drehbuchs beginnt.
Tykwer: Das war diesmal auch so. Es gibt in diesem Fall natürlich auch noch Musik, die schon im Buch stand: Der saudische Reiseführer von Clay, der diesen absurden Musikgeschmack hat und im Auto Songs von Chicago und Electric Lights Orchestra auflegt. Ich war ja in Saudi-Arabien und habe für die Recherche zum Drehbuch die Reise nochmal gemacht, die Dave Eggers bereits gemacht hatte, mit dem selben Fahrer, der auch Eggers schon gefahren hatte. Ich konnte das also alles gut nachvollziehen. Gerade in Saudi-Arabien sind Orient und Okzident eng aufeinander gepackt, viele Menschen waren im Westen und wollen trotzdem nicht weg, weil sie eine Verbundenheit mit ihrer Heimat und deren Widersprüchen empfinden. Da werden erzkonservative religiöse Umstände gleichzeitig gelebt mit einer Modernität.

Es war noch viel dramatischer, ich wusste ja nicht, dass man die Stadt als Nichtmuslim gar nicht betreten darf

WIRED: Security Guards, die ihre Füße im Planschbecken kühlen, und öffentliche Hinrichtungen, die zum Spektakel werden: Waren Ihre Erfahrungen dort tatsächlich so absurd, wie das im Film erscheint?
Tykwer: Es gibt keine Situation im Film, die ich nicht in dieser Form auch erlebt hätte. Das ist alles real, das Land ist dermaßen voller Widersprüche. An einer Stelle nimmt Clays arabischer Chauffeur ihn mit auf eine Reise in sein Heimatdorf und vergisst, dass er mit dem christlichen Beifahrer nicht nach Mekka hineinfahren darf. Das kommt im Roman gar nicht vor, das ist mir passiert.

WIRED: Hat das bei Ihrem Fahrer für ebenso große Aufregung gesorgt wie im Film?
Tykwer: Das war noch dramatischer. Ich wusste ja nicht, dass man die Stadt als Nichtmuslim gar nicht betreten darf. Ich dachte, das ist eine religiöse Stätte wie überall auf der Welt, die man besuchen kann oder nicht. Aber diese Autobahn-Schilder aus dem Film, auf denen steht „Muslims only“ und „Non-Muslims: Exit here“, die sind ja echt. Mein Fahrer meinte dann: „Wenn ich umdrehe, ist das ein Riesenumweg, das kostet uns fünf Stunden, komm, wir fahren einfach durch.“

WIRED: Und wenn Sie erwischt worden wären?
Tykwer: Das muss mir erst mal einer beweisen, dass ich nicht Muslim bin, das steht ja nicht im Ausweis. Das Schlimmste, was einem passieren kann, ist wohl, dass man aus dem Land fliegt. Vielleicht wird man aber auch ausgepeitscht, keine Ahnung. Man wird auf jeden Fall nicht dafür aufs Schafott geschleppt und enthauptet.

Ein Hologramm für den König kommt am 28. April in die deutschen Kinos. 

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