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Gefälschte Magic-Karten und Brettspiele sind ein Millionengeschäft

Dominik Schönleben 04.05.2018 Lesezeit 11 Min

Egal ob Magic oder Catan: Der Handel mit gefälschten Karten- und Brettspielen nimmt drastisch zu – und die Ware wird teilweise über bekannte Online-Händler wie eBay und Amazon verkauft. Die gefakten Spiele unterscheiden sich dabei kaum noch von den Originalen. Vor allem ernüchternd für Kunden, die dachten, dass sie eine Rarität oder ein teures Sammlerstück gekauft haben.

In Asien werden nicht mehr nur Luis-Vuitton-Handtaschen und iPhones gefälscht, sondern auch Karten- und Brettspiele. Die ersten Anzeichen dafür, die gerade auf dem deutschen Markt zu sehen sind, seien jedoch nur ein Testlauf, sagt Carol Rapp. Sie ist Deutschland-Chefin von Asmodee, einem der größten Brettspielkonzerne der Welt. Sie beobachtet, wie Anbieter aus Asien den Markt mit Billigangeboten antesten.

Die vermeintlichen Fälscher bieten Spiele zu niedrigen Preisen an – ausgeliefert werden diese jedoch nie. Sie wollen einschätzen, wie viele Menschen die Titel zu welchem Preis kaufen würden. Genau so sei das auch vor fast zwei Jahren im englischsprachigen Raum abgelaufen, sagt Rapp. Kurz darauf hätten dann die Fälschungen den Markt geflutet.

Verantwortlich für diese Entwicklung ist der Erfolg von Brett- und Kartenspielen. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit stehen sie kurz davor, in den Massenmarkt zu drängen: Allein der Umsatz mit sammelbaren Spielen wuchs 2016 in den USA und Kanada laut Analysen des Branchenmagazins ICv2 um 20 Prozent – mit Magic: The Gathering seit 2010 als ungeschlagener Favorit an der Spitze. Und auch das gute alte Brettspiel wird mehr und mehr zum Hit: Analysten prognostizieren der Branche für die nächsten fünf Jahren ein neunprozentiges Wachstum. „Es ist einfach in, zu spielen, also haben Fälscher einen potenziellen Markt“, sagt Rapp.

Betroffen sind vor allem die Klassiker und Verkaufsschlager: Catan (früher: Die Siedler von Catan), Seven Wonders, Zug um Zug, Pandemic und Werwölfe. Alles Spiele, die wenig bis gar keinen Text auf dem eigentlichen Spielmaterial haben. Bei denen also einfach nur die Anleitungen ausgetauscht werden müssen, damit sie in eine Vielzahl von Ländern exportiert werden können. Dieser Schritt steht jetzt wohl kurz bevor: „Selbst uns, die die Produkte in und auswendig kennen, fällt es teilweise schwer, zu erkennen, was Plagiat und was Original ist“, sagt Rapp. Bei einer besonders guten Kopie von Zug um Zug sei beispielsweise der einzige deutliche Unterschied gewesen, dass die Plastikzüge kleiner waren.

Wer kein Brettspiel-Fan ist, merkt also nicht sofort, dass es sich um eine Kopie handelt, höchstens, dass sich das Spiel schnell abnutzt, weil billige Materialien verwendet wurden. Das drücken die Käufer dann auch in ihren Bewertungen im Internet aus: Im Juli letzten Jahres gab es bei Brettspielen gehäuft Ein-Sterne-Bewertungen im US-Shop von Amazon, die darauf hindeuteten, dass Kunden gefälschte Ware gekauft hatten.

Der Asmodee Nordamerika-Chef Christian T. Petersen sagte als Reaktion darauf in einem Interview mit ICv2, dass die Fakes wohl mit echten Spielen im Lager von Amazon vermischt worden seien. Dafür hätten die Fälscher ein System namens Fullfill by Amazon ausgenutzt. Händler können dabei ihre Produkte direkt bei Amazon lagern, damit sie schneller ausgeliefert werden. Ob das tatsächlich so passiert ist, wollte Amazon weder telefonisch noch schriftlich bestätigen.

Eine von mehreren Bewertungen auf Amazon, die detailiert beschreibt, warum es sich vermutlich um eine Fälschung handelt, die ausgeliefert wurde.

Aber Amazon scheint nicht nur bei Brettspielen ein Problem mit Fälschungen zu haben. In den USA beschweren sich derzeit Firmenchefs unterschiedlichster Branchen. Darunter der Schuhhersteller Birkenstock und der Smartphone-Hüllen-Hersteller Otter Products. Daimler geht derzeit sogar juristisch gegen Amazon vor, weil das Unternehmen laut des Autokonzerns nicht genug gegen Angebote von gefälschten Reifen tue. Natürlich ist Amazon nicht die einzige Plattform, über die möglicherweise Fakes in Umlauf gebracht werden – aber es ist eben die prominenteste. Der tschechische Brettspiel-Verlag Czech Games Edition warnte etwa auf seiner Website vor Fälschungen seines Hit-Brettspiels Codenames, die über eBay oder die chinesische Shopping-Plattform Alibaba verbreitet werden.

Auch wenn die Brettspiel-Fakes noch nicht in deutschen Online-Shops angekommen sind, ist es nicht schwer, welche zu kaufen. Mit wenigen Mausklicks konnten wir uns eine Fälschung des berühmten Brettspiels Pandemic bestellen – für 23 Euro inklusive Porto aus Shanghai, statt der regulären fast 40 Euro. Der Inhalt ist enttäuschend: dünne Karten, schlecht verarbeitete Spielfiguren aus Holz – die im Original aus Plastik sind. Asmodee-Chefin Rapp sagt, dass solch ein Erlebnis vor allem Kunden abschrecke, die nicht regelmäßig Brettspiele kaufen. Weil sie denken würden, dass die minderwertige Qualität normal sei.

Eine gefälschte Version des Brettspiels Pandemic von Asmodee. Bereits durch die billige, weiße Verpackung der Karten ist klar zu erkennen, dass hier etwas nicht stimmt.

Asmodee schätzt laut eigenen Angaben, dass dem Unternehmen allein in Nordamerika im letzten Jahr zwischen vier und acht Millionen Euro Umsätze durch Fälschungen verloren gingen. Bei besonders stark betroffenen Titeln sollen sogar mehr als 70 Prozent der Verkäufe im US-amerikanischen Markt Fälschungen gewesen sein. Eine Expansion dieser Fakes auf den europäischen Markt liegt also nahe.

Für den Endkunden sind die Fälschungen zwar ärgerlich, aber immerhin bekommen sie meist ein vollständiges und funktionsfähiges Spiel. Der größte Wertverlust für die Kunden beginnen tatsächlich dann, wenn Brett- und Kartenspiele zu wertvollen Raritäten werden – und eigentlich nur noch auf dem Gebrauchtmarkt zu haben sind. So wie etwa bei Magic: The Gathering, dem erfolgreichsten Sammelkartenspiel der Welt. Auch hier nehmen die Fälschungen aus Asien zu.

Wenn der Magic-Kartenhändler Mitja Held auf einem großen Event Tausende von Karten ankauft, dann rutschen ihm immer wieder Fälschungen durch. Auf knapp 10.000 Karten, die durch die Hände des 27-Jährigen gehen, käme ein Fake: „Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren hat es zugenommen“, sagt Held. Er ist Chefankäufer für JK Entertainment, einem von Deutschlands größten Einzelkartenhändlern für Magic-Karten. Ein seltenes oder spielstarkes Stück Pappe kann da schnell mal mehr als 50 Euro kosten. Und wer auf Weltniveau spielen will, kommt ohne diese Superkarten nicht aus. Umso ärgerlicher also für Kunden, wenn sie sich statt einer echten Rarität ein wertloses Stück Papier gekauft haben.

Vor ein paar Jahren seien gefälschte Karten noch amateurhaft und schnell zu erkennen gewesen, sagt Held. Doch im Laufe der Zeit sind die Kopien besser geworden und selbst er hat seine Probleme, wenn es mal schnell gehen muss ­– weil etwa die Schlange an seinem Stand länger und länger wird. „Dann kann man nicht jede 10-Euro-Karte checken“, sagt er.

Betroffen von Fälschungen sind vor allem Karten im mittleren Preissegment: Zum Beispiel Scalding Tarn (Siedender Tümpel), für den Turnier-Spieler und Sammler gerne um die 40 Euro das Stück ausgeben. Wer im Wettbewerb erfolgreich sein will, braucht gleich vier davon. Und der magische Tümpel ist keine dieser extrem seltenen Powerkarten aus den Anfängen von Magic (1993), die für Hunderte oder sogar Tausende Euros gehandelt werden. Scalding Tarn wurde 2009 gedruckt.

Ein Satz gefälschter Fetchlands, wie sie von Magic-Spielern genannt werden. Zusammen fast 300 Euro wert – wenn sie denn echt wären.

Einen gefälschten Scalding Tarn gibt es in Asien schon ab knapp zwei Euro. Wer die richtigen Suchwörter kennt, kann solche Angebote in meist ausländischen Online-Shops finden. Aber auch auf europäischen Plattformen seien schon die ersten solcher Angebote zu finden, sagt Held: „Das könnte zu einem Problem werden.“

Im Chat-Gespräch mit einem der asiatischen Verkäufer von gefälschten Magic-Karten sagte dieser, dass er oder sie 30 bis 50 Sets pro Monat verkaufe. Jedes dieser Sets enthält zehn Karten, die im Shop von Held einen Gesamtpreis von fast 300 Euro hätten. Aber es würde schwieriger werden, sagte der Fake-Händler: „Wizards lässt meine Angebote löschen. Wenn Kunden bestellen, dann achten sie auf meine Bewertungen, und die werden dann mitgelöscht.“ Die Magic-Entwickler wissen also auch um den Handel mit Fakes und versuchen dagegen vorzugehen: Elaine Chase, verantwortlich für Strategie und Marketing bei Wizards, sagt, man arbeite mit Strafverfolgungsbehörden rund um den Globus zusammen: „Wizards setzt sich energisch dafür ein, die Magic-Community vor Fälschern zu schützen.“

Auf Magic-Turnieren ist das Thema längst angekommen: „Wir führen regelmäßige Checks an den Karten der Spieler durch“, sagt Schiedsrichter Daniel Maier, der hauptverantwortlich für die bayrische Turnierszene ist. Früher habe er nur geprüft, ob die Spieler sich an die Deckbauregeln halten, heute muss Maier auch mal die Lupe rausholen und nachschauen, ob die Karten wirklich echt sind. Bei Fälschungen werde den Spielern dann nahegelegt, die Karten zu zerstören, und die Besitzer zumeist vom Turnier ausgeschlossen. Da die illegalen Karten aber auf den ersten Blick meist nicht auffallen – vor allem in den auf Turnieren üblichen Schutzhüllen – gibt es solche Fälle eher selten: „Auf großen Turnieren können wir nur eine kleine Zahl der Spieler überprüfen“, sagt Maier. Dennoch falle ihm auf: Die Zahl der gefälschten Karten steigt.

Weil die Fakes zunehmen, gibt es mittlerweile sogar Seminare und Vorträge für Schiedsrichter, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Auf solchen Events erklärt Schiedsrichter und Fake-Experte Max Tiedemann, wie diese Karten schnell enttarnt werden können: „Mittlerweile gibt es Counterfeits, die einzelne Tests bestehen können“, sagt er. Es reiche oft nicht mehr, Karten zu wiegen oder auf die Papierqualität zu achten, es müsse die Druckmaserung mit einer Juwelierslupe abgeglichen werden. Bei neueren Karten gibt es zwar kleine Hologramme am unteren Rand, die ähnlich wie bei Geldscheinen aussehen, und derzeit noch relativ fälschungssicher sind – bei alten und besonders wertvollen Karten fehlen die jedoch.

Während es bei Brettspielen also vor allem darum geht, die erfolgreichsten Spiele mit möglichst billigen Materialien nachzuahmen, geht der Trend bei Magic-Karten in die andere Richtung: Sie müssen besser und besser werden. Bis sie eben nicht mehr von den Originalen zu unterscheiden sind. Die größte Hürde stellen dabei derzeit noch das Papier und die Druckfarbe da. Auch die von uns zum Test übers Netz gekauften Fake-Karten wiesen kleine Unregelmäßigkeiten auf. Sie fühlten sich zu glatt an und der Druck wirkte bei gutem Licht auf der Rückseite grobkörnig und verwaschen. Aber es ist eben vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis auch diese Unterschiede verschwinden.

Drei Magickarten unter der Lupe im Vergleich: Links die echte Karte, rechts zwei Fälschungen unterschiedlicher Qualität.

„Ob das mit den Fälschungen schlimmer wird, kommt ganz darauf an, ob Magic-Karten erschwinglich bleiben“, sagt Held. Er schätzt, dass, wenn die oben erwähnte 40-Euro-Karte in den nächsten Jahren nicht neu aufgelegt wird, ihr Preis auf über 100 Euro steigen wird. Ähnlich wie bei den Brettspielen machen hoher Preis und Beliebtheit die Karten attraktiv für Fälscher. Würde Wizards of the Coast also diese Karten regelmäßig neu drucken, würde das Problem mit den Fälschungen wohl auch schnell verschwinden. Eine Karte zu fälschen, die fünf Euro kostet, lohnt sich nicht. Das würde dann aber auch dem Geschäftsmodell des Kartenspiels schaden, weil das Sammeln und Besitzen seltener Karten für viele Spieler einen wichtigen Aspekt ausmacht, warum sie ständig die neuen Produkte kaufen.

Wer von den vielen Fakes derzeit profitiert? Händler wie Held, denn sie können durch ihre Expertise damit werben, dass Kunden beim Kauf keine Angst vor Fakes haben müssen. Irgendwann könnte sich das Thema dann aber ganz von alleine erübrigen, sagt Held: „Wenn wir Fakes nicht mehr von normalen Magic-Karten unterscheiden können. Dann sind sie de facto Magic-Karten.“ Noch ist es längst nicht so weit, aber die Preise der Karten steigen Jahr für Jahr. Schon allein deshalb, weil Wizards of the Coast vor über 20 Jahren seinen Spielern das Versprechen gab, bestimmte, besonders ikonische Karten nie wieder neu aufzulegen. Noch sind diese Sammlerstücke für viele Fans wie eine Wertanlage – die Frage ist bloß: Wie lange noch?

Update 04.05.18: Eine Aussage zur Zerstörung von Magic-Fakes wurde im Text korrigiert.