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Der Nachfolger von „Serial“ ist der besterzählte Podcast ever

Dirk Peitz 06.04.2017

Nach nur einer Woche schon 16 Millionen Downloads: Nie zuvor fand ein Podcast so schnell so viele Hörer wie S-Town. Viel bedeutsamer ist aber: Das neue Projekt des Serial-Teams eröffnet dem Medium eine neue Erzählweise – die des Tatsachenromans.

ACHTUNG: Dieser Text enthält Spoiler für S-Town. Wer den Podcast noch nicht gehört hat und es noch tun will, liest auf eigene Gefahr weiter. Wir haben euch gewarnt!

John B. McLemore hat das Zeug zu einer großen literarischen Figur. Und womöglich sieht er das auch selbst so. Jedenfalls schickt er dem Podcast-Produzenten Brian Reed, nachdem er im Jahr 2014 Mail-Kontakt mit ihm aufgenommen hat – wegen eines Mordes, der in McLemores Heimatstadt Woodstock in Alabama geschehen sein soll – eine Kurzgeschichte von William Faulkner ins ferne New York. Ob Reed sich des vermeintlichen Mordfalls in „Shittown“, wie McLemore Woodstock nennt, nicht mit den Mitteln des Podcast annehmen könne, will er wissen, als Detektiv spielender Investigativreporter?

Am Anfang des siebenteiligen Podcasts S-Town ist nicht ganz klar, ob sich dessen Protagonist McLemore eher als Erzähler einer typischen Gruselgeschichte aus den Südstaaten sieht. Also als Nachfahre Faulkners, der einst die literarische Gattung der Southern Gothic zur Weltliteratur erhob. Oder ob er sich eher in der Heldin von dessen Kurzgeschichte Eine Rose für Emily aus dem Jahr 1930 wiedererkennt: einer einsamen Witwe in einer kleinen Stadt in Mississippi, die in Wahrheit eine Mörderin ist.

Vielleicht fand McLemore Faulkners Beschreibung der spezifischen Enge in den amerikanischen Südstaaten aber auch einfach treffend. Denn auch fast ein Jahrhundert später geschehen dort – mindestens in der Fiktion – unsagbare Dinge. Das können alle bezeugen, die vor drei Jahren die tolle erste Staffel der HBO-Serie True Detective gesehen haben.

Nichts ist erfunden, aber alles in Form gebracht

Erfundenes und Wirklichkeit stoßen in S-Town schnell aneinander, als Reed tatsächlich nach Alabama reist und rasch feststellt: Der Mord, aufgrund dessen er hergekommen ist, hat gar nicht stattgefunden. Er war bloß ein Produkt von Dorfgeschwätz und zu viel Einbildungskraft. Wenn eine reale Begebenheit von genug Leuten mit zu viel Fantasie weitererzählt wird, kann daraus eben eine Gruselgeschichte werden. Da wird aus jemandem, der bei einer Auseinandersetzung zwischen jungen, zugedröhnten Männern verletzt wurde und danach von der Bildfläche verschwand, manchmal ein Toter.

Und wenn, wie in Woodstock geschehen, keiner der Beteiligten Anzeige erstattet und die Polizei also nicht weiter ermitteln kann, erwächst daraus auch noch ein Fall von Behördenkorruption. Dann kann der reichste Mann der Stadt in der Vorstellung der Leute seinen angeblich des Mordes schuldigen Sohn von jeder Strafverfolgung freikaufen. Das erscheint durchaus plausibel, wenn man wie John B. McLemore von „Shittown“ nichts anderes erwartet als stets das Schlimmste.

An dem Punkt, an dem Reed das Gerede vom realen Geschehen getrennt hat, würde die Recherche eines Journalisten normalerweise enden. Und ein solcher ist der Podcast-Produzent in erster Linie, der in S-Town als Ich-Erzähler und Interviewer auftritt. Und tatsächlich: Reed hat von seiner ersten Reise nach Alabama eigentlich keine Geschichte mitgebracht, die er erzählen könnte – außer der, wie er einmal eine Geschichte suchte und diese sich als falsch herausstellte.

Keine Distanz, nicht mal zu sich selbst

Doch dann gibt es plötzlich wirklich einen Toten und alles ändert sich. Vor allem Reeds Geschichte. Diese, das realisiert man am Ende der zweiten Folge von S-Town, lief schon von Anfang an nicht darauf hinaus, die Jagd nach einem Mörder zu schildern und die Aufklärung eines Verbrechens voranzutreiben. S-Town folgt keiner Krimidramaturgie wie noch der Vorgänger Serial, dessen Ende zunächst offen war, weil die Folgen schon online gingen, während die Recherche noch lief. Die Geschehnisse, die in S-Town ausgebreitet werden, liegen alle bereits in der Vergangenheit. Die Handlung ist, wenn man so will, längst abgeschlossen. Insofern ist es auch nur konsequent, dass die sieben „Kapitel“ benannten Folgen wie bei einer Netflix-Serie auf einen Schlag veröffentlicht wurden.

S-Town ist in erster Linie das großes Porträt eines komplizierten Mannes: John B. McLemore. Außerdem eine Reportage über die Stadt und die Menschen, die ihn umgeben. Und nebenbei noch eine Schatzsuchergeschichte. Im Kern aber ist S-Town ein gesprochener Southern-Gothic-Roman in der Tradition von Faulkner – nur dass er auf Tatsachen basiert, der Wiedergabe von realen Beobachtungen und Gesprächen. Nichts ist erfunden, aber alles in Form gebracht.

Das gilt zwar für jede journalistische Arbeit, doch selten wurden literarische Stilmittel dabei so offen (und brillant) benutzt wie hier. Der Podcast bricht unter anderem mit der Konvention, eine Geschichte linear zu erzählen, es gibt Rückblenden, Nebenstränge und längere Passagen mit Reflexionen über die menschliche Existenz. Damit ähnelt S-Town modernen Fernsehserien, die ja auch gern mal verschachtelte Dramaturgien einsetzen, die Handlung einbremsen, umleiten und verbreitern.

In den Literaturwissenschaften würde man S-Town einen Tatsachenroman nennen, die bekanntesten Beispiele sind Kaltblütig von Truman Capote und Heere aus der Nacht von Norman Mailer. Capote recherchierte einen realen Mord und schrieb die Story mit den Mitteln des Romans auf, in den 1960ern war das journalistisch revolutionär. Mailer hingegen machte sich selbst zur Hauptperson des Nachberichts eines tatsächlichen Geschehens, erzählte von sich, aber distanziert in der dritten Person.

Klingt so die goldene Zukunft des Mediums?

Reed ist in S-Town hingegen Ich-Erzähler, er nimmt die Zuhörer mit auf seine Recherche, macht sie zu Zeugen des eigenen Erlebens. Was unter anderem bedeutet: Als die entscheidende Todesnachricht ihn am Telefon erreicht, hört man die Reaktion des Reporters, sein Schluchzen. Indem er alles mitschneidet (solange ihn ein Gesprächspartner nicht bittet, das Aufnahmegerät auszuschalten), lässt Reed keine Distanz zu, nicht mal zu sich selbst.

Manche Rezensenten – etwa bei Vox – sehen diese Distanzlosigkeit in Bezug auf die geschilderten Personen kritisch und stellen die Frage: Ist es ethisch zulässig, intime Details von Toten zu enthüllen und Lebende, die sich der Tragweite ihrer Aussagen vielleicht nicht vollends bewusst sind, ungeschützt reden zu lassen? Eine gute Antwort darauf zu finden, ist kompliziert, eine richtige Antwort unmöglich. Würde sie auf ein „Nein“ hinauslaufen, dürfte es S-Town gar nicht geben.

Und das wiederum würde bedeuten: Niemand hätte den womöglich bislang besterzählten Podcast ever je hören dürfen. Doch sollte so die Zukunft des Mediums klingen – wenn man es nicht nur als Format fürs Mal-schnell-über-was-Reden versteht – dann ist sie golden.

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