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Der Baum macht die Musik: Wie aus Jahresringen Sound entsteht

Katharina Brunner 18.05.2015 Lesezeit 2 Min

Eine Tanne klingt minimalistisch, eine Esche komplex: Der österreichische Künstler Bartholomäus Traubeck hat einen Plattenspieler gebaut, der statt Vinylplatten Baumscheiben abspielt. Aus den Jahresringen ergibt sich die Melodie, daher auch der Names des Projekts: „Years“.

Eine Holzscheibe dreht sich, darüber bewegt sich ein Tonarm kreisförmig auf die Mitte zu. Doch am Arm befindet sich keine Nadel, die wie bei einem Plattenspieler die Rillen einer Schallplatte abtastet, sondern ein Sensor. Dieser liest die Daten der Scheibe aus. Ist die Stelle hell oder dunkel? Wie groß ist der Abstand zwischen den Ringen? Ist die Struktur eben oder wellig?

Der Algortithmus entscheidet, welche Tonarten den verschiedenen Baumarten zugeordnet werden.

Bartholomäus Traubeck, Medienkünstler

Die so gewonnenen Daten der Jahresringe eines Baumes kombiniert der Medienkünstler Bartholomäus Traubeck mithilfe eines von ihm entwickelten Algorithmus zu Musik. „Der Algortithmus entscheidet, welche Tonarten den verschiedenen Baumarten zugeordnet werden“, erklärt er.

Ein Stück aus einer Tanne soll zum Beispiel sehr minimalistisch klingen: „Der Baum wächst sehr schnell und hat deshalb große Abstände zwischen den Jahresringen“, erklärt Traubeck in einem Interview. Eine Esche dagegen hat sehr eng beieinander liegende Jahresringe: „Das ergibt komplexere Musik, weil es mehr Informationen gibt.“

An den Jahresringen kann das Alter eines Baumes abgelesen werden. Im Winter wachsen Bäume nicht, im Frühling dagegen schon. Der Stamm bildet dann größere Holzzellen, er dehnt sich aus. Im darauffolgenden Winter herrscht wieder Stillstand — so entstehen die Jahresringe. „Einige Leute sagen, dass die Musik daraus Zufall ist“, sagt Traubeck. „Das finde ich nicht, denn die Daten der Bäume haben eine besondere Struktur und folgen bestimmten Regeln.“

Theoretisch könnte Traubeck die Baumdaten in alle möglichen Geräusche und Töne übertragen. Doch er hat sich für ein Klavier entschieden: „Das Instrument hat eine lange Tradition. Und es hört sich gut an“, sagt der Künstler.

Die Komposition gibt es auch als richtige Schallplatte.

Trotz der optischen Ähnlichkeit haben die Ringe bei Bäumen und die Rillen bei Schallplatten wenig miteinander zu tun. Zwar bewegt sich der Tonarm bei Traubecks Gerät wie der eines Plattenspielers von außen nach innen, er folgt dabei aber nicht den Jahresringen. Denn diese sind nicht wirklich rund. Stattdessen gibt Traubeck einen bestimmte Zeitraum vor, in dem sich der Sensor zur Mitte hin bewegt — so lange dauert dann das Stück.

Die Komposition aus Holzscheibe, Sensor und Code gibt es auch für Zuhause, dann jedoch als Schallplatte. Mit echten Rillen und ohne Jahresringe.