Binaural Bits / Wir brauchen mehr Podcast-Netzwerke in Deutschland!

Dörte Fiedler 18.08.2015 Lesezeit 4 Min

Podcasts scheinen langsam aus der Nische herauszukommen, in Deutschland allerdings langsamer als anderswo. Nicht nur inhaltlich und formal sind US-Podcasts oft innovativer, sondern auch bei den Strukturen, in denen sie präsentiert werden: Seit Jahren gibt es in den USA Podcast Networks, die viel stimmkräftiger auftreten können als Einzelshows. Hierzulande haben sich bisher noch keine so produktiven Kollektive gebildet. Es wird höchste Zeit.

Dörte Fiedler arbeitet im Berliner Radiobüro mit anderen JournalistInnen, AutorInnen und PodcasterInnen an Audio-Projekten. Die Kolumne „Binaural Bits“ befasst sich auf WIRED Germany wöchentlich mit allem, was hörbar ist.

Es gibt unzählige Podcasts zu allen nur denkbaren Themen: Technik, Kultur Wissenschaft, Raumfahrt, Tortenbacken, Kinderkriegen. Alles dabei, von der Lebenshilfe bis zu Tipps über den Umgang mit Blattläusen bei Rachenblütlern. Es gibt kommerzielle und private Podcasts, aufwendige Audioproduktionen und krischelige Amateurfunke. Manche davon sind buchstäblich zum Einschlafen und andere eher zum Wachbleiben.

Für jeden könnte etwas dabei sein und so kommt der Podcast langsam (siehe „Serial“ — Peabody Award!) aus seiner Nische heraus. Man muss die passenden tollen Podcasts eben nur finden! Das ist manchmal leichter gesagt als getan. Natürlich gibt es Apps und Charts und Blogs und andere Empfehlungssysteme über die man Neues entdecken kann. Aber bisher bleibt das Ganze vor allem für Neueinsteiger unübersichtlich und chaotisch.

Aber zum Glück gibt es Podcast-Netzwerke. Nie gehört? Tja, in Deutschland gibt es ja auch quasi keins. Jedenfalls nicht in der Art und Weise und mit der Reichweite, wie man sie in den USA finden kann. Netzwerke, die originär fürs Web produzieren und dort ihren ersten Publikationsort haben, die sich selbstständig um Inhalt, Verbreitung, Werbung und Produktion kümmern. Sie nutzen alle Vorteile gebündelter Kraft und gemeinsamer Ressourcen und werden so, im besten Fall, zu einem Markenzeichen und Qualitätslabel.

Gefällt mir ein Podcast aus dem Netzwerk, ist die Chance groß, dass das auch für den Rest gilt.

Wenn zum Beispiel ein von mir geliebter Podcast wie „The Heart“ Teil eines Netzwerks ist (in diesem Fall Radiotopia), dann höre ich mir dieses Netzwerk und seine anderen Shows auch ziemlich genau an. Umgekehrt gilt das genauso: Wenn das Netzwerk Gimlet Media einen neuen Podcast herausgibt, dann werde ich da auf jeden Fall mal reinhören. Denn die Chance, dass er mir gefällt, ist groß.

Einem solchen Netzwerk am ähnlichsten sind bei uns die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die ihre Inhalte wie eine Sammlung unter dem jeweiligen Wellenlabel anbieten. Dabei sind und bleiben sie aber „nur“ Audio on Demand — Nachhörarchive. Die Beiträge oder Sendungen erscheinen immer erst im zweiten Schritt als Podcast, wenn alles schon exklusiv On Air gelaufen ist oder live gestreamt wurde. Reine Zweitverwertung eben.

Podcast-Netzwerke hingegen zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie kuratiert werden. Die Macher haben sich genau überlegt, wie der Ton, das Profil ihrer versammelten Podcasts sein sollen. Und gerade dieser gemeinsame inhaltliche oder auch formale Fokus macht es für mich als suchende Hörerin attraktiv, einem Netzwerk zu folgen. Einen riesigen Bereich hat dabei zum Beispiel die Comedy-Szene besetzt. Earwolf, Carolla Digital, Maximum Fun, SModcast, The Nerdist, Feral Audio — alles Netzwerke, die sich hier einordnen lassen. Vom supernerdigen Ton bis zur schwarzen Satire findet man hier alles. Während es bei SModcast viel um Filme und Comics geht, findet man bei Carolla Digtal auch mal aktuelle politische Themen. Immer gilt: Wenn man ein Netzwerk erst mal gefunden hat, ist das Endecken der passenden Shows ziemlich einfach.

Auch Deutschland braucht Netzwerke, die auf Qualität statt auf Masse setzen.

Ein weiteres gutes Beispiel: „How Stuff Works“ mit seinen vielen Edutainment-Angeboten. Diese reichen vom selbsterklärenden Podcast „Stuff You Missed in History Class“ über „Stuff Mom Never Told You“ — eine Show über Genderthemen und die Frage, was es heute bedeutet, Frau zu sein — bis zum Verschwörungs-Podcast „Stuff They Don’t Want You To Know“. Talk, Interviews und News findet man hingegen bei SoundWorks (PRI). Und eine bunte, aber gut überschaubare Mischung aus allem bieten Infinite Guest (American Public Media) und Panoply (Slate), die sich auf die Fahnen geschrieben haben, News und Politik genauso abzubilden wie Lifestyle, Sport, Frauen und Business.

Viele Netzwerke sind an die großen Sendeanstalten des Public Radio gekoppelt und die ranken ihre Shows um einen sogenannten Flagship Podcast herum. Ein Zugpferd, das oft schon vor dem Netzwerk existiert hat und ein großes Publikum mitbringt. Bei Radiotopia war das die Show des Gründers Roman Mars, „99% Invisible“, bei Earwolf ist es ist es Comedy Bang Bang.

Besonders Netzwerke wie Gimlet und The Heart, die auf Qualität statt auf Masse setzen, würden sich meiner Meinung nach als Vorbilder für die deutsche Podcast-Landschaft eignen. Von den großen Sendeanstalten unabhängige, autorenzentrierte Kollektive also, die die Liebe fürs Netz und für Audio vereint. Und die sich zwecks Austausch, gesteigerter Attraktivität für Sponsoren und besserer Verbreitung zusammenschließen. Genau das bräuchte es. Zusammen ist man einfach stärker als allein.

In der letzten Folge „Binaural Bits“ stellte euch Teresa Sickert die besten Reise-Podcasts vor.