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Schlaue neue Welt: Wie Künstliche Intelligenz unser Leben verändert

Karsten Lemm 30.09.2016

Schlaue neue Welt: Denkende Maschinen haben schon jetzt großen Einfluss auf das menschliche Leben. Sechs Beispiele wie sie unsere Welt verändern.

Geld sucht Anlage, Ersparnisse sollen wachsen: Sind Robo-Berater die besseren Vermögensverwalter?
Das Börsenchaos nach dem Brexit-Votum musste Kunden von Scalable Capital nicht aus der Ruhe bringen: Früh hatte das KI-System des Münchner Startups die Unsicherheit an den Märkten einkalkuliert, Aktien abgestoßen und seine Strategie auf weniger riskante Anlagefor­men umgestellt. Ähnlich gut schlugen sich andere Anbieter sogenannter Robo-Berater. Die Systeme investieren vorwiegend in Indexfonds, die automatisch Börsentrends folgen. Niemand greift ein, das hält Kosten und Gebühren gering. Zusätzlich werden die Algorithmen trainiert, aus Marktdaten abzuleiten, wie sich die Börse vermutlich entwickeln wird. Ziel: maximaler Gewinn bei minimalem Risiko. Verlässlicher, als es jedem menschlichen Anlageberater gelingt.

Können Maschinen Gefühle entwickeln? Manche Forscher glauben: Mit steigendem IQ geschieht das automatisch
Kein Handy begreift den Inhalt der Nachrichten, die es per Spracherkennung verfasst. „Das bisher einzige System, das wirklich die Welt versteht, ist unser Gehirn“, sagt Simon Stringer, Leiter des Zentrums für Neurowissenschaften und künstliche Intelligenz an der Uni Oxford. Er ist überzeugt: Soll es Maschinen gelingen, den IQ eines Menschen zu erreichen, muss künstliche Intelligenz der biologischen ähnlicher werden.
Stringers Algorithmen simulieren die Dynamik elektrischer Signale im Gehirn, berücksichtigen Zeitverzögerungen bei der Informationsübertragung und weitere Variablen, die einfachere KI-­Modelle ignorieren. Im ersten Schritt könnte das neue System herkömmliche neuronale Netze bereichern: „Unser Modell würde nicht nur Dinge erkennen“, erklärt Stringer, „sondern auch, in welcher Beziehung sie zueinander stehen“ – etwa, dass Autos eine Straße brauchen und Zucker süß schmeckt.

Die Aufgabe ist überwältigend komplex und mag Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Doch je besser Ma­schinen sich mit der Zeit in der Menschenwelt zurechtfinden, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch ein Bewusstsein und Empfindungen entwickeln, glaubt der Oxford-Wissenschaftler. „Wenn wir die Neurodynamik des Gehirns in einem Computer oder Roboter nachbilden können, hätte die Maschine dieselben Erlebnisse wie Sie und ich“, sagt Stringer. „Und Gefühle sind ein Teil davon.“

Kollege Roboter wird zum Chef: KI-Systeme fangen an, Menschen zu managen – und viele freuen sich auf sie
Einförmige Arbeitstage sind ein sicheres Zeichen für einen un­­sicheren Job: Aufgaben, die sich wiederholen, lassen sich leicht berechnen und automatisieren. Das betrifft Fabrikarbeiter ebenso wie Steuerberater – simple Tätigkeiten verschwinden, anspruchsvollere erledigen Menschen künftig im Zusammenspiel mit dem Kollegen Roboter. Der kann dabei auch zum Chef werden: Bei Hitachi etwa analysiert ein KI-System die Arbeitsabläufe in Logistikzentren und weist Mitarbeiter an, was sie tun sollen. Bis 2018 könnten drei Millionen Menschen einen „Robo-Boss“ bekommen, sagt der Marktforscher Gartner voraus. Schon jetzt helfen KI-Systeme vermehrt beim Recruiting, werten automatisch Lebensläufe aus und untersuchen per Stimm­analyse, wie energisch oder gelassen Bewerber erscheinen. Der rationale Blick auf Zahlen macht Computer für Unternehmen zum idealen Helfer bei der Mitarbeiterbewertung. Viele freut das: In einer kanadischen Umfrage begrüßte jeder Vierte die Aussicht auf einen unparteiischen Chef. Allerdings zeigt sich immer wieder, dass Algorithmen die Vorurteile ihrer Entwickler übernehmen. Der perfekte Boss wird noch einige Software-Updates verlangen.

Erfasst, durchschaut, unterdrückt: KI gibt Regierungen neue Möglichkeiten, ihre Macht zu missbrauchen
Die Frage, wo Gefahr droht, lässt die Polizei sich zunehmend vom Computer beantworten: Algorithmen, die historische Erfahrungswerte in die Zukunft fortschreiben, sagen treffsicher vorher, wo Diebstähle oder Einbrüche zu erwarten sind. Ähnliche Systeme lesen aus Social-Media-­Daten Anzeichen für politische Unruhen heraus, andere schaffen es, mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit bestimmte Personen in großen Bildmengen zu identifizieren.

Solche Wunder an Muster­erkennung sind der Traum jeder Regierung, die ihre Bürger im­mer im Blick behalten will. „Gesichtserkennung und Data Mining könnten dazu genutzt werden, ungewünschte Personengruppen zu diskriminieren, oder es autoritären Regimen erlauben, Dissidenten zu unterdrücken“, sorgt sich der Oxford-Philosoph Nick Bostrom. Im Extremfall könnten Diktatoren autonome Killer-Roboter in den Kampf schicken – gegen Feinde im Ausland oder ihr eigenes Volk. Viele Experten sehen im politischen Missbrauch die größte kurzfristige Gefahr durch KI überhaupt. „Es mag sein“, sagt Stuart Russell von der UC Berkeley, „dass für KI-Systeme ähnliche Sicherheitsvorkehrungen nötig werden wie für Atomwaffen.“

Von der Diagnose bis zur Reparatur: Mitdenkende Maschinen helfen der Medizin, den Körper zu optimieren
Monatelang rätselten die Ärzte, was ihre Patientin plagen könnte. Watson fand die Erklärung in nur zehn Minuten: Das KI-System von IBM verglich das Krankheitsbild mit Beschreibungen aus Millio­nen Studien und fand Zeichen für eine Leukämie, die den menschlichen Experten entgangen waren. Ist eine Krankheit einmal identifiziert, erlauben Roboter die Reparatur des Körpers auf ganz neue Weise: Einige übernehmen jetzt schon Operationen, ohne dass Chirurgen eingreifen müssen; andere – winzig kleine Nanobots – werden in Zukunft wohl durch Arterien reisen, um Schäden von innen zu beheben.

Ähnlich große Hoffnungen verbinden sich mit KI-Systemen, die bei der Entwicklung von Medikamenten helfen, indem sie neue Wirkstoffe entdecken oder durch Genanalyse persönliche Arzneien möglich machen. Pflegeroboter und intelligente Gesundheitsmonitor-Systeme wiederum sollen es älteren Menschen erlauben, länger zu Hause wohnen zu bleiben, als sie es heute können.
Noch ehrgeiziger sind Pläne, der Biologie ein Upgrade zu verpassen. So könnten Chip-Implantate Blinde wieder sehen lassen (Bionic Vision) und Alzheimer-Patienten vor Demenz bewahren. Bei Gelähmten haben solche Neuroprothesen bereits gezeigt, dass sie funktionieren – wenn auch bisher nur unter Laborbedingungen. Bio-Hacker erhoffen sich von Chip-Implantaten Hilfe auch für Gesunde. Ihr Ziel: ein höherer IQ und nie wieder etwas vergessen – dank Schnittstelle zur KI direkt im Gehirn.

Computer zeichnen, komponieren, brauen Bier. Ist guter Ge­schmack nur eine Frage der richtigen Algorithmen?
Mag sein, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt – aber sie lässt sich berechnen. So leicht, dass digitale Maler mit Robot Art bereits ihren eigenen Kunst-Wettbewerb haben. Die Algorithmen, die sich an den Pinselstrichen von Van Gogh oder Andy Warhol orientieren, müssen gar keine natürliche Kreativität beweisen: Die Ergebnisse gefallen manchen Menschen so gut, dass sie Zehntausende für Computermalereien zahlen.
KI-Komponisten wie Jukedeck und Computoser wenden das gleiche Prinzip auf maßgeschneiderte Melodien an: Mit ein paar Klicks erhält jeder Nutzer seinen eigenen Sound­track. Andere Systeme versuchen sich in Kombination mit 3D-Druck als Produktdesigner oder fangen an, Mode zu entwerfen.

Manches davon ist experimentell, anderes könnte Entwicklern helfen, besser den Geschmack ihrer Kunden zu treffen – individuell oder in der Masse. So versucht das britische Startup IntelligentX, seiner KI das Bierbrauen beizubringen. Mit Kundenfeedback via Chatbot sollen die Algorithmen den Prozess so weit optimieren, bis es der Mehrheit schmeckt. Denn Erfolg misst sich für Robo-Kreative daran, ob am Ende ein Mensch sagt: „Schön geworden!“

Dieser Artikel erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des WIRED Magazins im Oktober 2016. Wenn ihr die Ersten sein wollt, die einen WIRED-Artikel lesen, bevor er online geht: Hier könnt ihr das WIRED Magazin testen.

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