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Play-Kolumne / Thomas Glavinic preist das Triumvirat der Haushaltstechnologie

Thomas Glavinic 21.10.2014 Lesezeit 3 Min

Ich habe Schränke, Bücherregale, ein paar mehr oder weniger kostbare Bilder, ich habe ein paar Tische, Stühle, ein Bett, einen Fernseher und einen DVD-Player, ich habe eine Stereoanlage und einen Hometrainer, Bücher und Zeitschriften und Kleidung, aber das alles hat wenig Wert, verglichen mit meiner Schreibmaschine und meinem Handy und meinem Notebook.

THOMAS GLAVINIC lebt als Schriftsteller in Wien. Sein letzter Roman „Das größere Wunder“ erschien 2013. Für Wired schreibt er regelmäßig über seinen Alltag mit der Technologie.

Meine Treue zur Schreibmaschine versteht kein Mensch. Ich muss sie immer wieder erklären. Ich schreibe auf der Schreibmaschine, weil ich damit präziser arbeite. Auf einer uralten mechanischen Schreibmaschine zu tippen, hindert mich an jeder Art von Schlampigkeit, denn es gibt keine Korrekturtaste. Fehler zu machen, bedeutet: Gekritzel auf dem Papier. Gekritzel auf dem Papier bedeutet ab einem gewissen Ausmaß Unleserlichkeit. Wenn ein paar Wochen zwischen Niederschrift und Übertragung in das Notebook vergehen, habe ich keine Ahnung mehr, was ich da eigentlich hingeschmiert habe. Außerdem soll man von alten Farbbändern Quaddeln an den Händen kriegen, hörte ich. Mir ist das nie passiert, aber als Hypochonder freue ich mich natürlich über eine interessante Sorge mehr.

All diese Probleme hat man an einem Notebook nicht. Man schreibt dahin, und wenn man einen Fehler macht oder etwas vergessen hat, schickt man eben den Cursor an die entsprechende Stelle. Außerdem ist ein Notebook zumeist mit dem Internet verbunden, und es gibt nichts, was dem Arbeitsprozess weniger zuträglich ist. Wer einen Text schreibt, muss vielleicht an dieser oder jener Stelle eine kurze Wikipedia-Recherche durchführen, und was dann geschieht, wissen wir alle. Man ruft E-Mails ab, liest sie, beantwortet sie, und weil man schon dabei ist, kann man schnell nachsehen, was auf Facebook los ist. Schnell geht das bekanntlich aber nie. Ich kenne sogar einen Kollegen, der sich dann auch noch Pornos anguckt. Mich kann eine derartige Arbeitsweise nicht überzeugen.

Das Mobiltelefon. Nichts, was in einer Hose Platz hat, macht mehr Freude.

Das Mobiltelefon. Man muss es niemandem erklären. Nichts, was in einer Hose Platz hat, macht mehr Freude. Seinen ursprünglichen Zweck, nämlich Gespräche zwischen Menschen zu ermöglichen, muss es nur noch selten erfüllen, zumindest meines, denn ich hebe aus Gründen von Persönlichkeitsstörungen nie ab, ebenso wie ich E-Mails in der Regel nicht beantworte. Ich beschränke meine elektronische Kommunikation auf SMS. Telefonieren ist anstrengend, überdies mag ich die meisten Menschen sowieso nicht, und Antwort-E-Mails verlangen eine gewisse Inspiration, für die man Zeit aufwenden muss, die woanders gebraucht wird. Zum Beispiel für meinen Facebook-Account. Oder für die Schachprogramme. Oder für Hipstamatic. Oder für Push-ups. Ja, ich mache meine Liegestütze über dem Handy, bei jedem einzelnen berührt meine Nasenspitze das Display, eine freundlich sonore Frauenstimme aus dem Telefon zählt mit. Dann liege ich eine Minute japsend neben meinem Iphone. Solche Dinge hat man früher in Turnvereinen und ähnlichen Einrichtungen erledigt, wo jedes Gerät feucht war und es nach kaltem Schweiß roch, aber an solchen Orten verspüre ich seit jeher den Wunsch, Handgranaten zu zünden, so sehr gehen mir die Muskelpakete mit dem leeren Blick auf die Nerven.

Ich könnte mich nicht festlegen, welcher dieser drei Gegenstände für meine geistige und körperliche Gesundheit am wichtigsten ist. Wobei ich einschränken muss, dass Handy und Notebook im Vergleich zur Schreibmaschine einen großen Nachteil haben: Die Tatsache, dass keine Sicherung eingebaut ist, die ab einem gewissen Alkoholisierungsgrad des Benutzers den Zugriff auf die Geräte verhindert, sorgt regelmäßig für Konflikte im sozialen Leben, und ich bin da keine Ausnahme. E-Mails und SMS sind fatal rasch abgeschickt, einen auf der Schreibmaschine getippten Brief hingegen bringt auch der schlimmste Süffel in der Nacht nicht mehr zur Post. Wer dennoch zu solcher Radikalität neigt, muss sich wohl ein Holzbein zulegen.