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„Ich will den Optimismus zurückbringen“: Das re:publica-Interview mit Sascha Lobo

Max Biederbeck und Timo Brücken 02.05.2016

Deutschlands Netzerklärer kehrt zurück auf die re:publica. Nach zwei Jahren Pause hält Sascha Lobo zum Jubiläum der Konferenz wieder seine berüchtigte „Rede zur Lage der Nation“. Im WIRED-Interview verrät er, was die Zuhörer in Berlin erwartet, wenn er am Montagabend das „Zeitalter des Trotzdem“ ausruft.

Deutschlands bekanntester Erklärer fürs Digitale gehört seit vielen Jahren quasi zum Inventar von Europas bekanntester Konferenz fürs Digitale. Doch 2015 wollte Sascha Lobo plötzlich nicht mehr auf der re:publica sprechen, die obligatorische „Rede zur Lage der Nation“ fiel aus. Auch aus Enttäuschung, weil viele nach den Snowden-Enthüllungen einfach so weitermachten wie zuvor, erklärte Lobo damals gegenüber WIRED.

Doch nun ist er zurück und möchte mit seinem Vortrag „The Age of Trotzdem“ (Montag, 19:45 Uhr) einen anderen Weg einschlagen als den der „rituellen Publikumsbeschimpfung“ seiner früheren Reden. Wie der aussehen wird, hat uns Sascha Lobo im Gespräch verraten. Ein Interview über Snapchat-Opas, Startup-Aktivisten und Netzoptimismus in der Post-Snowden-Ära.

WIRED: Nimmst du deine Rede heute Abend mit Snapchat auf?
Sascha Lobo: Auf keinen Fall. Snapchat halte ich für sehr wichtig, aber vor allem als neues digitales Kultur- und Kommunikationsformat für sehr junge Leute. Mein Umgang damit ist spielerisch-scherzhaft. Ich ertrage es kaum, dass manche Consultant-People jetzt sowas sagen wie: „DAX-Konzerne ohne Snapchat-Strategie sind praktisch schon insolvent.“ Man könnte sagen: Ich war viel früher auf Snapchat als alle anderen und habe es schon viel früher als alle anderen nicht richtig verstanden.

WIRED: Also bist du nicht mehr der Netzexperte für alle?
Lobo: Das war ich noch nie. Ich bin jetzt zehn Jahre älter als damals, als ich angefangen habe, und kann nicht mehr den Bonus als junger, frisural hipper Typ ausspielen. Ich muss bei 15-Jährigen nicht den Netzerklärer spielen, mir reicht der Bereich 35+. Ich bin bei medienaffinen Erwachsenen und Rentnern derjenige, der über digitale Transformationen Bescheid weiß.

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WIRED: Auf der re:publica hältst du deshalb heute Abend wieder deine berühmte „Rede zur Lage der Nation“. Ein Jahr hast du ausgesetzt, jetzt bist du wieder da. Wie kommt’s?
Lobo: Es gab ein Sammelsurium an Gründen, warum ich 2015 nicht dabei war. Zum Beispiel auch Erschöpfung. Vielleicht merkt man das nicht immer, aber ich bereite den re:publica-Vortrag sehr intensiv vor. Das ist ein wichtiger Teil meines Jobs, ich habe darin Übung. Ich verwende Elemente wieder und weiß, was die Leute wie aufbereitet verstehen können. Aber für die re:publica versuche ich immer, etwas weitgehend Neues zu machen. Das ist sehr viel Arbeit und ich habe gemerkt, die möchte ich mir nur noch dann machen, wenn ich mich danach fühle. Meine Rede war irgendwie zur Selbstverständlichkeit geworden und dagegen wollte ich ankämpfen. Stiller Protest.

WIRED: Der letztlich gar nicht so still war. Deine Absage hat schon für eine kleine Eruption gesorgt.
Lobo: Ja, mag sein.

Ich versuche, meinen mir seit Jahren fehlenden Internetoptimismus neu aufzuladen

WIRED: Mag nicht nur sein. 2014 hast du den Leuten für ihre Untätigkeit angesichts von Überwachung und Snowden-Enthüllungen die Leviten gelesen und 2015 dann gesagt: „Ich bin immer noch enttäuscht von euch, dieses Jahr komme ich nicht.“ Also noch einmal, warum kommst du jetzt wieder?
Lobo: Weil sich alle weiterentwickelt haben. Ich bin in den vergangenen zehn Jahren digital erwachsener geworden und das Publikum der re:publica ist es auch. Ich habe am Ende der digitalen Pubertät eben einmal ausgesetzt und jetzt leite ich quasi die Volljährigkeit meiner Internetbeschäftigung ein – mit einem Vortrag, der ernster sein wird und eine etwas andere Richtung einschlägt als mein früheres Fun-Gemecker. Bisher gab es von mir oft rituelle Publikumsbeschimpfung, aber diesmal wird es anders.

WIRED: Was erwartet uns also in „The Age of Trotzdem“?
Lobo: Ich versuche, meinen mir seit Jahren – spätestens seit Snowden, aber eigentlich schon früher – fehlenden Internetoptimismus neu aufzuladen. Es geht um die Frage: Warum sollte man heute immer noch Internetoptimist sein? Vielleicht muss man es sogar. Das versuche ich zu erforschen.

WIRED: Wir verstehen nicht ganz.
Lobo: Ich auch noch nicht, aber die Richtung ist, etwas vereinfacht: Trotz Snowden optimistisch sein. So könnte man es wenigen Worten zusammenfassen.

WIRED: Weil einem nichts anderes übrig bleibt?
Lobo: Es ist ein Aus-der-Resignation-heraus-Begeistern. Das Thema Überwachung wurde – auch von mir – viel zu stark als Endspiel betrachtet. Dabei hat Snowden eigentlich einen Vorhang aufgezogen. Und wir haben so getan, als wäre dahinter ein Endgegner, den man bekämpfen kann, mit dem Ziel, dass er irgendwann weg ist. Ich glaube inzwischen, das ist ein ungünstiges Verständnis von dem, was tatsächlich passiert. Überwachung ist da, und sie bleibt. Ich bin immer noch dagegen, ich möchte immer noch dagegen kämpfen, aber ich muss stärker herausfinden: Warum geschieht das? Nach welchen Gesetzmäßigkeiten passiert es? Und kann man die Gründe und Hintergründe beeinflussen? Und nicht so tun, als sei alles andere in Ordnung, nur die Überwachung ist halt doof. Da steckt mehr dahinter: Gesellschaftsmodelle, Diskurse, Kulturen. Überwachung ist ein Symptom.

Der Kampf gegen Überwachung bleibt notwendig, aber gerade deshalb muss man die Strategie ändern

WIRED: Du forderst also die Evolution statt der Revolution?
Lobo: Nein, so würde ich das nicht sagen. Das ist kein Kampf, den man gewinnen kann und dann ist er zu Ende. Diese Sichtweise führt zur Resignation. Bis zum Überraschungsabgang von BND-Chef Schindler vergangene Woche war die einzige Person, die wegen der Snowden-Enthüllungen entlassen wurde: Edward Snowden.

WIRED: Klingt tatsächlich falsch.
Lobo: Wir müssen drei Jahre nach den Enthüllungen akzeptieren, dass der Kampf gegen Überwachung zwar weiter notwendig bleibt, aber man gerade deshalb seine Strategie ändern muss. Vielleicht längst geändert hat, ich bin in solchen Dingen manchmal langsamer als andere. Ein Teil dieser Änderung ist, dass ich trotzdem optimistisch bin. Ich möchte nicht verbittern, ich möchte nicht sagen: „Alles scheiße, alles total überwacht, jetzt ist auch schon alles egal.“ Die allerdümmsten Sachen, die ich in meinem Leben gemacht habe, kamen immer in den Momenten, in denen ich genau das dachte: Jetzt ist auch schon alles egal.

WIRED: Gegenüber WIRED hast du deine Absage vor einem Jahr so begründet: „Für mich ist der Impuls jetzt: Machen! Nicht nur reden.“ Was hast du denn seitdem gemacht?
Lobo: Ich habe mich hauptsächlich auf „Digitale Transformation“ konzentriert. Weil ich glaube, dass viele Aktivisten und Zivil-Lobbyisten den ökonomischen Aspekt dieses gesellschaftlichen Prozesses unterschätzen. Ich werde auf der re:publica sagen: „Macht mal mehr Wirtschaft!“ Die vielen kleinen nonkommerziellen Projekte, die man so vor sich hinprepelt, sind wertvoll, ich möchte sie nicht abwerten – aber es gibt eben auch ökonomische Prinzipien, die in die Gestaltung der Welt hineinspielen.

Ich habe eines der langsamsten Startups im deutschsprachigen Raum gegründet

WIRED: Sascha Lobo, Advokat der Startup-Community.
Lobo: Nein. Aber ich habe selbst eines der langsamsten Startups im deutschsprachigen Raum gegründet, um die digitale Transformation im ebenfalls superlangsamen Buchbereich zu erforschen. Unternehmen als Hebel für die Veränderung der Zustände – diese Sichtweise kommt noch viel zu kurz.

WIRED: Sollten wir zur digitalen Kultur die gleiche Einstellung haben wie ein Gründer zu seinem Startup?
Lobo: Das ist zu plakativ, und es geht von einem falschen „Wir“ aus. Vor zehn Jahren gab es auf der re:publica ein „Wir“. Das waren die Blogger. Ein paar Jahre später waren es halt Twitterer. Das heißt, man konnte qua technologischer Perspektive eine Gemeinsamkeit konstruieren. Heute steht die re:publica dafür, dass das Digitale sehr tief eingedrungen ist in die Gesellschaft. Da kommt dann der Social-Media-Manager eines Weltmarktführers aus dem Schwarzwald vorbei, der das als Bildungsurlaub finanziert bekommt und Tricks für seinen beruflichen Alltag lernen will. Aber der ist ja Null Teil irgendeiner Netzgemeinde – oder wie auch immer man das nennen möchte.

WIRED: Wie willst du denn in so einer ungleichen Crowd den Optimismus erzeugen, von dem du so viel sprichst?
Lobo: Je näher wir der Erkenntnis gekommen sind, wie die digitale Gesellschaft wirklich ist – nicht, wie sie wir uns auf der ersten re:publica 2007 erträumt haben, sondern wie sie tatsächlich ist, mit ihren Überwachungen, Radikalitäten und Turbokapitalismen –, desto größer sind Ernüchterung und Resignation geworden. Desto schwieriger ist es geworden, zu sagen: „Hey, wir schaffen das!“ Und genau deswegen bedarf es heute eines kleinen irrationalen Elements, eines „Trotzdem“. Ein wenig so: Ja, ich weiß, es sind inzwischen fast 10.000 Menschen durch Drohnen gestorben, die losfliegen, weil Handys überwacht werden. Und von diesen 10.000 waren 7.000 unschuldig. Der Horror. Aber damit ich es überhaupt weiterkämpfen kann, brauche ich auch etwas Positives, an dem ich mich festhalten kann.

WIRED: Dem NDR hast du noch im Februar gesagt: „Die apokalyptische Herangehensweise ist eine sehr viel aktivierendere als die positive.“ Klingt so gar nicht optimistisch.
Lobo: Gut, das war ja eine Feststellung, die weiterführen soll. Wenn du merkst, etwas ist schlecht und du möchtest es verbessern, ist die Botschaft „Alles ist toll!“ nicht wirklich aufwühlend. „Wir fahren bald gegen die Wand!“ hingegen hat wenigstens eine geringe Chance, dass die Leute aufmerksam werden. Aber es gibt eine Entwicklung. Du kannst nicht direkt nach Snowden sagen: „Das ist nicht so schlimm.“ Aber du musst irgendwann nach einem solchen Impact wieder aus dem tiefen Krater der Depression herauskrabbeln. Dabei hilft Optimismus, man muss für sich eine Balance finden zwischen Aktivierung und bleibender Motivation. Details in meiner Rede.

Zehn Jahre re:publica heißt: Da ist etwas entstanden und das geht nicht wieder weg

WIRED: Zum Jubiläum hat die re:publich schlicht das Motto „TEN“ gewählt. Klingt nach rundem Geburtstag und weniger nach dem zukunftsgerichteten Optimismus, den du versprühen willst.
Lobo: Eine gewisse Selbstrefrentialität finde ich nach zehn Jahren gut. Wir, die wir uns beruflich mit digitaler Vernetzung beschäftigen, wurden lange wenig ernst genommen von den Erwachsenen zwischen DAX und Bundesregierung. Das Motto ist eine Botschaft, dass unser Digitale-Gesellschaft-Gelaber damals nicht bloß ein Strohfeuer war. Die re:publica existiert seit zehn Jahren regelmäßig und sie hat sich weiterentwickelt, ist erwachsener, größer und wichtiger geworden. Denn zehn Jahre re:publica heißt nicht „Wir haben es gerade so geschafft“, sondern: „Da ist etwas entstanden und das geht nicht wieder weg.“ Und das finde ich sehr positiv.

WIRED: Und da ist ein wenig Selbstbespiegelung schon okay.
Lobo: Es ist auch eine Frage der Ernsthaftigkeit. Wenn du etwas zehn verdammte Jahre lang machst, dann ist es ernst gemeint. Gerade auch in den Augen derjenigen, die die digitale Gesellschaft und das Netz selbst noch vor einiger Zeit als Übergangsphänomen, Medienkanal oder Schwatzbude betrachtet haben. Und da kann es sich die re:publica schon erlauben, zum Jubiläum mal ein bisschen Selbstbespiegelung zu machen.

WIRED: Klingt, als dürften die Organisatoren sich freuen, dass du zurück bist.
Lobo: Ich empfinde mich nicht als „zurück“. Ich war gar nicht wirklich weg.

Die re:publica findet vom 2. bis 4. Mai 2016 in Berlin statt. Die WIRED-Berichterstattung zur Konferenz findet ihr hier

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