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Report: Deshalb will Apple nicht, dass ihr euer iPhone repariert

Cindy Michel 04.08.2017

Die Tech-Industrie in den USA soll grüne Technologie-Standards untergraben und sogar dagegen ankämpfen – diese und andere schwere Vorwürfe erhebt ein Report der Handelsgruppe Repair Association. 

Grüne Standards in der Industrie soll die Tech-Branche nicht nur untergraben, sondern sogar öffentlich anprangern. Dies passiere etwa, indem Unternehmen absichtlich schwer zu reparierende Geräte auf den Markt bringen, denn so würden hohe Produktionskosten und Berge von Elektroschrott billigend in Kauf genommen werden. Diese und andere schwere Vorwürfe erhebt ein Report der Handelsgruppe Repair Association.

Der Autor des Berichts, Mark Schaffer, behauptet weiter, dass große Firmen wie etwa Apple, Sony oder HP ihren Status geltend machen würden, um Gremien zu beeinflussen, die die Herstellung von elektronischen Geräten reglementieren sollen. Dringende und drängende Themen wie etwa die Wiederverwendbarkeit eines Gerätes, oder ob es leicht zu reparieren sei, würden dabei vernachlässigt werden. 

„Innerhalb der Betriebe, also intern, werden die Umwelt-Teams einfach überstimmt“, sagt Kyle Wiens, Vorstandsmitglied bei Repair Association gegenüber The Verge. „Theoretisch wäre es deren Job, die Firma umweltbewusster zu gestalten. Praktisch sagt aber die Firma dem Umwelt-Team, dass es sicher stellen müsse, dass ihr Handlungsspielraum nicht eingeschränkt werde. Das ist der Fuchs, der das Hühnerhaus bewacht.“   

Aktuell bewertet das so genannte Electronic Product Environmental Assessment Tool (EPEAT) der Green Electronic Frontier die Umwelteigenschaften eines elektronischen Produkts und entscheidet dann, ob es ein goldenes, silbernes oder bronzenes Siegel bekommt. Dies passiert basierend auf verschiedenen Kriterien, die mit der fortwährenden Entwicklung der Branche ständig angepasst werden müssen. Und genau diesen Prozess würden Firmen wie etwa Apple verwässern, sagt Schaffer, um ihre Unternehmen auf Kosten der Umwelt zu schützen.   

Das ist der Fuchs, der das Hühnerhaus bewacht

Kyle Wiens

Auf Nachfrage von The Verge erklärte ein Sprecher der Firma Apple, dass das Unternehmen an der Nachhaltigkeit der eigenen Produkte arbeite, es aber nach wie vor die Kontrolle darüber behalten möchte, wie sie hergestellt und repariert werden. „Dank unseres hochintegrierten Designs sind unsere Produkte nicht nur schön, sondern auch strapazierfähig und so sehr langlebig“, so das Unternehmen. Außerdem, so heißt es weiter, würden sich autorisierte Apple-Händler sowohl um Reparaturen, als auch um ein sicheres sowie verantwortungsvolles Recycling defekter Produkte kümmern.

In dem Report schildert Schaffer weiter, dass viele Hersteller und Produzenten der Tech- und IT-Branche in den Vorstandschaften etlicher Gremien säßen, die über Kriterien für grüne Standards im Elektrobereich entscheiden würden. So könnten oftmals stengere, neue Regularien abgelehnt werden und dafür an alten, einfach zu erfüllenden Kriterien festgehalten werden. Bei einer aktuellen Abstimmung des Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) etwa, ein weltweiter Berufsverband von Ingenieuren aus der Elektro- und Informationstechnik, sei die Gruppe der Elektronikhersteller mit 41 Prozent die größte gewesen. Dies bedeutet laut Report, dass die Mehrheit an Herstellern sich jederzeit zusammentun und Themen, die für sie negativ wären, einfach ablehnen könnten.   

Wie einfach zu manipulieren diese Gremien seien, erläutert Schaffer in dem Report am Beispiel des 2012 Apple MacBook Pro mit Retina Display, der als fast nicht reparierbar galt. Ohne viel am Design zu ändern, soll der Rechner dennoch eine Umwelt-Zertifizierung in Gold erhalten haben – und zwar so: „Ursprünglich waren die Modelle der Serie MacBook Pro modular, reparierbar und erweiterungsfähig. Doch das 2012 Retina MacBook Pro hatte dann plötzlich eine festverbaute SSD, der Speicher konnte nicht aufgerüstet werden und der Akku war ebenfalls fest in das Gerät geklebt“, schreibt Schaffer. 

Dennoch  konnte Apple das Gremium überzeugen, die sprachlichen Ausdrücke und Definitionen, die ein Gerät „erweiterungsfähig“ machen, zu überdenken – und schließlich erhielt der Rechner ein goldenes Gütesiegel. „Durch diese Reinterpretation der sprachlichen Bezeichnungen wurde es für Geräte viel einfacher, die höchste Auszeichung der EPEAT zu erhalten. Egal, ob die Produkte nun wirklich grün sind oder nicht“, heißt es weiter im Report.  

Striktere Reglementierungen wie etwa, dass Akkus austauschbar sein müssten, könnten zu einem verringerten Absatz von neuen Geräten führen. Und genau deswegen kämpfe die Tech-Industrie gegen die sogenannten „Recht auf Reparatur“-Gesetze, so Schaffer. Würden diese Gesetze für etwa alle Smartphones gelten und so die Lebensdauer der Geräte erhöht werden, könnte eine Menge Elektroschrott vermieden werden. Denn aktuell kaufen sich die Deutschen durchschnittlich alle 30 Monate ein neues Smartphone.   

„Hersteller und Produzenten stimmen im Interesse ihrer eigenen Unternehmen – und diese sind meist nicht im Einklang mit der Umwelt“, schreibt Schaffer im Fazit des Reports. „Solange Unternehmen sich querstellen können, kann es Jahre dauern bis auch nur geringfüge Änderungen angepasst werden können. Es ist Zeit, dass sich das ändert. Gruppen mit Kontrollfunktion oder unabhängige Aufsichtsbehörden könnten die Lösung sein und den Prozess neu gestalten. Keiner einzelnen Gruppe sollte es erlaubt sein, Abstimmungen zu bestimmen und Maßstäbe zu ihren Gunsten zu verwässern.“ 

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