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Tarantino ist das Beste, was Star Trek passieren kann

Michael Förtsch 07.12.2017

Der Pulp-Fiction- und Kill-Bill-Regisseur Quentin Tarantino könnte einen Star-Trek-Film drehen. Schon vor Jahren hatte er mit dem Gedanken gespielt. Star Trek hätte den Autorenfilmer bitter nötig.

Gerade arbeitet Quentin Tarantino daran, seinen nächsten Film vorzubereiten. Der läuft unter dem Arbeitstitel Helter Skelter und soll in Los Angeles zur Zeit der berüchtigten Manson-Morde spielen. Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Tom Cruise und Margot Robbie werden als Darsteller gehandelt. Es wird sein neuntes Originalwerk – die beiden Kill-Bill-Filme zählt er als einen – und angeblich sein vorletzter Film. „Ich plane beim zehnten aufzuhören“, sagte Tarantino nach dem Erscheinen von The Hateful Eight. Sein Abschlussfilm könnte nun ein gänzlich unerwartetes Spektakel sein. Nämlich ein Star-Trek-Film statt eines finalen Autorenwerkes.

Übereinstimmend haben mittlerweile Deadline, The Hollywood Reporter und Variety berichtet, dass Tarantino ein Konzept für einen Star-Trek-Film an das Studio Paramount und J.J. Abrams übergeben habe. Die wären angetan und würden ein Autorenteam etablieren, dass es in ein Drehbuch umsetzen soll. Wenn das dann beiden Parteien zusagt, könne sich Quentin Tarantino durchaus vorstellen, selbst Regie zu führen. Das wäre zwar eine echte Sensation, aber im Grunde keine allzu große Überraschung.

Tatsächlich ist seit langem bekannt, dass Tarantino eine Schwäche für Star Trek hat. Er ist ein großer Fan der Original-Serie und mag das Reboot durch J.J. Abrams von 2009 – jedoch nicht Star Trek Into Darkness. In einer Episode des Nerdist Podcast vor zwei Jahren hatte er gar erklärt, dass, wenn er vor die Wahl gestellt würde, er lieber einen Star-Trek- als einen Star-Wars-Film drehen wolle. Er habe zwischenzeitlich „etwas mit der Idee herumgesponnen“, das vielleicht zu tun. Dabei führte er an, dass eine der kreativen Zeitreise-Episoden eine fantastische Basis für einen Film sein könnte. Darunter Griff in die Geschichte und insbesondere die Die-Nächste-Generation-Folge Die alte Enterprise, die er für eine der besten Star-Trek-Geschichten überhaupt hält – eine Meinung, die viele Fans teilen.

In Die alte Enterprise trifft die Enterprise-D unter Captain Jean-Luc Picard auf eine Zeitanomalie. Picard und seine Crew retten hierbei die alte Enterprise-C, die eigentlich vor 22 Jahren bei der Verteidigung eines klingonischen Außenpostens von den Romulanern vernichtet worden war. Dadurch wird die Zeitlinie deformiert: Die Föderation ist plötzlich im Krieg mit den Klingonen, die Enterprise-D ein Schlachtschiff und die Crew eine Militärmannschaft. Denn das Opfer, das die Enterprise-C einst brachte, hatte zu einem Friedensvertrag mit den Klingonen geführt – es hatte den Klingonen gezeigt, dass die Föderation Opferbereitschaft kennt. Die beiden Crews müssen daher entscheiden, ob sie den brutalen Krieg fortführen oder die Enterprice-C in der Zeit zurück und damit ihre Besatzung in den sicheren Tod schicken.

Natürlich wird Tarantino keinen Abklatsch dieser Episode planen: Aber es ist vorstellbar, dass er James T. Kirk, Spock, Pille und Scotty vor ein vergleichbares Zeitreisedilemma stellt. Beispielsweise, wie Birth Movies Death vermutet, in dem Kirk die USS Kelvin, das Schiff auf dem sein Vater George Kirk starb, vor der Kollision mit der Narada im Reboot-Film bewahrt. Das wäre doppelt interessant: Denn das ist auch der Moment, im dem die Zeitlinie der aktuellen Star-Trek-Filme von der Original-Serie abzuweichen beginnt. Dadurch könnte Tarantino eine Geschichte aufziehen, die außerhalb der aktuell gesetzten Star-Trek-Realität stattfindet; die es ihm erlaubt, stärker mit Charakteren, dem Look und Feeling zu spielen.

Quentin Tarantino und das Autorenteam könnten mit der Zeitreise- und Zeitlinien-Mechanik also tricksen. Sie könnten die Raumschiffe, die Föderation und Alien-Rassen verändern, zentrale Charaktere sterben lassen, in der Zeit vor- oder zurückspringen oder sogar auf die bekannte Enterprise-Crew verzichten. Schließlich ist Star Trek deutlich mehr als nur die Enterprise! Interessant in diesem Zusammenhang: Chris Hemsworth, der George Kirk in der Einführungssequenz des Reboot spielt, hat erst im Januar verraten, dass er für einen weiteren Star-Trek-Film unter Vertrag stehe. Vielleicht nur Zufall – aber vielleicht auch nicht.

Wichtiger als die Geschichte dürfte jedoch der kreative und handwerkliche Einschlag des Filmemachers sein. Tarantino weiß, wie sich scheinbar belanglose Situationen zu surrealen Konflikten und regelrechten Massakern eskalieren lassen. Virtuos zeichnet er Emotionen und zwischenmenschliche Spannungen. Er ist brillant, wenn es darum geht, wahrhaft erschreckende Widersacher nahbar und intelligent zu inszenieren. Dabei sind stets sein Stil und seine Passion sichtbar. Solche persönlichen Züge fehlen der Reboot-Saga bislang. Während sogar in Marvels Thor: Tag der Entscheidung die Verspieltheit von Taika Waititi oder in Legendary Pictures' Kong: Skull Island die Videospiel-Vernarrtheit von Jordan Vogt-Roberts zu erkennen sind, wirkt Star Trek unter J. J. Abrams und zuletzt Justin Lin erschreckend schablonenhaft, charakter-, antriebslos und fabriziert.

Bei einem Star-Trek-Film unter Tarantino-Regie wäre zudem Aufmerksamkeit garantiert. Sicherlich würden Paramount und J.J. Abrams dem Autorenfilmer daher auch so einige Freiheiten einräumen, seine Markenzeichen umzusetzen und seinen Stil auch sicht- und fühlbar zu machen: Lange Dialoge und scharfe Charakterzeichnungen, ein wiedererkennbarer Soundtrack – der über die Beastie Boys und einen Futurama-Scherz hinaus geht –, weite Kamerafahrten, extreme Nahaufnahmen, filmische Zitate und vielleicht gibt es auch ein paar schicke Füße, Trunk Shots und Tanzschritte zu sehen. All das würde der Natur von Star Trek auch nicht grundsätzlich zuwiderlaufen.

Dennoch sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass, wenn Tarantino denn wirklich Regie führen sollte, ein klassischer Tarantino-Streifen herauskommt. Es wäre kein Reservoir Dogs, Pulp Fiction oder Django Unchained. Schließlich würde der Kult-Regisseur trotz allem im Korsett eines Franchise arbeiten: Eine Carte blanche wird selbst er nicht bekommen. Allerdings könnte er die Grenzen und Normen des Star-Trek-Kinouniversums dehnen und als eine Art Belastungstest und Wegweser fungieren. Er könnte austarieren, was geht und demonstrieren, wie eine individuellere Bildsprache, persönliche Elemente und Regisseur-spezifische Eigenheiten die Reihe bereichern können. Genau das ist es, was Star Trek braucht. Abgesehen davon wäre es faszinierend, zu sehen, wie ein Star-Trek-Streifen von Quentin Tarantino aussieht.