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So scheitern die Grünen auf Social Media – außer mit Hanf

Dirk Peitz 02.08.2017

Die Grünen wollen in diesem Bundestagswahlkampf modern sein: Die Hälfte ihres Wahlkampfbudgets würde ins Digitale fließen, sagte einer ihrer Wahlkampfmanager im Frühjahr zu WIRED. Aktuelle Social-Media-Daten über die Partei, die WIRED zusammen mit dem Analyse-Tool-Anbieter Quintly ausgewertet hat, zeigen aber: Diese Strategie scheitert.

Eigentlich eine tolle Zahl: 1,2 Millionen. So oft schauten User ein zweiminütiges Video, das Cem Özdemir am 25. März auf Facebook geteilt hat. Über 18.000 Likes hat es dort bekommen, über 16.000 Mal wurde es geteilt. Es ist der erfolgreichste Facebook-Post, den die Partei Bündnis 90/Die Grünen in diesem Jahr abgesetzt hat – beziehungsweise einer ihrer beiden Spitzenkandidaten. Im Hinblick auf die Bundestagswahl am 24. September hatte das Social-Media-Video bloß die falschen Adressaten: Es wendete sich nicht an deutsche Wähler.

Sondern an in Deutschland lebende Türken, die bei der Bundestagswahl gar nicht abstimmungsberechtigt sind: Özdemir, Schwabe mit türkischen Wurzeln, bat sie in dem Parteivideo, beim Verfassungsreferendum in der Türkei im April mit Nein zu stimmen und damit gegen die Erweiterung der Befugnisse des autoritär regierenden Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Viel genutzt hat es nicht, knapp 63 Prozent der in Deutschland abgegebenen Stimmen beim Referendum gingen an Erdoğan.

Özdemirs Facebook-Video, so gut es auch gemeint gewesen ist und womöglich auch türkischstämmige Deutsche angesprochen hat, ist ein treffliches Beispiel für eines der Probleme der Grünen derzeit: Wenn sie sozialmedial überhaupt mal wahrgenommen werden, dann nicht mit Inhalten, die für die Bundestagswahl wirklich entscheidend sind. Das dürfte die Partei umso mehr treffen, da sie in Umfragen aktuell zwischen sieben und acht Prozent dümpelt. Vor zwölf Monaten lag sie noch bei 13 bis 14 Prozent.

Knapp sieben Wochen vor der Wahl scheinen die Grünen immer noch kein Thema gefunden zu haben, mit dem sie die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen könnten. Schlimmer noch: Die Kanäle, auf denen die Grünen ihre Botschaften vor allem verbreiten wollen, stellen sich ihnen gegenüber regelrecht taub.

Analysiert man Social-Media-Daten der Partei, wie es WIRED zusammen mit dem Analysetoolanbieter quintly für das gesamte Jahr 2017 getan hat, dann zeigen die Zahlen: Die Grünen finden sozialmedial quasi nicht statt. Sie reden bestenfalls – mit sich selbst. Anders lässt sich zum Beispiel die äußerst niedrige Zahl an Interaktionen mit Likes, Shares und Kommentaren auf Facebook nicht interpretieren: Um die 1000 Reaktionen rufen Posts auf der Grünen-Fanpage derzeit durchschnittlich hervor, das sind im Vergleich etwa zu denen in Umfragen ebenfalls bei sieben bis acht Prozent liegenden Rechtspopulisten der AfD (rund 4000 Reaktionen) bedrohlich wenige. Beide Parteien, obwohl politisch Welten voneinander entfernt, teilen allerdings ein weiteres Schicksal: Ihre Social-Media-Zahlen sind im Sinkflug – nur waren sie bei den Grünen im Gegensatz zur AfD nie richtig gut.

Dabei war bei den Grünen eigentlich mit einer sozialmedialen Aufholjagd zu rechnen gewesen: Als WIRED vor knapp vier Monaten für eine Politikstory mit Wahlkampfmanagern verschiedener Parteien sprach, sagte der für die Grünen tätige Robert Heinrich noch, 50 Prozent des grünen Wahlkampfbudgets würden ins Netz wandern. In der dann im Mai erschienenen WIRED-Printausgabe schrieben wir deshalb noch: „Vor allem in der heißen letzten Phase vor der Wahl wollen die Grünen damit Öffentlichkeit für ihre Botschaften schaffen, emotionale Geschichten auf Facebook, YouTube oder Instagram erzählen.“

Wen auch immer die Grünen auf Social Media erreichen wollen, die sind davon nicht beeindruckt

Die heiße Phase hat längst begonnen. Bislang aber findet das grüne Digitalfeuerwerk, das die Partei ansatzweise tatsächlich mit vielen Posts auf Facebook, Twitter, YouTube und Instagram zündet, kaum Aufmerksamkeit. Welche ihrer Kernzielgruppen die Grünen auf Facebook, Twitter, YouTube und Instagram auch immer erreichen wollten: Die sind davon nicht beeindruckt – oder sind womöglich auf diesen Plattformen gar nicht aktiv. Dann wäre die grüne Digitalstrategie von vorneherein schlicht falsch gewesen.

Besonders alarmierend muss für die Wahlstrategen der Grünen sein, dass sogar die sozialmediale Zugkraft des Parteivorsitzenden und Spitzenkandidaten Cem Özdemir derzeit abnimmt. Während es seiner Co-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt nie gelungen ist, auf Facebook irgendwie wahrgenommen zu werden (die Interaktionen ihrer Posts liegen konstant unter 500, da haben manche Privatleute auf Facebook mehr), schwächeln die Social-Media-Zahlen von Özdemir nun auch. Im März erreichten seine Facebook-Posts noch Interaktionen von 3000 im Schnitt, aktuell liegen sie bei unter 1000. Und die Facebook-Fanpage der Partei kann das Wahrnehmungsdefizit ihres Spitzenpersonals auch nicht ausgleichen. Die 1000 Reaktionen pro Post derzeit sind nur noch halb so viele, wie die Page noch Anfang 2017 hatte.

Neben dem bedeutsamsten Erfolgsindikator Interaktionen sind auch alle anderen Werte der Grünen auf der mit Abstand wichtigsten Social-Media-Plattform miserabel. Der Fan-Zuwachs ist bescheiden, im Monat Mai zum Beispiel gewann die Partei-Page auf Facebook gerade mal 966 neue Anhänger hinzu, Göring-Eckardt bloß 802, Özdemir gar lediglich 277. Die Juni-Werte waren allein für Özdemir besser, da fand er immerhin 2769 neue Fans. Doch bezogen auf 61,5 Millionen Wahlberechtigte in Deutschland, von denen nach Schätzungen rund die Hälfte auf Facebook sind, ist die grüne Gesamtbilanz dort verheerend: Die beiden Spitzenkandidaten kommen aktuell auf 126.821 Fans (Özdemir), respektive 33.743 (Göring-Eckardt), gemessen an Angela Merkels knapp 2,5 Millionen Fans und Martin Schulz’ rund 350.000 sind das überschaubare Gefolgschaften.

Steigt man noch tiefer ein in die Analyse der grünen Einzelposts, so sieht man: Neben dem eingangs erwähnten Video haben nur sechs weitere Facebook-Posts aus dem grünen Parteikosmos in diesem Jahr überhaupt mal sechsstellige Interaktionen hervorgerufen. Von diesen insgesamt sieben Posts stammen sechs von Özdemir, und von denen wiederum befassten sich vier eben mit der für deutsche Wähler nicht unbedingt entscheidenden Lage in der Türkei. In einem anderen Post warb Özdemir mal dafür, ihn bei der Urwahl der grünen Spitzenkandidaten zu unterstützen; und der einzig erfolgreiche Post der Partei-Page zeigte ein Foto von Olivia Jones, die von den Grünen eingeladen worden war, bei der Bundesversammlung am 12. Februar den neuen Bundespräsidenten mit zu wählen. Betrachtet man diese Posts, muss man der von jeher auf ihre Inhalte so stolzen Partei leider mitteilen: Keine dieser Äußerungen auf Facebook besetzt ein Thema, das bei der Bundestagswahl entscheidend sein wird.

Vielleicht aber sollten es die Grünen wieder mit Hanf-Videos probieren. Mit einem solchen hatte Cem Özdemir ja schon mal im Jahr 2014 eher unfreiwillig einen YouTube-Hit gelandet, als er auf seinem Balkon allzu sichtbar neben einer Hanfpflanze stehend die Ice Bucket Challenge absolviert hatte und (bald danach wieder eingestellte) Ermittlungen wegen des Verdachts auf Anbau von Betäubungsmitteln über sich ergehen lassen musste. Özdemirs nun aktuellster Post mit einer guten sechsstelligen Zahl an Interaktionen ist ein Video-Zusammenschnitt der Rede, die er am 2. Juni im Bundestag gehalten hat zum Cannabiskontrollgesetz, das die Grünen-Fraktion an dem Tag eingebracht hat. Der Gesetzentwurf wurde zwar mit den Stimmen der großen Koalition abgelehnt, doch wenigstens auf Facebook bekam Özdemir ordentlich Aufmerksamkeit: 784.000 Views, 14.000 Likes, 6500 Shares, 2900 Kommentare.

Dafür braucht man keinen YouTube-Kanal, so viele Leute erreicht man auch mit einem Dia-Abend

Auf anderen Plattformen bringen Bewegtbilder den Grünen ebenfalls erschreckend geringe Aufmerksamkeit. Zwar ist die Partei mit ihrem Account auf YouTube aktuell tatsächlich erheblich aktiver als früher, da also lässt sich der Einsatz des Wahlkampfbudgets erkennen. Doch die Aufrufzahlen müssen für die Videomacher ernüchternd sein: Sie liegen meist zwischen 100 und 1000 – dafür braucht man eigentlich keinen YouTube-Kanal, so viele Leute erreicht man auch mit einem Dia-Abend in einem Kulturzentrum. Der größte YouTube-Hit der vergangenen Monate war für die Grünen Volker Becks gefeierte Bundestagsrede zur Ehe für alle, doch selbst die wurde nur 2500 Mal angeschaut auf dem Parteikanal.

Ähnlich niederschmetternd sind die Daten auch bei Twitter und Instagram. Letztere Fotoplattform mit Bildern zu befüllen, damit können die Grünen im Grunde sofort aufhören, denn ihre Spitzenkandidaten haben lediglich 1250 Abonnenten (Göring-Eckardt) beziehungsweise 2350 (Özdemir). Fotos von denen sieht ernsthaft: kein Mensch.

Und nicht mal auf dem eigentlich fürs Kurzkommentieren des politischen Geschehens prädestinierten Kanal Twitter können die Grünen auf sich aufmerksam machen. Aktuell schaffen die Spitzenkandidaten und der Partei-Account durchschnittlich je rund 200 Interaktionen pro Tweet. Insbesondere beim Partei-Account @Die_Gruenen ist dieser extrem niedrige Wert auf den ersten Blick kaum verständlich, gemessen an aktuell fast 340.000 Followern.

Doch sieht man sich den Account näher an, findet man eine naheliegende Erklärung: Er wird als reiner Retweet-Kanal benutzt, offenkundig um den Reach der wesentlich weniger populären Accounts der beiden Spitzenkandidaten zu erhöhen. Göring-Eckardt folgen auf Twitter rund 90.000 Menschen, Cem Özdemir erstaunlicherweise noch weniger, knapp über 50.000. Die offenkundig angestrebte Verstärkerfunktion des Partei-Accounts funktioniert auf Twitter nicht, womöglich ist sie auch einfach zu langweilig und durchschaubar.

Am Ende müssen sich die Grünen angesichts ihrer Social-Media-Daten fragen, ob sich der ganze Aufwand für die Partei wirklich lohnt. Eine Grunderkenntnis des Digitalen ist ja, dass auf Facebook und Twitter vor allem kontroverse Äußerungen Aufmerksamkeit und Reaktionen hervorrufen – doch abgesehen vom Thema Kiffen scheinen die Grünen keine streitbaren Positionen mehr zu vertreten. Oder, so sie programmatisch noch welche haben, sie nicht prononciert nach außen kommuniziert zu bekommen. Sie leiden sozialmedial offenkundig sogar gleich doppelt: Während sich die öffentliche Debatte zusehends auf das Duell Merkel-Schulz fokussiert, ist ja nicht mal das bislang wirklich hitzig. Deutschland fährt im Schlafwagen zur Bundestagswahl, auch sozialmedial – doch die Grünen haben dummerweise sogar diesen Zug verpasst.

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