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Sieben ungelöste Rätsel des Internets

Michael Förtsch 25.11.2016

Das Internet ist groß und verworren. Kein Wunder, dass es ganz eigene Mysterien bereit hält. Einige konnten schon gelöst werden aber andere geben bis heute Rätsel auf. Wir stellen einige von ihnen vor.

Für viele Menschen ist das Internet vielleicht Neuland, aber ein Mysterium ist es nicht unbedingt. Oder? Tatsächlich verbirgt sich hinter der weltweiten Verknüpfung von Servern, Routern, Heimcomputern und Mobilgeräten eine ganz eigene, teils schattenhafte Welt. Doch statt Scharrbildern in der peruanischen Wüste, undurchsichtigen Funknachrichten oder der „wahren Identität“ von Jack The Ripper sorgen bei Netznutzern vor allem nebulöse Codes, surreale Videos, bizarre Websites und deren Erschaffer für Kopfzerbrechen.

Vor Jahren provozierten etwa kurze Clips auf YouTube über Monate wilde Verschwörungstheorien. Der Kanal Webdriver Torso zeigt bunte Flächen, die sich, begleitet von Piepsgeräuschen, hin- und herbewegen. Geheimdienste und Aliens wurden als Urheber vermutet. Die Mitte 2014 entdeckte Lösung des Geheimnisses war daher fast schon enttäuschend: Es handelte sich lediglich um einen Qualitätstest von YouTube. Ebenso nebulös war über Jahre die Identität des Bitcoin-Erfinders Satoshi Nakamoto. Mittlerweile scheint es sicher, wenn auch nicht bewiesen, dass der Computerwissenschaftler Craig Steven Wright hinter der digitalen Währung steckt. Andere Geheimnisse des Internet sind jedoch weiterhin ungeklärt, teils äußerst verstörend, aber vor allem unheimlich faszinierend.

Cicada 3301
Erstmals im Januar 2012 hat sich eine gespenstische Organisation im Internet vorgestellt. Im berüchtigten Board /b/ auf 4chan wurde mit einem Bild verkündet, dass man nach „hochintelligenten Individuen“ suche und dafür einen Test vorbereitet hat. Unterschrieben war die Nachricht mit der Primzahl 3301. Als Startpunkt versteckten sich in dem Bild mehrere Botschaften, die teils in Sackgassen aber auch zu weiteren Rätselteilen führten, die mit unzähligen Anspielungen auf Mystik und Philosophie durchdrungen waren. Also Logo der Gruppe tauchte dabei eine Zikade auf, die mit der 3301 zum inoffiziellen Namen der Organisation werden sollte.

Seitdem hat Cicada 3301 die Schnitzeljagd 2013, 2014 und 2016 wiederholt und dabei Kreativität und elaborierte Fähigkeiten in Sachen Kryptographie, Steganographie und Code Breaking abgefordert. Aus Bildrauschen, Twitter-Meldungen und Zeichenwirrwarr mussten Hyperlinks, Darknet-Adressen, Telefonnummern und GPS-Koordinaten extrahiert werden. Ebenso wurde ein 58-Seiten-Buch namens Liber Primus veröffentlicht, das nur aus Runen und okkulten Zeichen besteht. Für manche Puzzlefragmente mussten zudem auch Orte quer über den Erdball aufgesucht werden – darunter Parks, Straßenecken und Denkmäler in Tokio, Mexiko City, Paris, Miami und Warschau.

Diejenigen, die es bei der Schnitzeljagd rechtzeitig bis ans Ende schafften, schweigen offenkundig darüber. Die Mutmaßungen über die Natur der Gruppe sind daher umso farbenfroher. Die CIA, die NSA, der MI6 oder gar die Illuminaten werden als Hintermänner vermutet. Ebenso wie aber auch Apple, Google, Microsoft, Amazon, Elon Musk oder eine Großbank, die an einer Kryptowährung forschen soll. Auch um eine Art Thinktank oder Cyber-Söldnerarmee könnte es sich handeln. Ein vermeintliches Ex-Mitglied verwies, auch mit Bezug auf die zahlreichen mystischen Referenzen, wiederum auf eine fehlgeleitete Techno-Sekte. 

Sad Satan
Das Darknet gilt weithin als düsterer Ort. Denn selbst, wenn einfach nur anonym gechattet und diskutiert werden kann, existieren dort ebenfalls Drogen-Lieferdienste, Shops für gestohlene Kreditkartennummern, Kinderpornographie und einiges mehr. Gegen Mitte des Jahres 2015 wurde das Darknet aber ebenso zu dem Ort, an dem eines der schrägsten Horror-Videospiele der letzten Jahre seine Heimat hat. Denn das Game Sad Satan war angeblich erstmals in einem Onion-Forum entdeckt worden und konnte nur dort geladen laden werden. Dabei ist das Gruselwerk ebenso verstörend wie die tiefen Abgründe des Internet.

In Sad Satan wandelt man zu Beginn einen finsteren Gang entlang. Verzerrte Töne und eine rückwärts abgespielte Kinderstimme erklingen. Die Grafik wird mit Unschärfe- und Grieselfiltern überzogen, so dass sie an ein abgenutzes VHS-Band erinnert. Während des Herumlaufens transformiert sich die Tunnel-artige Umgebung mehrfach, hellt sich auf, wird farblich invertiert. Es blitzen immer wieder irritierende Bilder auf. Schreie, Gurgeln, Jammern und ein tiefes Dröhnen sind zu hören. Ausschnitte aus dem Zapruder-Film flackern über den Schirm und im Dunkel lassen sich katatonisch erstarrte Figuren erspähen.

Rund 45 Minuten dauert es, das surreale Labyrinth zu bewältigen. Spielerische Herausforderungen gibt es nicht. Dafür aber jede Menge Grusel, Schockmomente und Rätselraten. Verweise auf Satanismus, Kindesmissbrauch, Morde und verschlüsselte Funktransmissionen lassen sich herauslesen. Als ein potentieller Urheber wird Jamie Farrell, der YouTuber hinter dem Kanal Obscure Horror Corner, gehandelt. Aber wo das Game tatsächlich herkommt und wer der wirkliche Schöpfer ist, konnte bislang nicht geklärt werden. Auf GameJolt hat ein Entwickler namens DRSG das mysteriöse Horror-Game nachgebaut und zum Download freigegeben.

The Markovian Parallax Denigrate
Gemessen am Alter des Internets ist dieses Rätsel fast schon als antik zu bezeichnen. Es hat seinen Ursprung im Usenet, dem Vorgänger heutiger Internetforen und Social-Media-Plattformen. Ab 1996 begann dort ein User unter dem Titel Markovian Parallax Denigrate, wiederholt und quer durch alle möglichen Kanäle bizarren und vollkommen unverständlichen Textwust zu posten. Bald fanden sich hunderte derartiger Botschaften und wurden von vielen zunächst als sinnfreier Spam abgetan.

Die Textfragmente waren jedoch in einzelne Worte gegliedert und, wie letztlich gemutmaßt wurde, offenbar auf irgendeine Art verschlüsselt. Kryptographen, Software-Entwickler und Hacker machten sich daran, die Nachrichten zu analysieren. Jedoch fanden sie keine Möglichkeit, sie in sinnige Verse zu verwandeln. Zwei Jahrzehnte später wurde die Ex-Journalistin und selbsternannte Geheimdienstagentin Susan Lindauer als mögliche Urheberin ausgemacht, die mehrere Attentate und die Terroranschläge des 11. September vorhergesagt haben will. Sie habe, so eine Theorie, in den Texten wohl Regierungsgeheimnisse versteckt.

Andere Erklärungsansätze besagen, dass hinter dem Markovian Parallax Denigrate eine Art früher Chatbot oder ein Textgenerator-Experiment stehen könnte. Ähnlich dem von Rob Pike und Brad Ellis entwickelten Mark V. Shaney, einem Computerprogramm, das im Usenet-Kanal net.singles unterwegs war und selbstständig formulierte Mitteilungen hinterließ. Jedoch könnte der Schreiber ebenso einen Troll oder Spaßvogel gewesen sein, der sich einen ziemlich erfolgreichen und langlebigen Scherz erlaubt hat. Denn geknackt wurden die Codes bis heute nicht.

Der 4chan-Serienmörder
Das Imageboard 4chan kann ein grausam makaberer Ort sein. Neben Katzenbildern und witzigen Memes finden sich dort auch ekelerregender Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Bilder von realen Morden. Im Jahr 2015 soll sich sogar ein echter Serienmörder auf 4chan gemeldet haben. Er forderte die Nutzer des /b/-Boards zu einem „Spiel“ auf. Er würde Polaroidfotos seiner Opfer hochladen, wenn die Nutzer deren Namen erraten könnten. Zunächst wurde der vermeintliche Killer beleidigt und verspottet. Aber einige 4chan-Mitglieder spielten mit, woraufhin er tatsächlich Bilder von Leichen postete.

Seither meldete sich der vermeintliche Mörder immer wieder. Zuletzt im September 2016. Hierbei veröffentlichte er weitere Aufnahmen, die er von seinen angeblichen Opfern geschossen hat. Die Polizei und das FBI haben zwischenzeitlich Ermittlungen eingeleitet. Ebenso hat sich auf Reddit eine kleine Gruppe gebildet, die dem Serienmörder nachspürt. Auf einigen der Fotos wollen die Hobby-Ermittler unter anderem Shauna Maynard identifiziert haben. Das Mädchen aus Kalifornien wurde in den 1990er Jahren zunächst als vermisst gemeldet und später tot aufgefunden. Bis heute ist ungeklärt, wer der mutmaßliche 4chan-Mörder sein könnte – oder ob es sich nur um einen geschmacklosen Scherz handelt.

11B X 1371
Im Oktober 2015 bekamen die Betreiber des Blogs GadgetZZ eine DVD aus Polen zugeschickt, die mit YWEldTAxMDJVJXUwVWFjZ2E= beschriftet war. Auf der Disk selbst befand sich wiederum ein ebenso verwirrendes wie faszinierendes Video. Das zeigt eine Person in Mantel und Pestmaske, die, begleitet von knirschenden Klängen, Handzeichen gibt. Dazu sind Bildstörungen und aufblitzende Codes zu sehen. Da die Tech-Redakteure nicht wussten, womit sie es zu tun hatten, baten sie das Netz um Hilfe. Wie sich dabei zeigte, war das Video schon Monate zuvor unter dem Titel 11B X 1371 und einem langen Binärcode auf Youtube hochgeladen worden.

Auf Reddit und in mehreren Blogs versuchten zahlreiche Hobby-Ermittler, das Video zu entschlüsseln. Sie übersetzen etliche der verschiedenen Hand-, Morsezeichen und Substitutionschiffren in Botschaften wie „KILL THE PRESIDENT“ und Prophezeiungen über den Sturz eines „großen Imperiums“ und eine „Infektion“. Ebenso entdeckten sie die GPS-Koordinaten des Weißen Haus und extrahierten über das Spektrogramm der knirschenden Tonspur einzelne Standbilder aus Horrorfilmen, Fotos von Mordtatorten und eines Totenkopfes. Sogar den Ort, an dem das Video aufgenommen worden war, machten die Codeknacker ausfindig.

Worum es sich bei dem 11B X 1371 getauften Rätselvideo nun genau handelt, das ist bis heute nicht wirklich gesichert. Mutmaßungen, es könnte ein Viral-Video für eine TV-Serie oder die Verfilmung des Dan-Brown-Romans Inferno sein, haben sich nicht bestätigt. Stattdessen behauptete ein gewisser Parker Warner Wright, 11B X 1371 als Kunstprojekt produziert zu haben und veröffentlichte als Beweis ein Nachfolgevideo. Bei dem machten die Netzforscher allerdings Unterschiede zwischen den benutzen Kostümen und andere Unstimmigkeiten aus, die nachhaltige Zweifel schürten.

Mortis.com
An sich schien die Seite Mortis.com in keinster Weise besonders. Denn die bestand lediglich aus einem Wortlogo und zwei Eingabeboxen für einen Login-Namen und ein Passwort. Als im Jahr 2009 erstmals Nutzer des Imageboards 4chan auf die Website stießen, waren sie jedoch fasziniert und rätselten, was sich hinter dem Login verbergen würde. Informationen darüber waren nicht zu finden. Auch ein Hack gelang nicht. Das schürte das Interesse umso mehr. Wie einige versierte und interessierte 4chan-Nutzer festgestellt haben wollen, sollen sich auf dem Server hinter der Website jedoch mehrere Terabyte von Daten verborgen haben.

Die Möchtegernermittler verfolgten die Seite zu einem Mann aus San Francisco zurück, der noch zahlreiche ähnlich mysteriöse Seiten betrieb. Von einem Tag auf den anderen verschwanden Mortis.com und dessen Schwesterseiten dann plötzlich aus dem Netz. Wieso? Angeblich waren US-Bundesbehörden involviert. Je nach Legende handelte es sich bei Mortis.com um einen Hacker-Handelsplatz, ein Archiv mit Hochzeitsvideos oder auch einen vom FBI betriebenen Honeypot, der durch das plötzliche Interesse kompromittiert worden war.

A858
Über 6000 Posts hat ein Nutzer mit dem Nickname A858DE45F56D9BC9 – kurz A858 – in einem gleichnamigen Themenbereich auf Reddit hinterlassen. Der erste erschien im Januar 2011. Allesamt bestehen sie aus langen Kolonnen von Zahlen und Buchstaben. Ein wirkliches Muster erkennen lassen sie nicht. Über Wochen blieben diese Codes zunächst unbeachtet. Doch irgendwann zogen sie hunderte Reddit-Mitglieder und Hobby-Codebrecher in ihren Bann. Daraufhin riegelte A858 sein Subreddit abrupt ab. Aber nur, um es weniger später wieder für die Allgemeinheit zu öffnen.

Unter Hochdruck wurde anschließend an den obskuren Zeichenketten gearbeitet und sogar eigens ein Solving_A858-Bereich eingerichtet. Fortschritte? Die gab es aber kaum, woraufhin die Rätsellust vieler ermüdete. Jedenfalls bis August 2015. Denn da stellte sich A858 plötzlich, wenn auch unter einem neuen Account, einer Ask-me-Anything-Fragerunde. Allerdings waren die Antworten ebenso schleierhaft wie der Text- und Zahlenwust: Die Codes wären das Produkt einer „bezahlten Gruppe“. Aber weder Google, Microsoft noch Apple hätten damit zu tun. Der Sinn und Zweck des Ganzen könnte nicht enthüllt werden. Falls das geschehe oder das Geheimnis gelöst würde, würde „das Projekt“ enden.

Die Fragerunde befeuerte nicht nur die Motivation, sondern brachte Solving_A858 auch neue Helfer. Schon bald danach wurden die ersten Hexadezimalphrasen entschlüsselt. Darunter ein Neujahrsgruß, eine ASCII-Zeichnung von Stonehenge aber auch GPS-Koordinaten, die nach Nordkorea zeigten. Dann wurde das Subreddit A858DE45F56D9BC9, gefolgt von der Mitteilung, dass das „A858 Project zum Ende gekommen“ sei, erneut auf „privat“ geschaltet. Wenig später erreichte die Reddit-Nutzer eine Danksagung samt dem Hinweis, dass „ihr nicht genug Informationen habt, um die Puzzle abschließend zu lösen.“ Wer und was A858 war, bleibt damit ein Geheimnis – zumindest vorerst

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