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Von Facebook weglaufen? Bringt nichts!

Johnny Haeusler 23.03.2018

Nach den jüngsten Skandalen um Facebook und Cambridge Analytica fordern viele Menschen unter dem Hashtag #deleteFacebook auf, das soziale Netzwerk zu verlassen. Doch Boykottaufrufe ändern nicht viel, glaubt unser Kolumnist Johnny Haeusler. Wichtiger wäre, Facebook und andere Digitalkonzerne konsequent zu regulieren.

Der Hashtag #deleteFacebook liegt plötzlich im Trend: Nach den Berichten über 50 Millionen abgegriffene Facebook-Profile, mit denen Cambridge Analytica den US-Wahlkampf zugunsten von Donald Trump beeinflusst haben will, stellt sich für das soziale Netzwerk die Frage, wie viel Verantwortung sein Einfluss auf die Gesellschaft mit sich bringt.

Wütende Nutzer versammeln sich nun unter #deleteFacebook im virtuellen Raum, um sich von ihren Facebook-Konten zu verabschieden. Das ist etwas unscharf formuliert, da wohl niemand das ganze Unternehmen mit einem Klick entfernen kann. Ebenso unklar bleibt, wer sich genau worüber aufregt, denn je nach Sichtweise wirkt Facebooks Macht, die öffentliche Meinung zu manipulieren, geradezu grenzenlos – oder Cambridge Analytica neigt dazu, seinen vermeintlichen Einfluss grenzenlos zu übertreiben.

Doch anscheinend gibt es tatsächlich eine Facebook-Austrittswelle. Was passiert also, wenn wirklich spürbar viele Menschen ihre Facebook-Konten löschen?

Die Antwort: nur sehr wenig.

Sicher müsste Facebook irgendwie reagieren. So, wie Facebook und ähnliche Unternehmen immer reagieren, wenn sie ein PR-Desaster erleben. So, wie man es als modernes Unternehmen eben gelernt hat: Entschuldigungen und Ansätze von Schuldeingeständnissen, eine Prise Demut und die eine oder andere leichte Änderung im System als Beweis der Lernfähigkeit. Am Ende noch ein bisschen „unsere Mission“ und „unsere Nutzerinnen und Nutzer sind das wertvollste Bla Bla“, und es wird fast genauso viel gesagt, wie ungesagt bleibt. Dann läuft alles weiter bis zum nächsten Skandal, und der Spaß geht von vorne los.

Um uns tatsächlich aus den Klauen von Facebook zu befreien, müssten wir auch WhatsApp löschen und uns von Instagram verabschieden – und dazu noch aufhören, alle Websites und Apps zu nutzen, die ein Tracking durch Facebook zulassen. Solange das nicht passiert, wird sich am Geschäftsmodell von Facebook nichts ändern. Genausowenig, wie sich an der Intransparenz des Unternehmens (und ähnlicher anderer Firmen) maßgeblich etwas ändern wird. Es bleibt also mindestens sehr schwierig, als Internet-Nutzerin oder -Nutzer Facebook zu entkommen – zumal Zuckerberg ja auch jederzeit weitere Dienste hinzukaufen kann.

Ich kann und will aber nicht die ganze Zeit vor Facebook wegrennen. Sondern ich erwarte, dass ich nicht verfolgt werde. Und das können nur strenge Regulierungen und die Ahndung von Verstößen garantieren.

Es ist dabei faszinierend, aber auch eine Crux, dass ein Großteil des Erfolgs von Facebook und vielen anderen solchen Diensten in der eingebauten anarchischen Grundstruktur begründet ist – in dieser kalifornischen „Wir machen erstmal und schauen dann, wie es läuft“-Haltung, die ich je nach Tageslaune verehre oder hasse. Facebooks Firmenmotto hieß dementsprechend sogar früher: „Move fast and break things.“ (Also: Bewege dich schnell und mache Dinge kaputt.)

Die großen Konzerne im Social-Media-Bereich haben Herausforderungen geschaffen und Fragen aufgeworfen, für die es lange Zeit keine Lösungen und Antworten gab. Und teilweise immer noch nicht gibt. Facebook hat uns zwar reichlich Spaß und Annehmlichkeiten gebracht. Aber auch Probleme, die wir vorher nicht hatten.

Natürlich: Das ist normal, wenn radikal Neues die Welt verändert – und für die Welt ist es noch nicht zu spät zu reagieren. Vor den ersten Lebensmittelskandalen in der Industriellen Revolution gab es auch noch kein Gesundheitsamt. Und es ist auch sehr normal, dass aktuelle Reaktionen wie das NetzDG (in anderer Sache) oder die neue Datenschutz-Grundverordnung noch nicht die perfekten Lösungen sind, noch nicht alle Antworten liefern oder sogar neue Fragen aufwerfen.

Doch ich sehe für die Politik keinen anderen sinnvollen Ansatz, als große Konzerne transparent und demokratisch zu regulieren. Schließlich erwarte ich das auch bei Behörden und bei der Schufa, ich erwarte das bei Banken und anderen Wirtschaftszweigen. Entsprechend erwarte ich es auch bei Facebook.

Was zulässig ist und was nicht, dürfen nicht einzelne Unternehmen bestimmen, sondern es braucht gesetzliche Grundlagen, die für alle gleichermaßen gelten – und Fehlverhalten müssen geahnded werden. Denn ein Boykott durch Nutzerinnen und Nutzer, also die Abstimmung mit den Füßen, wird das Verhalten wirklich mächtiger Konzerne nur sehr beschränkt beeinflussen und daher kaum eine spürbare Wirkung haben.

Dennoch passiert etwas – auf andere Weise – wenn Menschen tatsächlich ihre Facebook-Konten löschen: Sie merken, dass es gar nicht weh tut. Dass das Leben weitergeht. Und dass es auch ohne Facebook jede Menge Internet gibt – zumindest in der westlichen Welt. Wenn also eine Kontolöschung schon keine Änderung des Geschäftsmodells eines Konzerns bewirken kann, bringt sie doch zumindest eine wichtige Erkenntnis für uns selbst.