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Science-Fiction-Autor Neil Gaiman über Kunst in Zeiten von Trump

Rowland Manthorpe 09.02.2017

Im WIRED-Interview spricht der britische Science-Fiction-Autor Neil Gaiman („Sandman“) über die TV-Adaption seines Romans „American Gods“, das Ende der sozialen Netzwerke und das Erschaffen von Kunst in unsicheren Zeiten.

Am Tag, nachdem die Briten dafür gestimmt hatten, die EU zu verlassen, erwähnten viele Menschen Neil Gaiman plötzlich auf Twitter: „Es war kurios“, sagt der Science-Fiction-Autor (Sandman). „Die Leute schrieben, in Zeiten wie diesen muss man tun, was Neil Gaiman sagt: gute Kunst machen.“ Vier Monate später wurde Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt – und wieder tauchten diese Sätze auf.

Die Worte stammen aus einer Rede, die Gaiman 2012 an der University of Arts in Philadelphia gehalten hat. Er erklärte damals, was die beste Reaktion ist, wenn alles falsch läuft: „Macht gute Kunst“, riet er. „Macht, was ihr am besten könnt.“ Der als liberaler Denker bekannte britische Schriftsteller lebt seit längerem in den USA, und nach dem Brexit und Trumps Wahl löste es bei ihm ein merkwürdiges Gefühl aus, immer wieder mit diesen Worten zitiert zu werden. Er hatte den Menschen doch nur einen Rat geben wollen, wie sie mit ihren Enttäuschungen umgehen könnten – nun musste er selbst seiner Empfehlung folgen.

Gute Kunst, die macht der 56-Jährige schon lange. Am Tag des WIRED-Gesprächs ist es genau 28 Jahre und 24 Stunden her, dass Gaiman den ersten Band der Comic-Serie Sandman veröffentlicht hat. Mit ihr wurde er weltberühmt. Gaimans eindrückliche Traum-Logik – Quelle für alles von Drehbüchern (Coraline, Stardust) bis zu preisgekrönter Kinderliteratur (The Graveyard Book) – hat ihre Spuren in der Popkultur hinterlassen. Er habe das zunächst gar nicht bemerkt, sagt Gaiman. „Aber dann steht man plötzlich da und ist vollkommen baff, weil die Leute ‚gaimanesk‘ als Adjektiv benutzen. Und sie meinen es wirklich so.“

Gaimans Werke sind mittlerweile zu einer Grundlage für andere Autoren geworden, auf der sie aufbauen und von der sie zehren können. Die TV-Serie Lucifer etwa ist ein Spin-off von Sandman, das von einem anderen Autor stammt. Auch die Romane Coraline und American Gods fühlten sich an, als gehörten sie zur gleichen „Landschaft“, sagt Gaiman.

Ich hatte das Gefühl, als würde ich über Dinge schreiben, die in der Luft liegen. Das hat sich in den letzten 20 Jahren nur verstärkt

Neil Gaiman

American Gods ist Gaimans Reise nach Amerika. 1960 in der britischen Grafschaft Hampshire geboren, zog er 1992 nach New York und lebt dort bis heute. Er wollte immer über seine Wahlheimat schreiben. Für Gaiman war Amerika ein Land der Einwanderer, ein Land, in dem jeder fremd ist. Doch statt Gaiman-üblichen hoffnungsvollen Fabel wurde aus American Gods eine dunkle, mit Gewalt getränkte Geschichte. Die Story des Romans wirkt heute fast prophetisch: Gaiman zeichnet ein Duo von Betrügern, denen das Chaos in die Tasche spielt. Die beiden haben alles verloren, als ihnen die Idee für ihren Meisterstreich kommt: ein Plan, um das ganze Land und seine Bewohner zu betrügen.

Nach mehreren Jahren Entwicklung wurde American Gods nun als TV-Serie umgesetzt und kommt dieses Frühjahr zu Amazon Prime Video. Gaiman schrieb das Skript zusammen mit Bryan Fuller, dem Autor von Hannibal. „Es fühlt sich nicht alt an“, sagt er. Doch es gefällt ihm nicht, dass seine Erzählung zur Vorahnung geworden ist. „Schon damals fühlte es sich seltsam an. Meine erste Lesung war am 19. Juni 2001 im World Trade Center. Und ich hatte das Gefühl, als würde ich über Dinge schreiben, die in der Luft liegen. Das hat sich in den letzten 20 Jahren nur verstärkt.“

Düstere Prophezeiungen ziehen sich auch durch Gaimans neusten Roman – dieses Mal mit voller Absicht: Norse Mythology erscheint am 7. Februar und erzählt die Mythen der nordischen Götter. Mit dabei sind auch Odin und Oki, die beiden Gauner aus American Gods, die schon seit Sandman immer wieder als Gegenspieler in Gaimans Werken auftreten.

Die Idee für Norse Mythology kam Gaiman vor acht Jahren, als seine Beziehung mit der Musikerin Amanda Palmer begann, seiner jetzigen Ehefrau. Palmer las seine älteren Werke, darunter auch American Gods: „Sie verstand es nicht und sagte immer wieder: Ich wünschte mir, es gäbe Fußnoten“, erzählt Gaiman. „Ich dachte mir, es wäre interessant, es noch einmal zu erzählen.“

Norse Mythology ist ein merkwürdiges Buch, vor allem, weil es so wenig „gaimanesk“ ist. Die Geschichten werden ehrlich erzählt, ganz ohne Schönfärberei. Obwohl Gaiman in Versuchung geriet, Veränderungen vorzunehmen – die Abwesenheit weiblicher Götter frustrierte ihn – entschied er sich am Ende doch dafür, seinen Fans und den Mythen treu zu bleiben. „Auch wenn es den Geschichten mehr Tiefe gegeben hätte, und eine gewisse Schrägheit.“

Gaimans typischer Schreibstil tritt am stärksten am Schluss von Norse Mythology hervor. Wenn die nordischen Götter ihrem Schicksal folgen und in der Schlacht von Ragnarök sterben müssen. Während sie ihrem Ende entgegen marschieren, leitet Gaiman den Leser mit Finesse und Präzision. „Wenn es eines gab, woran sich mein Handwerk zeigen würde, dann darin, ob ich Ragnarök hinbekomme“, sagt der Autor. „Ragnarök sollte wie ein unterschwellige Baseline sein, die immer wieder hervorkommt. Am Ende des Romans sollte sich das bezahlt machen.“ Gaiman wollte das Gefühl vermitteln, dass langsam alles außer Kontrolle gerät. Das Gefühl von etwas Bekanntem, das einem zeigt, an welchem Punkt die Geschichte gerade ist.

Gaimans Trübsinn fußt in der eigenen Erfahrung. Als großer Unterstützer von Geflüchteten hat er Zeit in Camps in Jordanien verbracht. Außerdem erlebt er den Online-Hass aus erster Hand. Nach einem Anti-Trump-Tweet wurde er mit grauenhaften antisemitischen Nachrichten überschüttet. Obwohl er soziale Medien seit den Tagen von CompuServe benutzt, war das für Gaiman neu: „Das ist schlimm. Das ist ziemlich seltsam“, sagt er.

Es wird noch viel dunkler – und das ist okay

Neil Gaiman

Doch die Mythen helfen Gaiman dabei, alles in Perspektive zu setzen. Die nordischen Götter sind in Vergessenheit geraten. Die Medien und Tech-Giganten von heute werden noch schneller vergehen, glaubt er. „Sieh dir etwas wie Facebook an“, sagt Gaiman. „Oder Google, Amazon, Tinder. Ich denke mir immer: Eines Tages werdet ihr MySpace sein. Eines Tages könnt ihr euch mit Nineveh und Tyre einreihen.“ Dabei denkt Gaiman an das unvermeidbare Desaster, das alles wieder ausgleichen wird. „Es geht darum, was nach Ragnarök kommt. Es kommt immer etwas danach.“

Eine Art von Hoffnung – dafür steht Gaiman eben. „Ich will, dass Menschen glücklich sind“, sagt er. Wenn er eine politische Meinung hat, dann kommt sie durch die Hintertür, so wie in American Gods, oder in seinem Buch Neverwhere, in dem Obdachlosigkeit als magisches Abenteuer verkauft wird. 

Gaiman arbeitet schon am nächsten Roman und er hat noch immer dieselben Ziele: Es habe „leicht und locker“ angefangen, aber als der Herbst kam, habe sich der Ton geändert. „Es wird noch viel dunkler“, sagt Gaiman. „Und das ist okay.“ Er bringt seine Erfahrung ein, seine Sichtweise, seine Verlangen zu erschaffen. Er ist eben Neil Gaiman: er macht Kunst gut, er macht gute Kunst.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED UK.
Das Original lest ihr hier.

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