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re:publica / „Niemand darf uns vorschreiben, was Porno ist und was Kunst!“

Cindy Michel 03.05.2016

Wo liegt der Unterschied zwischen Nudes und NooDZ, Nacktheit in der analogen und in der digitalen Welt? Das wollen Jillian York und Addie Wagenknecht bei der re:publica in Berlin besprechen. WIRED hat die beiden Feministinnen vorab getroffen und mit ihnen über Kunst, Zensur, Brüste und den weißen Mann des Silicon Valley gesprochen.

Was wir posten dürfen und was nicht, bestimmen große Unternehmen. Fotos, die Nacktheit zeigen, sind auf Social-Media-Plattformen, sofern sie nicht als Kunst kategorisiert werden, weitgehend verboten. Und genau da liegt das Problem: Was ist Kunst und was Pornografie? Wer hat das Recht, das zu entscheiden? „Niemand, und vor allem nicht große Unternehmen“ lautet die klare Antwort der Netzaktivistinnen Addie Wagenknecht und Jillian York.

Nudes and NooDZ – wie mit Nacktheit in der Offline- und der Online-Welt umgegangen wird: ein Thema, das die beiden Feministinnen schon lange beschäftigt. Wie wirkt sich eine Online-Zensur auf den modernen Kanon der Kunst aus? Warum darf Social Media Kunst definieren?

Jillian York

Das wollen York, Leiterin International Freedom of Expression bei der Non-Profit-Organisation Electronic Frontier Foundation, und Addie Wagenknecht, Künstlerin und Gründerin des sozialen Forschungslabors Deep Lab, bei der re:publica in Berlin eruieren. Die beiden sprechen am Dienstag, 3. Mai, von 14:15 bis 14:45 auf Stage L der Konferenz.

Addie Wagenknecht

Vorab sprachen sie mit WIRED darüber, woher die scheinbare Prüderie im Silicon Valley stammt, warum „sex sells“ immer noch gilt und wie riesige Unternehmen nicht nur online Furcht verbreiten können, sondern hin und wieder auch die Kunstwelt New Yorks diktieren.

WIRED: Brüste im Museum sind okay, Brüste auf Facebook nicht. Sex ist ein Problem, Knarren und Gewalt sind es nicht. The American Way of Life?
Jillian York: Oder die völlig obskure Aufspaltung von Gewalt und Sex in der amerikanischen Kunst. Wie damit umgegangen wird, ist so was von veraltet und rückwärtsgewandt.

WIRED: Habt ihr schon mal versucht, diese prüde Schicht abzukratzen, um zu sehen, was darunter liegt?
York: Ja, immer wieder. Irgendwann habe ich versucht, das Thema durch die Linse des Christentums zu sehen. Und siehe da, unter diesem Fokus ergeben die verqueren Vorstellungen plötzlich Sinn: Bei Gewalt herrscht ein kultureller Konsens. Sexualität hingegen wird als zutiefst unmoralisch empfunden.
Addie Wagenknecht: Für mich läuft das auf eine Zentralisierung der Kultur hinaus, die allgegenwärtig ist. Ein einfaches Beispiel: Wir posten etwas auf Instagram. Instagram gehört zur Facebook-Gruppe und Facebook ist für viele das Internet. Das glauben zumindest 97 Prozent der Weltbevölkerung.

WIRED: Durch die christliche Brille gesehen würde das Facebook zum Kulturgott machen.
Wagenknecht: Ungefähr so. Es ist doch offensichtlich, dass Facebook das Maß aller Dinge für unser kulturelles Allgemeingut werden möchte. Still und heimlich kontrolliert die Plattform schon jetzt, wie dieses auszusehen hat.

Sind Bea Arthurs Brüste in Öl Kunst oder Pornografie? Facebook war sich nicht sicher und löschte erstmal Jillian Yorks Post mit dem Werk

WIRED: Wie 2015, als Jillian ein Foto des Kunstwerks Bea Arthur Naked auf Facebook postete und es zensiert wurde. Erst nach wiederholtem Posten und einigem Schriftverkehr mit Facebook wurde das Bild akzeptiert. Addie, du hast ebenfalls recherchiert und eruiert, wie Facebook auf verschiedene Arten von Nacktheit reagiert.
Wagenknecht: Ja, das war vor rund vier Jahren als wir an den Projekten brbxoxo (Anm. d. Red.: In diesem Projekt zeigten Addie Wagenknecht und ihr Partner Pablo Garcia leere Sets von Online-Sexcams) und Webcam Venus (Anm. d. Red.: Sexcam-Performer stellten ikonische Kunstwerke nach) arbeiteten. Ich wollte die verschiedenen Zensur-Modelle von Social-Media-Unternehmen testen und postete dafür Fotos bekannter Gemälde, Statuen und anderer Kunstwerke, die nackte Körper von Männer wie Frauen zeigten. Das Ergebnis war ernüchternd. Während nur etwa 20 Prozent der Bilder mit nackten Männerkörpern runtergenommen wurden, waren es knapp 90 Prozent bei den weiblichen Körpern. Dieses Resultat zeigt einmal mehr, das tiefsitzende Stigma und die Hypersexualisierung von weiblichen Figuren, die nur zu existieren scheinen, um männliche Bedürfnisse zu befriedigen.

WIRED: Wenn Unternehmen die Meinungsfreiheit der User beschränken, indem sie Posts zensieren, zerstören sie ganze kulturelle Bewegungen und hinterlassen so riesige Lücken im modernen Kanon der Kunst – so lautet eine eurer Thesen für die re:publica. Aber mal ehrlich, das Problem der Kunstzensur existierte doch schon lange bevor die Brüste der Venus von Milo überhaupt in Stein gemeißelt wurden.
York: Das stimmt. Kunstzensur ist ein zeitloses Phänomen. Was es aber in diesem aktuellen Fall so grauenhaft macht: Das Netz war für eine kurz Weile ein offener Raum. Manche von uns sind mit diesem scheinbar freien Internet aufgewachsen, bis es von Kindern wie Mark Zuckerberg, die einige der schlimmsten Klischees des weißen Mannes verkörpern, zerstört wurde.
Wagenknecht: Vor drei Jahren wurde ich nach New York eingeladen, eine der angeblich liberaleren Städte in den USA, um mein Kunstprojekt Venus Webcam bei einer Ausstellung zu zeigen. Der Bildschirm für mein Werk wurde direkt gegenüber eines Stücks von Google aufgestellt. Als der Google-Mensch sah, dass Venus Webcam öffentlich Transfrauen und Brüste zeigt, pochte er darauf, dass mein Projekt sofort entfernt wird. Der Veranstalter wollte Google nicht verärgern und hat ohne die Kritik zu reflektieren, der Anfrage Folge geleistet. Das ist doch ein schönes Beispiel dafür, wie Furcht das Internet sowohl online als auch offline befehligt.

WIRED: Ihr seid beide Teil des Deep Lab, Abbie sogar Gründerin, einer Gruppe von Cyberfeministinnen.
York: Ich mag dieses Wort eigentlich nicht, es ist nicht zeitgemäß. Das ist so frühe 90er.

WIRED: So beschreibt ihr euch aber selbst auf der Homepage des Deep Lab.
York: Es stimmt ja auch, nur wirkt es einfach ein bisschen altbacken. Cyberfeministinnen sind Feministinnen, die an Technologie interessiert sind. Und ich kenne keine Feministin, die sich heutzutage nicht für Technologie interessiert. Vielleicht liegt es einfach daran, dass ich das Wort Cyber nicht mag. Außer es wird ironisch benutzt, dann schon.

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WIRED: Also gut. Deep Lab ist eine Gruppe von Feministinnen, Künstlern, Forschern und vielen anderen Aktivisten, die sich für Technologie interessieren und die Kultur der Gegenwart untersuchen. Eigentlich sollte das Internet ja ein Ort sein, an dem Gender keine Role spielt. Ist das so?
York: Von Gleichberechtigung keine Spur. Wie auch, wenn das schon in der realen Welt nicht der Fall ist? Aber es geht nicht nur um uns Frauen: Das Internet ist und bleibt ein von weißen Männern dominierter Raum. Man muss sich nur mal Google, Twitter und Facebook anschauen – das sind alles Unternehmen, die vor allem weiße Männer beschäftigen. In Silicon Valley ist es ähnlich.
Wagenknecht: Das Netz ist tatsächlich ein Ort, an dem der weiße Mann herrscht. Umgeben sind sie von ihren Teams, die ihre Klone sein könnten. Sie schreiben den Code, der dann die Infrastruktur für diese riesigen Firmen formt. Mittlerweile ändert sich das, es gibt verschiedene Bewegungen außerhalb des zentralisierten Netzwerks, aber selbst da sehen wir uns immer wieder konfrontiert mit dem gleichen Problem. Crypto etwa ist eine total elitäre Technologie von weißen Männern, wenn du ein n00b bist, also ein Neuling, ist es nicht leicht, da rein zukommen.

WIRED: Und genau da, setzen Gruppen wie Deep Lab an?
Wagenknecht: Genau. Wir versuchen vor allem farbige Menschen, Frauen und LGBT-Gruppen mit unseren Workshops zu Themen wie Coding, Crypto oder Net Security zu erreichen. Nur so kann man diese sagenumwobenen technischen Dinge entmystifizieren. Die Leute, die bei uns lernen, können ihr Know-How wieder an andere weitergeben und so weiter. Und so, meine Damen und Herren, schreibt man die Geschichte neu – indem man sie selbst gestaltet!

WIRED: Nicht nur in Social-Media-Gefilden ist Gewalt akzeptierter als Sex, sondern auch bei Games. Erst vor Kurzem veröffentlichte das Streamingportal Twitch eine Liste mit Spielen, die auf ihrem Index stehen. Und siehe da, laut Motherboard scheint auch bei Twitch Gewalt akzeptierter zu sein als Sex.
Wagenknecht: Das war früher schon so, als ich noch viel zockte. Gewalt wurde immer akzeptiert, aber sobald eine Sexszene in einem Game vorkam, wurde es sofort als Pornografie abgestempelt und in den USA für Jugendliche verboten. Und das, obwohl sämtliche weibliche Spielfiguren stets hypersexualisiert dargestellt wurden. Klar doch, andere abknallen und in die Luft sprengen geht in Ordnung, aber sobald auch nur ein Hauch eines Nippels auftaucht ist für die meisten Eltern schon Game Over.

Für Facebook, das die Welt retten will, ist das wohl keine Bevormundung

Jillian York

WIRED: Wenn schon der bloße Anblick eines Nippel Game Over macht, dann kann es sich nur um ziemlich ungesunde Prüderie handeln, die auch den CEOs im Silicon Valley beim Anblick unkeuscher Posts die Schamesröte ins Gesicht treibt. Ähnlich wie bei den Pilgerväter, die ersten europäischen Siedler Nordamerikas waren ja glaubenstechnisch bedingt unheimlich prüde. Aber das Bild des strengen Calvinisten passt so gar nicht zu dem scheinbar jungen und modernen Unternehmer aus dem Silicon Valley, oder?
York: Das ist eine echt gute Frage. Natürlich gibt es Institutionen in den USA – wie etwa MPAA, der Verband der sechs großen Produktionsgesellschaften Amerikas –, in deren Führungsriegen man ältere, konservative Kirchgänger vermuten könnte. Allein schon aufgrund ihrer langen Tradition. Aber im Silicon Valley ist das ja nicht der Fall. Ich glaube auch nicht, dass die einzelnen Männer, die dort arbeiten per se so eine Einstellung haben, ich denke eher, dass sie sich derart tief in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt haben, damit sie bleiben. Getrieben vom Kapitalismus, rechtlicher Haftbarkeit sowie der White-Knight-Mentalität.

WIRED: Was ist die White-Knight-Mentalität?
York: Ein Beispiel dazu: Das Verbot von Bildern, die entblößte Körper zeigen, begründet Facebook mit ihrer weltweiten Userschaft. Das Unternehmen meint, dass manche User mit Nacktheit ein Problem haben könnten, sich unwohl fühlen könnten. Für mich hört sich das nach Bevormundung an. Aber für Facebook, das die Welt retten möchte, wohl nicht.

WIRED: Wie unterscheidet sich eine Zensur von sexualisierten Bildern in der analogen Welt zu einer in der virtuellen?
York: Wenn Content von einer Regierung zensiert wird, erfahren wir das meistens. Das Prozedere ist eher öffentlich. Wenn aber ein Post von einem Unternehmen gelöscht wird, verschwindet der einfach. Meistens erfährt das niemand, außer die betroffene Person beschwert sich im Netz darüber.
Wagenknecht: Es ist hundertmal schwieriger sich über zensierten Content aufzuregen, wenn eine Firma deinen Account löscht oder blockiert. Das ist ja oft der Fall bei Facebook oder Instagram. Es geht also nicht nur der Post verloren, sondern alles was man auf die Seite hochgeladen hat. Letzen Endes sind wir so wieder bei der Zentralisierung und dem weit verbreiteten Irrtum gelandet, dass Menschen immer noch glauben, ihnen gehöre, was sie auf Facebook oder Instagram hochladen. Das ist wie bei Netflix oder Amazon: Content, der nicht gefällt, wird gelöscht. Und manchmal wird man eben selbst entfernt.

Der Maßstab, den private Unternehmen ansetzen, um angeblich sexualisierte Bilder zu filtern, ist archaisch und von Männer erfunden

Addie Wagenknecht

WIRED: Während angeblich sexualisierte Bilder von Social-Media-Foren gelöscht werden, ist der Claim „Sex sells“ keineswegs mit Don Draper und seinen Mad Men aus der Werbewelt verschwunden. Große Unternehmen wie kleine, hippe wie alternative – auch die Skateboard-Industrie – sie alle bewerben ihre Produkte nach wie vor mit Ads, die die Frau zum Objekt der männlichen Begierde stilisieren.
York: Absolut. Twitter zum Beispiel hat etliche Anzeigen einer nationalen Kampagne zur Prävention von Schwangerschaften bei Teenagern zensiert, weil die Kondome angeblich als zu „sexy“ dargestellt werden. Das muss man sich mal vorstellen, zur selben Zeit gibt es aber etliche sexualisierte Werbekampagnen für Produkte, wie eben aus der Skateboard-Industrie, die als völlig okay angesehen werden. Das ist so was von respektlos gegenüber Frauen.

WIRED: Wir haben viel über Nacktheit gesprochen, in der Online- wie der Offline-Welt. Aber je länger wir sprechen, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Nudes und NooDZ. Wo genau liegt denn für euch der Unterschied zwischen Nacktheit im Netz und in der realen Welt?
Wagenknecht: Für mich ist es eine Frage von Content und Kontext. Die Venus von Milo ist keine Pornografie, weil das im westlichen Kanon der Kunst so festgelegt wurde. Der Playboy hingegen schon, weil er im Kiosk in der Pornoecke steht. Dabei ist es auch völlig egal, dass die Frauen ähnlich viel Haut zeigen. Auch völlig egal, dass die Playboy-Models sicher nicht ihre eigenen Shots inszeniert haben. Der Maßstab, den private Unternehmen ansetzen, um angeblich sexualisierte Bilder zu filtern ist archaisch und von Männer erfunden. Was Pornografie und was Kunst ist, ist eine höchst subjektive und persönliche Entscheidung, die uns niemand und schon gar nicht eine Firma abnehmen darf.
York: Das ist genau unsere Intension: Für uns gibt es keinen wirklichen Unterschied. Manche mögen Michelangelos David für ziemlich banal halten, dafür eine Werbung mit nackten Körpern von Marc Jacobs oder Prada als das Nonplusultra von Schönheit empfinden. Wie auch immer, Facebook ist auf jeden Fall in keiner Position uns vorschreiben zu dürfen, was Kunst ist und was nicht. Keine Firma darf das und auch keine andere Person.

Die re:publica findet vom 2. bis 4. Mai 2016 in Berlin statt. Die WIRED-Berichterstattung zur Konferenz findet ihr hier

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