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Der neue Spider-Man bringt Marvel wieder in Schwingung

Angela Watercutter 11.07.2017

„Spider-Man: Homecoming“ hat in den USA das drittbeste Startwochenende eines Films in diesem Jahr hingelegt. Das war nicht hundertprozentig absehbar. Wichtiger allerdings ist, wie Jon Watts’ Film das geschafft hat: indem er klein bleibt. Relativ klein zumindest. Das hat Auswirkungen auf das Marvel-Universum.

Niemand hatte ernsthaft geglaubt, dass Spider-Man: Homecoming floppt. Die großen Sommer-Comic-Filme tun das eigentlich nicht mehr. Wenn überhaupt, hat Marvel in den letzten Jahren bewiesen, dass sogar solche obskuren Helden wie Doctor Strange und Ant-Man genug Zuschauer in die Kinosessel bekommen. Aber als dann Spidey an der Reihe war – ein Held, der auf zwei Reboots und fünf Filme in den letzten 15 Jahren verweisen kann – lagen die Dinge etwas anders.

Es war nicht nur unsicher, ob überhaupt jemand noch einen neuen Peter Parker brauchte, sondern ob ein Marvel-Film von Sony (statt sonst Disney) den gleichen Charme besitzen würde. Wie sich herausstellte, hatte Spider-Man nicht die Absicht, unbemerkt vorbeizuschwingen. Stattdessen übertraf er die Erwartungen bei weitem und brachte 117 Millionen Dollar allein an den US-Kassen ein.

Um diese Zahl einmal ins Verhältnis zu setzen: Homecoming hatte das drittbeste Startwochenende eines Films in diesem Jahr – knapp vor Wonder Woman und hinter Guardians of the Galaxy Vol. 2 und Die Schöne und das Biest. Es ist zudem das beste Einspielergebnis für einen Film, der einen einzelnen Charakter in das Marvel Cinematic Universe einführt. Damit drängt er den ersten Iron Man von 2008 vom Thron.

Das alles ist für sich gesehen schon recht beeindruckend. Noch erstaunlicher ist es, wenn man bedenkt, dass Zuschauer im letzten Jahrzehnt eigentlich mehr als genug Spider-Man-Filme gesehen haben und ähnlich große Namen wie Transformers und Pirates of the Caribbean in diesem Jahr hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind.

Die Tatsache, dass Spider-Man immer noch eine Menge Geld einspielen kann, ist aber nicht die eigentliche Lektion von Homecoming – sie sollte es zumindest nicht sein. Beachtlich ist, wie es Jon Watts’ Film geschafft hat: indem er klein bleibt. Relativ klein zumindest. Im Kern ist es eine High-School-Komödie und kein Moral-Stück über Patriotismus und Ehre. Der Schurke Vulture (wunderbar gespielt von Michael Keaton) will nicht ganz New York zerstören und auch keine europäische Stadt hunderte von Metern in die Luft schleudern.

Und auch wenn Tom Holland wohl der bisher beste Kino-Spidey ist, ist Homecoming ein Ensemble-Film. Nicht in dem Sinne, wie The First Avenger: Civil War eigentlich ein Avengers-Film im Pelz eines Solofilms war. Vielmehr sind es Peter Parkers Freunde, Familie und Gegner, die genau so wertvoll für die Handlung sind wie er (und genau so vielfältig wie es in einem Film über einen Jungen aus Queens sein sollte).

Es beweist außerdem, dass Marvel auch andere Studios mit seinen Figuren spielen lassen kann, ohne dass das fertige Produkt wie eine Billigkopie wirkt. Marvel ist nur ein scheinbares Risiko eingegangen, jemanden außerhalb der Disney-Maschinerie einen Marvel-Film produzieren zu lassen. Eine andere Möglichkeit, Spidey bei den Avengers einsteigen zu lassen, gab es auch nicht, da die Filmrechte von Spider-Man bei Sony liegen. Die Entscheidung hat sich voll und ganz ausgezahlt.

Der Erfolg von Homecoming lässt nur noch eine Frage offen: Führt er zu einer ähnlichen Zusammenarbeit zwischen Marvel und Fox, die die Filmrechte an Marvels X-Men (und damit auch Deadpool) und Fantastic Four besitzen? Noch im letzten Jahr bezeichnete Kevin Feige, Chef von Marvel Studios, das als „unmöglich”. Allerdings ist es schwer vorzustellen, dass der Ruf des Geldes nicht von wenigstens einem Anzugträger gehört wird. Vor allem, da Fox mit X-Men: Dark Phoenix ein Sequel zu X-Men: Apocalypse plant und mit dem gefloppten Fantastic Four sicherlich ein bisschen Hilfe gebrauchen kann. Ob Marvel sich in die nicht jugendfreien Gefilde von Deadpool wagen möchte, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Fox hatte mit seinen Marvel-Figuren eine Menge Erfolg, ganze ohne auf Marvels Erfolgsformel zurückzugreifen. Wenn sich Crossover-Filme wie bei Spidey als beständige Hits herausstellen, ist es schwer vorstellbar, dass niemand an dieser Stelle weitermachen möchte.

Noch einmal: Niemand hat geglaubt, dass ein Spider-Man-Film, der eine Teenie-Komödie mit dem Charisma eines Robert Downey Jr. verbindet, floppen könnte. Aber in einem Sommer voll von Überraschungen – guter und schlechter Natur – scheint alles möglich. Eine Zukunft kleinerer, witzigerer und bunterer Superheldenfilme, die über den Tellerrand der Marvel Studios schauen, war nie wahrscheinlicher.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com.
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