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Binaural Bits / Der Podcast Song Exploder nimmt den Pop auseinander

Christian Grasse 17.03.2015 Lesezeit 4 Min

Wie entstehen die Lieder, die uns so ans Herz wachsen? Hrishikesh Hirway ist Musiker und hat es sich mit seinem Podcast Song Exploder zur Aufgabe gemacht, die Geschichte von einzelnen Songs zu erzählen — indem er sie von den Musikern, die sie geschrieben haben, auseinandernehmen lässt.

Christian Grasse arbeitet im Berliner Radiobüro mit anderen JournalistInnen, AutorInnen und PodcasterInnen an Audio-Projekten. Die Kolumne „Binaural Bits“ befasst sich auf WIRED Germany wöchentlich mit allem, was hörbar ist.

Ich bin ein großer Fan von Auseinandernehmen, Zerlegen, Anschauen. Eine Konstruktion nachvollziehen und danach alles wieder zusammensetzen — nur so verstehe ich die Dinge richtig. Dieser Tick fing bei mir in den Neunzigern mit Computern an und setzt sich mit Musik bis heute fort.

Was ist Musik überhaupt? Nüchtern betrachtet: eine Kombination aus Tönen und Rhythmen, die in den meisten Fällen mit mehr oder weniger sinnhaften Textbausteinen arrangiert wird. Wenn es um Popmusik geht, dann ist diese Kombination häufig so eingängig, dass die einzelnen Bestandteile im Gesamteindruck verschwinden. Genau deshalb ist Pop perfekt dafür geeignet, dekonstruiert zu werden. Und wer könnte das am besten? Genau: der Konstrukteur selbst. Das ist die simple und deshalb so geniale Idee hinter dem Podcast Song Exploder: „A podcast where musicians take apart their songs, and piece by piece, tell the story of how they were made.“

Produziert und moderiert wird die Sendung von Hrishikesh Hirway, der selbst Musiker ist und unter dem Nahmen The One AM Radio seit 1999 verträumte Songs zwischen Indie- und Elektropop arrangiert. Jedes Mal, wenn ich Hirway live sah, was Mitte der 2000er Jahre öfter vorkam, nahm er sich zwischen den Songs immer wieder ein paar Minuten Zeit, um seine Musik die von anderen Künstlern, die ihn inspirierten oder beschäftigten, zu erklären. Alles verpackt in Geschichten, die er mit genau der sympathisch ruhigen Stimme erzählte, wie er sie nun auch bei Song Exploder einsetzt.

Hirways Begeisterung und Liebe zur Musik sind undaufgeregt und echt.

Was bei anderen Bands oft nervt, wirkte bei Hirways Bühnenauftritt immer authentisch. Seine Begeisterung und Liebe für Musik waren und sind unaufgeregt und echt — damals als Musiker auf der Bühne und jetzt als Podcaster im Studio. Auffallend bei seiner Sendung ist, dass er als Individuum beinahe komplett zurücktritt. Nicht er steht im Vordergrund, sondern immer die Musik. Im Podcast beschränkt sich Hirway auf eine knappe An- und Abmoderation, nur selten hört man ihn als Fragensteller — zum Beispiel, wenn die Sendung live vor Publikum aufgezeichnet wird.

Trotzdem steckt mehr Hirway in Song Exploder, als man im ersten Moment denkt: Aus den Interviews, die er mit Künstlern führt, arrangiert er anschließend Erzählungen und vermischt sie mit einzelnen Tonspuren der besprochenen Songs. So als würden die Musiker selbst direkt zu einem sprechen und jeden Song erklären. Das kann manchmal sehr technisch wirken, wie zum Beispiel in Episode 24, die Tycho’s „Awake“ dekonstruiert und dabei fast jede analog erzeugte Sample-Spur hörbar macht. Oder sehr persönlich, wie in Folge 31, in der die Bandmitglieder von Warpaint die Entstehung ihres Hits „Love Is To Die“ erklären.

Zerwürfnisse und Zweifel, Druck vom Label oder Management, inspirierende Momente und persönliche Schicksale, all das kommt in Hirways Song-Geschichten vor, denn: „Every sound has a story.“ Die bedachte Auswahl von Interviewtönen und das Arrangement aus gesprochenem Wort und einzelnen Studio-Aufnahmespuren machen Song Exploder zu einem sehr authentischen und vor allem intimen Moment mit Popmusik.

 

Was mich dabei immer wieder überrascht, sind die kleinen, scheinbar nebensächlichen Momente, aus denen Hits entstehen, wie in Folge 18 bei „No Cultural Icons“ von The Thermals beschrieben. Oder die Unvorhersehbarkeit beim Entstehen eines erfolgreichen Liedes, wie bei „Sea Of Love“ von The National in Episode 25. Durch die hier erwähnten Episoden sollte klar geworden sein, dass man Hits aus der Welt des Mainstream-Pop bei Song Exploder vergeblich sucht. Für Indie-Fans ist Hirways popkulturelle Dekonstuktion aber eine echte Fundgrube. 

In der letzten Folge Binaural Bits erörterte Hendrik Efert, ob der Podcast-Hit „Serial“ eigentlich gescheitert ist.