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TED2017 in Vancouver: Das Konferenz-Tagebuch von WIRED

Davey Alba 26.04.2017

In Vancouver findet gerade die TED2017-Konferenz statt. Hochkarätige Speaker aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur halten inspirierende Talks von Robotik bis Religion. Ein Ticket kostet 10.000 Dollar. Zum Glück ist WIRED-Reporterin Davey Alba für euch live dabei.

Tag 1: Elite-Idealisten gegen die Politik

Konferenzkurator Chris Anderson an Tag 1 der TED2017

Wenn man zum ersten Mal die TED-Konferenz besucht, fällt es schwer, sich nicht vom Idealismus mitreißen zu lassen. Dutzende Speaker zeigen hier, zu wie viel Kreativität und Hartnäckigkeit die Menschheit in der Lage ist. Der Blick fällt auf den Hafen von Vancouver, wo alle paar Minuten Wasserflugzeuge landen, in der Ferne erheben sich schneebedeckte Berge. Und dann sind da natürlich noch die wahnsinnig erfolgreichsten Leute aus Tech, Entertainment und Design, die sich hier versammelt haben. Ein Ticket für die TED kostet dieser Tage 10.000 Dollar und verschafft Zugang zu einer exklusiven Umgebung, die die Sorgen des Alltags vergessen machen und dafür sorgen soll, dass die Menschen groß denken.

Doch in diesem Jahr kann TED die Außenwelt nicht ganz aussperren.

„Politiker kommen und gehen, Ideen sind für die Ewigkeit.“ Diesen trotzigen Claim gab der Konferenzkurator Chris Anderson an Tag 1 aus. Es ist nicht zu übersehen, dass die politische Realität des Jahres 2017 den Highend-Optimismus stört, den die TED-Besucher normalerweise pflegen. Wie könnte man dem auch entfliehen? Am Flughafen flimmerten CNN-Berichte über den Showdown zwischen dem Zentristen Emanuel Macron und der Rechtsradikalen Marine Le Pen über die Bildschirme, als ich ankam. Gerade TED sollte die Welle des Nationalismus sorgen machen, die gerade um den Globus rollt, steht sie doch in krassem Kontrast zu allem, wofür die Konferenz steht.

Trotzdem möchte ich glauben, dass TED mehr tun kann, als nur Abwehrkämpfe gegen die Populisten zu führen, die das globale Elitedenken ablehnen, für das die Konferenz angeblich steht. Hat es etwas zu bedeuten, wenn 1800 der erfolgreichsten Menschen der Welt zusammenkommen, um groß zu denken, während außerhalb ihrer Blase die Welt von politischer Polarisierung ergriffen wird? Um diese Frage zu beantworten, scheinen die Organisatoren die Besucher jedenfalls in eine etwas nüchternere Realität zurückholen zu wollen, als es in früheren Jahren der Fall war.

Besonders zu erwähnen am ersten Tag der TED2017: Laura Galantes erschreckender Talk über staatlich unterstütztes Hacking. Ihre Schlussfolgerung: Die beste Verteidigung sind kritisches Denken und Entschlossenheit bei der Suche nach Fakten und Wahrheit. Rabbi Lord Jonathan Sacks trat mit ähnlichen Worten für kollektive Eigenverantwortung ein: „Magisches Denken hat die Politik übernommen“, sagte er. „Wir glauben, dass wir eine Anführerin oder einen Anführer wählen können und dass sie oder er all unsere Probleme für uns lösen wird.“

Was eine Nation wirklich groß mache, sei wenn ihre Bürger konsequent für Schwächere einträten, so Sacks. „Mein einfacher Vorschlag: ein Durchgang ‚Suchen und Ersetzen‘ im Text des eigenen Verstandes. Wann immer Sie auf die Worte ‚ich selbst‘ stoßen, ersetzen Sie sie durch ‚jemand anderes‘. Self-care? Nennen Sie es lieber Other-care.“

Die Opulenz der TED-Konferenz hatte mich anfangs zweifeln lassen, gerade als erstmalige Besucherin. Doch nach Tag 1 muss ich sagen: Die erste Runde hat der Idealismus gewonnen.

Tag 2: Eine Million Dollar für Hilfe zur Selbsthilfe

Ein Mitarbeiter von Last Mile Health misst den Blutdruck von Raj Panjabi

Einer der alarmierendsten Punkte von Donald Trumps „America first“-Plänen ist die Ankündigung, die Hilfen für Entwicklungsländer um mehr als ein Drittel zu kürzen. Das würde den Kampf gegen Hungersnöte und Krankheiten enorm erschweren.

Auch die Organisatoren der diesjährigen TED-Konferenz denken darüber nach, wie diesem Verlust von Ressourcen, um den ärmsten Menschen der Welt zu helfen, zu begegnen ist. Die eine Million Dollar, die sie dem Arzt Raj Panjabi als Gewinner des TED Prize zugesprochen haben, werden ihn kaum wettmachen. Doch Panjabi hofft, dass seine Arbeit zum Aufbau von Netzwerken aus Menschen beitragen kann, die die Fähigkeiten und Mittel haben, um besser auf die Gesundheitsbedürfnisse ihrer Länder zu reagieren. Egal welcher politische Wind gerade durchs Weiße Haus weht.

„Es gibt eine Milliarde Menschen auf der Welt, die in abgelegenen Gemeinschaften leben“, erklärte der Mediziner in einer Morgenrunde mit Reportern. „Die Idee ist, dass die Hilfe für diese Gemeinschaften nicht von dort kommt, wo wir es erwarten würden. Nicht von außen – sondern tatsächlich von innen.“

Panjabis Community Health Academy bringt Hersteller von potenziell lebensrettender Technologie – von Diagnose-Apps für Smartphones bis zu Solargeneratoren für kostenlose Kliniken – mit Gesundheitsarbeitern vor Ort zusammen. Als Mitgründer und CEO von Last Mile Health hat er die vergangenen zehn Jahre damit verbracht, ebendiese Menschen in den abgelegensten Gegenden der Welt zu trainieren und auszurüsten. Der Fokus lag bislang auf Liberia, wo Panjabi seine Kindheit verbrachte und wo er nun half, mit der Ebola-Krise umzugehen. Nun will er seine Idee zu hilfsbedürftigen Menschen auf der ganzen Welt bringen, auch in den USA. 

„Als Weltbürger leben wir gerade in turbulenten Zeiten“, sagt Anna Verghese, Direktorin des TED Prize. „Raj hat mehr als jeder andere verstanden, dass Krankheiten sich weder an Grenzen noch an Nationalitäten halten.“

Panjabis Akademie will nicht nur Wissen, sondern auch Technologie an die Orte bringen, die sie am dringendsten benötigen. Sie will Unterrichtsvideos und Online-Kurse anbieten, um Helfern die besten Methoden zu vermitteln. Und sie will Regierungen und politische Entscheidungsträger beraten, um es kommunalen Gesundheitsarbeitern zu erleichtern, die Referenzen zu bekommen, um an großen öffentlichen Hilfsprogrammen teilzunehmen.

Panjabi will jedoch – ganz nach dem TED-Ethos – kein Regierungsprogramm auflegen. Er ist ein Unternehmer, der Technologie effizienter und wirkungsvoller für das Gemeinwohl einsetzen will. Dabei sieht er Apps und Gadgets nicht als Selbstzweck – sondern als Mittel um Menschen effektiver zu helfen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com.
Das Original lest ihr hier.

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