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„Ein Faschist regiert“: Cory Doctorow fürchtet Überwachung unter Trump

Lars Gaede 17.03.2017

Der Science-Fiction-Autor, Journalist und Netzaktivist Cory Doctorow sprach mit WIRED über den Trend zu politischen Themen auf der SXSW und die Frage, was Donald Trump in Sachen Überwachung von Barack Obama unterscheidet. 

Cory Doctorow ist Science-Fiction-Autor, Journalist und Netzktivist. Seine aktuellsten Werke sind der Jugendroman Homeland, der Copyright-Guide Information Doesn't Want to Be Free: Laws for the Internet Age und die Graphic Novel In Real Life. Neben seinem Job bei Boing Boing arbeitet er seit 2015 für die Electronic Frontier Foundation (EFF) an einem zehnjährigen Projekt namens Apollo 1201. Dessen Ziel ist es, sämtliche DRM-Systeme (Digital Rights Management) abzuschaffen. Im Interview auf dem South by Southwest Festival (SXSW) in Austin, Texas spricht Cory Doctorow mit WIRED darüber, was Donald Trumps Präsidentschaft für die Themen Datenspeicherung und Überwachung bedeutet.


WIRED: Auffälig viele Panels auf der SXSW befassen sich dieses Jahr mit politischen Themen – insbesondere mit der kritischen Rolle von Technologie bei der staatlichen Überwachung. Entsteht da gerade ein neues politisches Bewusstsein?
Cory Doctorow: Im Interactive-Teil der SXSW waren schon immer viele Menschen vertreten, die sich sehr für für Politik interessieren. Interessanterweise teilt sich das Feld immer auf in die Leute, die Überwachung befürworten, und die Leute, die etwas von Technologie verstehen. Menschen, die etwas von Technologie verstehen und Überwachung befürworten sind eine extrem rare Spezies.

WIRED: Warum? 
Doctorow: Jeder der Technologie versteht, erkennt ihren zweischneidigen Charakter: Mehr Überwachung setzt gerade die Menschen, die sie vermeintlich beschützen soll, und ihre Freiheiten großen Risiken aus.

Meine größte Sorge ist, dass die Menge der Daten, die über uns gespeichert ist, längst ausreicht, um uns zu zerstören

Cory Doctorow


WIRED: Haben Sie das Gefühl, dass das dieses Jahr häufiger ein Thema ist als bisher?
Doctorow: Ja, auf jeden Fall. Ich denke, das hat zwei Gründe. Zum einen steigt die Zahl derer, deren Leben tatsächlich schon durch Überwachungsmaßnahmen beeinträchtigt oder sogar zerstört wurde – oder die zumindest jemanden kennen, dem das widerfahren ist. Das bedeutet, immer mehr Menschen befassen sich mit dem Thema. Zum anderen gibt es nun eine neue Schärfe in der Debatte zur staatlichen Überwachung in den USA. Bisher verlief diese immer eher abstrakt. Jetzt wird dieses Land von einem Faschisten regiert. Ich denke, diese zwei Aspekte haben die Art und Weise, wie wir über Privacy und Überwachung reden, tatsächlich in letzter Zeit verändert. 

WIRED: Was befürchten Sie aktuell im Hinblick auf das Thema Überwachung?
Doctorow: Meine größte Sorge ist, dass wir erst merken, dass wir auf breiter Front etwas gegen Überwachung und flächendeckende Datensammlungen unternehmen müssen, wenn es schon zu spät ist. Dass also zu dem Zeitpunkt, an dem die Öffentlichkeit aufwacht und ihr klar wird, was alles schon an umfassender Überwachung geschieht, die Menge der Daten, die über uns gespeichert ist, längst ausreicht, um uns zu zerstören. So wie wir auch Gefahr laufen, wirklich erst etwas gegen den Klimawandel zu tun, wenn der Meeresspiegel schon so hoch steht, dass es zu spät ist.

WIRED: Was meinen Sie konkret?
Doctorow: Über uns gibt es Unmengen gesicherter Daten, die auf verschiedenste Arten und Weisen genutzt werden können, um uns zu schaden. Von staatlicher Seite, aber auch von Kriminellen, die unsere Daten nutzen, um Profit zu machen. Menschen verlieren schon heute ihr Zuhause, weil ihre Identitäten gestohlen und dann ihre Häuser verkauft werden, während sie im Urlaub sind. So etwas passiert! Jeder einzelne Datenpunkt unseres Leben kann in irgendeiner Weise gegen uns verwendet werden und wir tun trotzdem viel zu wenig, um diese Daten zu schützen. Dass wir das Risiko, das mit der Datensammelei einhergeht so fundamental unterbewerten, ist eine politische Dysfunktionalität. Solche Dysfunktionalitäten führen oft zu großen Krisen. Als wir die Risiken der sogenannten Sub-prime Mortgages unterschätzten, schlitterten wir in die Finanzkrise. Wir unterschätzen das Risiko von viel Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre – das zeigt im Klimawandel nun seine Folgen. Und jetzt unterbewerten wir das Risiko, das mit Überwachung und Datenspeicherung einhergeht. Wobei sich das unter Trump vielleicht ändern wird.

Obama ist fahrlässigerweise davon ausgegangen, dass wir immer einen erwachsenen Menschen im White House sitzen haben werden

Cory Doctorow


WIRED: Inwiefern?
Doctorow: Obama ist fahrlässigerweise davon ausgegangen, dass wir immer einen erwachsenen Menschen im White House sitzen haben werden. Deshalb war er unglaublich lax in der Ausweitung der Datenspeicherung, der exekutiven Werkzeuge, der geheimen Dienste. Jetzt ist Trump an der Macht und kann mit all den Spielzeugen spielen, die ihm Obama überlassen hat. Obama hat die von ihm geschaffenen Überwachungswerkzeuge immer sehr geschickt und sehr behutsam mit einer Reihe von gesetzlichen und regulatorischen Elementen umwickelt, so dass es für die Öffentlichkeit schwer war, deren volles Ausmaß zu erkennen – geschweige denn, sie auseinanderzunehmen und zu verhindern. Trumps Idee eines regulatorischen Frameworks sieht anders aus: Er schreibt eher irgendwas auf ein Blatt Papier, leckt daran, klebt es an die Wand und hofft, dass es schon nicht abfällt. Trump wird in verrückten Arten und Weisen übergriffig sein, aber er ist im Kern inkompetent. Das heißt kurzfristig wird es womöglich schlimmer werden, aber langfristig gelingt es uns dadurch velleicht, die Überwachungsmaßnahmen und –werkzeuge besser zu erkennen und zu bekämpfen. Wenn wir die nächsten vier Jahre denn überleben.

WIRED: Was kann man denn selbst gegen Datenspeicherung und Überwachung tun?
Doctorow: In Deutschland? Man kann zum Beispiel Netzpolitik.org verfolgen oder sich bei Organisationen wie der Electronic Frontier Foundation für eine bessere Zukunft engagieren. Denn ganz alleine kommt man gegen die Massenüberwachung schlecht an. Und man kann Politiker wie Julia Reda unterstützen, sie ist die vernünftigste Stimme zum Thema Datenspeicherung und Informationspolitik im europäischen Parlament. Deutschland hat in seiner jüngsten Geschichte ja genug Beispiele dafür, was staatliche Überwachung angehen kann und eine aktive Bewegung dagegen. Die sollte man unterstützen!

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