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„Reden mit Rechts gegen Rechts“: Sascha Lobos Ideen gegen Hass im Netz

WIRED Editorial 09.05.2017

Bei seiner alljährlichen Rede auf der re:publica fordert Sascha Lobo ein Umdenken beim Umgang mit Hassrednern. Seit neustem spüre er in Zusammenhang mit Online-Kritikern eine „Erschütterung“ bei sich selbst, sagt Lobo. Sie stamme aus seiner Ermüdung und Ungeduld im stetigen Umgang mit Trollen und Hatespeech in den Netzwerken. Lobo spricht von einem „Amalgam der Boshaftigkeit“, das sich immer weiter in der Gesellschaft ausbreite – und fordert, dass wir anders darauf reagieren als bisher.

Sascha Lobo sucht die Schuld auch bei sich selbst. In seinen Online-Auseinandersetzungen sei es ihm zu viel um Selbstvergewisserung gegangen, sagt der Netzvordenker mit dem roten Irokesenschnitt auf der re:publica in Berlin. „Ich habe meine Positionen nicht nur der Welt erklärt, sondern oft versucht, mich selbst zu überzeugen.“ Und dabei sei er selbst Stück für Stück weniger tolerant geworden. Es sei ihm schwerer gefallen, die Grenze zu ziehen: Was ist eine schwierige Meinung, die man aushalten muss, und was ist ein Post oder eine Aussage, die die Schwelle zur Menschenverachtung überschreitet? Zu oft würden im Netz auf diese Weise aus „temporären Ärschen“ per Zeigefinger Rechtsradikale gemacht.

Lobo selbst hat im vergangenen Jahr mit rund 100 von ihm als rechtsaußen empfundenen Usern den Kontakt gesucht. Am Ende des Experiments standen für ihn mehrere Erkenntnisse: Trolle seien nicht gleich Trolle und „rechts“ auch im Internet nicht gleich „rechts“. Viel mehr würden durchaus weniger radikale Meinungen im neuen öffentlichen Diskurs automatisch in eine rechtsradikale Erzählweise eingereiht. Der Grund: Die sozialen Medien ließen das private Umfeld mit der Öffentlichkeit verschwimmen. „Im digitalen Wohnzimmer gelten plötzlich öffentliche Regeln“, und das verändere den Diskurs als solchen.

Zum einen stehe jede Aussage direkt im öffentlichen Raum und würde deshalb nicht nur von den „Stammtisch-Freunden“ sondern gleich von einer viel breiteren Öffentlichkeit beurteilt. Das erwecke bei vielen den Eindruck, nicht mehr frei sprechen zu können. Zum anderen würden viele Menschen Hass-Inhalte und Fake News posten, liken und teilen, weil sie zu einer Gruppe dazugehören wollten, und nicht weil sie tatsächlich daran glaubten.

Statt ein breites politisches Meinungsspektrums begegne uns deshalb jetzt eine immer kleiner werdende „Insel der liberalen Demokratie“, die in einem immer weiter steigenden „Meer des Autoritären“ schwimme. Jeder, der eine unangenehme Meinung vertrete, stehe heutzutage automatisch schon mit einem Fuß im braunen Wasser, sagt Lobo. Aber: „Um die Insel kämpfen wir an den Rändern.“

Lobo glaubt, dieser Kampf müsse in einzelnen Gesprächen geführt werden und schlägt eine Zangenstrategie vor: Zum einen müsse man Rechtsradikalen weiterhin eine klare Kante zeigen, wie es etwa die Gegendemonstranten bei Pegida-Aufmärschen heute schon tun. Zum anderen müsse man aber mit ruhigen, ehrlichen Nachfragen die „Menschen aus dem Gewässer wieder auf die Insel shiften“. Nur so sei es möglich, den öffentlichen Diskurs zu entgiften und auf eine breitere pluralistisch-demokratische Basis zu stellen, die die zusehends tiefer werdende emotionale Spaltung in der Gesellschaft wieder ablösen müsse.

WIRED ist Medienpartner der re:publica 2017 und berichtet hier vom 8. bis 10. Mai live von der Konferenz in Berlin. Sascha Lobos Suche nach Ideen gegen den Hass im Netz wird auch am 18. Mai im Film #manipuliert bei ZDF neo zu sehen sein.

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