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Wie Streaming den Kino-Soundtrack rettet

Angela Watercutter 04.07.2017

Legendäre Filme wie Dirty Dancing haben ihren eigenen Soundtrack, der zum Hit-Album wurde. Doch mit iTunes und Spotify kam die Ernüchterung, niemand kaufte mehr solche Alben. Trotzdem feiern Film-Soundtracks jetzt plötzlich ihr großes Comeback.

Die Mission von John Houlihan schien nahezu unmöglich. Als Music Supervisor für Atomic Blonde sollte er George Michael, New Order und Public Enemy davon überzeugen, dass ihre Musik im Hintergrund läuft, während Charlize Theron als kaltblütige Spionin das Berlin von 1989 unsicher macht. Schwierig, denn viel Geld konnte er dafür nicht bieten. Er hatte sich in den letzten 20 Jahren daran gewöhnt, dass es selten ohne harte Verhandlungen, Tauschgeschäfte oder sogar Flehen funktionierte. Ähnlich lief es etwa damals ab, als er versuchte Musik für Austin Powers zu finden. Doch seitdem hatte sich viel verändert.

Angefangen in den 1980er bis in die frühen 2000er Jahre war es möglich, dass eine CD mit einem guten Soundtrack zum erfolgreichsten Album des Jahres wurde. 1987 gelang das Dirty Dancing, 1992 dem Film Singles. Und 1994 teilten sich Pulp Fiction und Above the Rim diese Ehre. Nur zwei Jahre folgte Romeo + Juliet.

Als aber iTunes und andere Streamingdienste sich mehr und mehr etablierten, gab es keinen guten Grund mehr, diese Songs auf einer CD zu kaufen. Warum sollten Zuschauer auch für den 8-Mile-Soundtrack bezahlen, wenn es bereits die passende Eminem-Playlist auf Spotify gibt.

Diese Entwicklung veränderte den Job des Music Supervisors auf zwei Arten: Erstens setzten weniger Labels ihre neuen Superstars unter Druck, "Ja" zu einem Film-Soundtrack zu sagen. Und zweitens waren sie viel eher bereit, ältere Songs als Soundtrack herzugeben, weil sich mit ihnen eh kein Geld mehr über CDs verdienen ließ.

„Als die Musikindustrie sich von den Läden in die digitale Welt bewegte, gab es riesige Umsatzeinbußen“, sagt Houlihan. „Der kleine Nebenverdienst für die Lizensierung von Musik hat sich jetzt zum Kerngeschäft entwickelt.“ Denn neue und alte Stars hätten begriffen: Wenn ein Kinobesucher ihren Song hört, dann steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass er alle älteren Songs streamt. Dieses Phänomen hat dafür gesorgt, dass 2017 Soundtracks so erfolgreich sind, wie sie es zuletzt vor Jahrzehnten waren.

Ein Blick – besser ein Lauschen – ins Multiplex-Kino liefert Belege, warum das so ist. Guardians of the Galaxy Vol. 2 setzt fort, was der erste Teil vorgelegt hat und lässt die Zuschauer Fleetwood Mac und Looking Glass summen. Wenn Atomic Blonde am 24. August ins Kino kommt, dann wird dasselbe mit Klassikern wie 99 Luftballons passieren. Bei The Bad Batch werden alte Klassiker von Ace of Base und Culture Club aus den 80ern und 90ern im Kino wiederbelebt – neben obskurer Horrormusik.

Und dann ist da natürlich noch Baby Driver. Ein Film, der mit Songs von Beck, Queen und anderen Superstars befeuert wird. „Das macht einfach Spaß“, sagt Bad-Batch-Regisseur Ana Lily Amirpour. „Baby Driver ist vollgestopft mit Musik.“ Ähnlich wie Zuschauer es von Dirty Dancing oder Pulp Fiction kennen, bringt der Film bekannte Musik-Hits zurück. Nur eben nicht als Album, sondern als Playlist.

Diese Playlists gab es lange bevor die Kameras rollten, zumindest bei Atomic Blonde und Baby Driver. Houlihan und David Leitch, der Regisseur von Atomic Blonde, verbrachten Wochen damit, sich gegenseitig Vorschläge für Musikstücke zu schicken. Während Edgar Wright das Skript für Baby Driver schrieb, achtete er übertrieben genau darauf, dass jeder Song perfekt zur Action auf dem Bildschirm passen würde. Dann gab er jedem Schauspieler eine CD, die sie hören sollten, während sie das Skript lasen. „Ich fühle mich am stärksten dem Protagonisten Baby verbunden, wenn er seine Motivation in Musik sucht“, sagt Wright. „Ich liebe es in Bewegung zu sein und dabei Musik zu hören.“

Danach war es die Aufgabe von Music Consultant Kirsten Lane, die Rechte an allen Songs zu sichern, bevor der Dreh begann. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen holte sie alle Tracks, die Wright wollte. Nötig dafür war allein das Versprechen, dass die Lieder in einem Edgar-Wright-Film vorkamen und so ein ganz neues Publikum erreichen würden.

Diese Aussicht auf ein größeres Publikum lässt sich nur schwer ausschlagen, besonders in Zeiten von iTunes und Spotify – wenn Menschen, die keine Musik kaufen, trotzdem dafür sorgen können, dass ein Song regelmäßig im Radio gespielt wird. Das wird vor allem im Fall von Baby Driver relevant: Der Film könnte eine junge Generation erneut auf alte Songs aufmerksam machen, die die Hits von heute inspiriert haben.

Am Anfang des Films wird beispielsweise Harlem Shuffle von Bob & Earl gespielt. Warum dieser Song vielen sofort bekannt vorkommt? Weil ein Sample aus ihm für Jump Around von House of Pain übernommen wurde. „Das Clevere ist, dass du die Hälfte der Tracks noch nie gehört hast, aber seinen Refrain kennst, weil er gesampelt und in etwas Modernes gesteckt wurde“, sagt Lane. „Der Film macht junge und alte Zuschauer mit etwas bekannt, von dem sie vielleicht gar nicht wussten, dass es existiert.“

Die Art, wie Musik durch einen Kinofilm berühmt gemacht wird, hat sich verändert. Während des CD-Booms in den 1990ern und 2000ern bezahlten Labels Millionen für die Rechte, einen Soundtrack zu produzieren. So gaben sie ihren neuen Talenten eine Bühne, um sie ganz groß rauszubringen.

„Zwischen 2000 und 2010 gab es wirklich viele Filmszenen, die schlechter waren, weil es darum ging, Geld zu verdienen“, sagt Houlihan. „Film-Regisseure fingen an Soundtracks zu hassen. Ich erinnere mich an einen Regisseur, der zu mir sagte: ,Ich will keinen Soundtrack. Ich will nicht, dass mir ein Studioboss sagt, was für meine Komposition am besten ist. Die sollen sich verflucht nochmal raushalten, mich den Film machen lassen und wenn jemand am Ende die Songs veröffentlichen will, großartig.‘“

Mittlerweile hätten Filmemacher viel mehr Freiheit, sich die Songs auszusuchen, die sie wollen, sagt Houlihan. Als Music Supervisor habe er nur ein begrenztes Budget, wenn die großen Labels sich nicht einmischen. Das bedeutet einerseits weniger extra dafür eingespielte Songs, aber andererseits sind viele Firmen bereit dazu, ihre Musik für einen Film zu lizensieren. Und wenn nicht, dann gibt es genug Indie-Bands, die jederzeit einspringen.

Das neue Ökosystem bedeutet, dass Soundtracks einen Teil ihres Ruhms zurückbekommen, den sie in Tagen von Die Reifeprüfung hatten. Ein Film, der Simon and Garfunkels Mrs. Robinson in den Zeitgeist einbrannte, ähnlich wie es jetzt Baby Driver mit einem neuen Track der beiden will. „Es gibt nicht viele Filme da draußen, die es verdient hätten, ein eigenes Soundtrack-Album zu bekommen. Wenn du verstehst was ich meine?“, sagt Lane. „Es gibt so viele da draußen bei denen man sich nur fragt: „Wer will das haben? Und dann gäbe es eben die Klassiker wie Dirty Dancing, Pulp Fiction oder Trainspotting, bei denen der Soundtrack sofort den gesamten Film ins Gedächtnis ruft. „Baby Driver gehört mit Sicherheit dazu.“ Ob jemand dann die offizielle Playlist hört oder seine eigene macht, ist Lane dabei egal.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com.
Das Original lest ihr hier.

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