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Fabu will spielen / Das deutsche Kickstarter ist ein Friedhof für gescheiterte Game-Entwickler

Fabu 08.03.2016

Im Mai 2015 schlug Kickstarter in Deutschland auf – doch der Knall blieb aus, zumindest was Spiele angeht. Nur wenige der dort finanzierten Games konnten überzeugen. Derzeit gleicht die Plattform mehr einem Friedhof für gescheiterte Entwickler statt deren Spielplatz, findet unser Kolumnist Fabu.

Ich gehöre zu den Menschen, die den Deutschlandstart der 2009 gegründeten Crowdfunding-Plattform Kickstarter jahrelang herbeigesehnt hatten. Während Spieleentwickler aus Übersee dort längst fleißig ihre verheißungsvollen Projekte bewarben und finanzierten, musste man hierzulande auf das etwas biedere und bürokratischere Startnext ausweichen. Cool war anders.

Spätestens seit der „Day of the Tentacle“-Erfinder Tim Schafer 2012 bei Kickstarter aufschlug und rekordverdächtig Geld und Berichterstattung für sein geplantes Adventure einheimste, war allen klar: Es gibt jetzt endlich eine reale Möglichkeit, Spieleentwicklerträume zu verwirklichen, ohne bei BWL-orientierten Anzugträgern Klinken putzen zu müssen.

Ein Trauerspiel nach dem anderen offenbart sich.

Doch bis auch wir in Deutschland uns die hippe Schwarmfinanzierung zu eigen machen konnten, sollten noch drei weitere Jahre vergehen. Im Mai 2015 war es dann endlich soweit: Heimische Entwickler durften ihr ganz persönliches Schafer-Stündchen™ erleben. Alles sollte sich ändern. Aber — oh Wunder — Ansturm und Euphorie der Spiele-Fans blieben aus. Bis heute hat sich das nicht geändert: Besucht man heute Kickstarter und sucht dort nach deutschen Projekten, offenbart sich ein Trauerspiel nach dem anderen.

Fabu arbeitete zehn Jahre als Erzieher, bevor er sich als Blogger dem New Games Journalism verschrieb. Für WIRED denkt er darüber nach, was in der Videospielkultur falsch läuft.

Tatsächlich wurden zwischenzeitlich ein paar Games finanziert, bei denen man nicht direkt ungläubig die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Sie lassen sich allerdings an einer Hand abzählen, die Bekanntschaft mit einer Kreissäge gemacht hat. Außerdem stammen sie fast alle von Firmen, die ohnehin schon international ausgerichtet waren und ein gewisses Portfolio vorweisen konnten. „Everspace“ von Rockfish Games und „Battle Worlds: Kronos“ von King Art Games mögen hier als Beispiele dienen. Doch coole Indiegames waren Mangelware und die aktuell dargebotenen Ideen kann man bestenfalls als schlechte Witze bezeichnen. Woran liegt das?

Auch wenn ich die deutsche Szene gelegentlich als mut- und kreativlos empfinde, wäre es wohl arg eindimensional und polemisch, das Scheitern von Kickstarter Deutschland im Bereich Games allein auf diese Feststellung zu stützen. Es darf nicht unterschlagen werden, dass das Portal längst nicht mehr den Glanz und die Präsenz besitzt, wie es noch vor drei Jahren der Fall war.

Einige Urgesteine der Spieleszene machten es Tim Schafer nach und feierten bei Kickstarter mehr oder weniger erfolgreich ihre Auferstehung. Parallel reihten sich zahlreiche Indie-Entwickler mit ihren Projekten ein, um auch ein Stück vom Kuchen zu ergattern. Einerseits profitierte die Plattform von ihren prominenten Fürsprechern, andererseits schraubte das auch die Budgets und die Erwartungen hoch. Weniger bekannte Entwickler wurden im Schatten der Prominenz oder hinter memetauglichen Quatschprojekten zurückgelassen.

Mit der Zeit kamen einige gute Spiele heraus, aber auch sehr viel Ernüchterung. Nicht selten verkalkulierten sich Entwickler, konnten Deadlines nicht einhalten oder einfach die Erwartungen nicht erfüllen. In schwerwiegenden Fällen verprellten sie ihre Unterstützer und hüllten sich danach in Schweigen. Und nicht zuletzt führten Vorverkaufsaktionen wie bei „Shenmue 3“ dazu, dass der ursprüngliche Crowdfunding-Gedanke verwässert wurde. All das trug zur Skepsis bei, die viele heute gegenüber Kickstarter haben.

Besonders in Deutschland fehlen die Multitalente, wie es scheint.

Hinzu kommt, dass es nicht reicht, eine gute Spielidee zu haben. Ein Konzept muss im besten Fall in einem sympathischen Video präsentiert werden, damit es überhaupt Beachtung finden kann. Scheitert ein Projekt also nicht an Skepsis oder Mutlosigkeit der Unterstützer, liegt es womöglich daran, dass eierlegende Wollmilchsäue unter den Entwicklerteams sehr selten in freier Wildbahn anzutreffen sind. Besonders in Deutschland fehlen solche Multitalente, wie es scheint. Denn betrachtet man Kickstarter auf internationaler Ebene, dann sind Projekte wie „Hyper Light Drifter“ und „Fabulous Beasts“ zwar nicht die Regel, aber zumindest vorhanden.

Und nein, auf konkurrierenden Seiten wie Indiegogo oder WeMakeIt tummeln sich auch keine mir bekannten Ausnahmetalente. Verdammt, wo versteckt ihr euch? Gibt es euch etwa gar nicht?

Letztes Mal bei „Fabu will spielen“: Die respektlose All-you-can-eat-Mentalität vieler Spiele-Käufer 

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