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„Splatoon“ ist der beste Shooter seit Langem — weil er sich jedem Trend widersetzt

Daniel Ziegener 09.06.2015 Lesezeit 5 Min

Mit „Splatoon“ begibt sich Nintendo auf bisher unerkundetes Gebiet und veröffentlicht einen Shooter, der eigentlich kein richtiger Shooter ist. Und wer hätte gedacht, dass damit das coolste Multiplayer-Game des Sommers ausgerechnet für die totgesagte Konsole Wii U erscheint?

Der japanische Konzern, der wie kaum ein anderer die Videospiel-Branche geprägt hat, wurde in den letzten Jahren schon oft abgeschrieben. Schwache Verkaufszahlen und eine unklare Strategie ließen Kenner und Fans an Nintendos Zukunft zweifeln. Doch als die Firma 2014 auf der Spielemesse E3 statt einer pompösen Pressekonferenz lediglich ein Video mit Ankündigungen präsentierte, änderte sich das_ Selbstironisch zeigte Nintendo dort nicht nur diverse neue Spiele mit den bekannten Namen wie Mario, Yoshi und Kirby, sondern erstmals auch eine komplett neue Marke — „Splatoon“.

Das Besiegen von Gegnern ist eher Nebensache.

Kern des Spiels ist der sogenannte Turf War. Vier gegen vier Spieler treten online in zweiminütigen Matches an und müssen die Arena mit der Farbe des eigenen Teams übermalen. Das geschieht mit diversen Tinte verschießenden Waffen, die sich größtenteils am klassischen Ego-Shooter-Arsenal aus Maschinenpistolen, Scharfschützengewehren und Schrotflinten orientieren. Dazu gesellen sich aber auch übergroße Malerutensilien wie Farbroller und Pinsel.

 

Die diversen Kombinationsmöglichkeiten aus verschiedenen Tintenwaffen, Farbbomben und Spezialfähigkeiten verändern den eigenen Spielstil grundlegend. Doch es sind auch Online-Spieler auf dem höchsten Level anzutreffen, die immer noch mit den Start-Waffen antreten — ein Zeichen dafür, wie gut das Arsenal von „Splatoon“ ausbalanciert ist. Trotzdem ist das Besiegen von Gegnern eher Nebensache. Punkte gibt es für das Einfärben des Territoriums. Wer besiegt wird muss lediglich ein paar Sekunden warten und kommt dann direkt wieder ins Spiel.

Leerlauf gibt es nicht, immer ist man mitten in der Action.

Der eigentliche Clou sind nicht die vielen Waffen, sondern eine besondere Fähigkeit der Spielfiguren: Sie können sich jederzeit von ihrer menschlichen Gestalt in einen Tintenfisch verwandeln, der zwar unbewaffnet ist, sich dafür aber unbemerkt und schnell durch die farbigen Flächen des eigenen Teams bewegen kann. So entsteht ein ständiger Wechsel aus Offensive und Defensive, der dafür sorgt, dass es in nie zu Leerlauf kommt, sondern die Spieler immer mitten in der Action bleiben.

Die zwei Minuten, die eine Runde in den kleinen Arenen dauert, sind von der ersten bis zur letzten Sekunde adrenalingeladen und steckt voller einzigartiger kleiner Momente — etwa wenn eine Partie im letzten Moment noch knapp gewonnen wird. Da die Spieler in jeder Runde zufällig verteilt werden, ist auch die Dynamik des Teams in jeder Runde anders. Wer gewonnen hat ist am Ende fast egal, denn Spaß hatten garantiert trotzdem alle.

You're a kid now, you're a squid now!

Die Stars von „Splatoon“ sind die Spielfiguren, genannt Inklinge. Sie können beliebig zwischen der Gestalt eines Kindes und eines Tintenfischs wechseln. Mit im Spiel verdientem Geld lassen sich neue Outfits kaufen, um Werte zu verbessern, aber auch um seine Spielfigur individuell zu stylen. Die Zeile „You're a kid now, you're a squid now“ aus dem Titelsong hat sich als Ohrwurm längst in die Köpfe eingebrannt, Nintendos Netzwerk Miiverse ist voll von selbstgezeichneten Meme-Bildern der Inklinge und auf Tumblr sammelt sich Fanart zum Spiel.

Splatoon demonstriert alle Stärken, die Nintendos Spiele seit Jahrzehnten ausmachen. Alles ist einer einfachen Philosophie untergeordnet: Macht das Spaß? Jeder Aspekt des Spiels scheint mit dieser Anforderung im Kopf entstanden zu sein. Die schlichte Grundidee wurde vom Design der Welt bis zum Soundtrack auf Hochglanz poliert umgesetzt. Die Ästhetik irgendwo zwischen ironischer Neunziger-Parodie und japanischem Cartoon, zwischen Skatepark und Paintball-Arena tut ihr Bestes, um dem schnellen Spielgefühl gerecht zu werden.

Das genaue Gegenteil aller Shooter-Trends: bunt, leichtherzig, positiv

Allerdings plagen Splatoon trotzdem noch einige Kinderkrankheiten: Manchmal unterbricht ein kryptischer Netzwerkfehler das Match oder die Suche nach neuen Mitspielern klappt nicht sofort. Außerdem lässt der Umfang an Ausrüstung und Levels momentan noch zu wünschen übrig — obwohl Nintendo schon angefangen hat, weitere Areale und Waffen als kostenlose Downloads zu veröffentlichen.

 

„Splatoon“ platzt allerdings mit so viel Charme und frischen Ideen ins Shooter-Genre, dass ihm diese Kritikpunkte fast schon verziehen werden müssen. Videospiele, insbesondere Shooter, haben mit dem Erwachsenwerden des Mediums bisher vor allem Zynismus und Gewalt verbunden. „Splatoon“ ist das genaue Gegenteil aller Trends der letzten Jahre: bunt, leichtherzig und positiv. Allein schon durch die Verweigerung aller Zielgruppen-Analysen dürfte das Spiel einer der wichtigsten AAA-Titel des Jahres sein.

Videospiel-Fans sollten sich auf jeden Fall schon mal an den Anblick der Inklinge gewöhnen. Nintendos erstes neues Franchise seit Jahren wird mit so viel Begeisterung aufgenommen, dass es sicher nur eine Frage der Zeit ist, bis die Figuren auch in „Mario Kart“ und „Super Smash Brothers“ Einzug halten. Und vielleicht sind die Tintenfisch-Kinder bald schon das neue Gesicht von Nintendo. Einer Firma, die trotz aller Abgesänge immer noch für eine Überraschung gut ist.