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So zwingen die Kritiker von Rotten Tomatoes Hollywood in die Knie

Adam Rogers 05.07.2017

Rotten Tomatoes gibt jedem Film einen Daumen hoch oder runter. Versaut diese Bewertungskultur nicht nur das Kinoerlebnis sondern zerstört sie nebenbei auch noch die Filmindustrie?

Wer hat bei Transformers: The Last Knight die Luft rausgelassen? Der fünfte Film der Reihe startete vorletztes Wochenende und blieb nicht nur hinter den Erwartungen zurück – er hatte sogar das schlechteste Startwochenende aller Transformers-Streifen. Offenbar waren vier bombastische Nonsens-Filme über riesige Roboter, die sich gegenseitig verprügeln, genug für die Kinozuschauer. Da die Filmindustie aber Schuldzuweisungen liebt, begann die Suche nach dem Verantwortlichen von „Floptimus Prime“.

Die Schauspieler können nichts dafür, sie erledigen nur ihren Job. Vielleicht ist die Schuld eher bei Regisseur Michael Bay oder gar Produzent Akiva Goldsman zu suchen. Letzterer hat nämlich ein ganzes Team von Autoren zusammengestellt, um wie am Fließband einen Transformers-Film nach dem anderen für Paramount und Hasbro zu produzieren. Oder, hey, warum nicht gleich Paramount beschuldigen, die hätten schon längst aufhören sollen den letzten Cent aus der einzigen ertragreichen Melkkuh zu quetschen – neben Mission:Impossible.

Vielleicht liegt die Schuld auch in den Daten. Nach einer Reihe von Filmen, die diesen Sommer weder ihre kommerziellen Ziele noch die Kritikererwartungen erfüllt haben, machten einige Hollywood-Insider die Bewertungsseiten wie Rotten Tomatoes oder Metacritic dafür verantwortlich. Baywatch, Die Mumie, Pirates of the Carribbean: Salazars Rache – sie alle gingen gnadenlos unter, gefangen zwischen dem vernichtenden grünen Klecks des Tomatometers und dem Schwefelgelb der Eher-Geht-So-Wertung von Metacritic.

Will ich Menschen scheitern sehen?

Matt Atchity, Chefredakteur von Rotten Tomatoes

„Ich will, dass jeder Film gut wird. Das will ich wirklich. Ich hoffe, dass jeder Film, den ich sehe, gut ist”, sagt Matt Atchity, Chefredakteur von Rotten Tomatoes. „Will ich Menschen scheitern sehen? Nein. Ich will niemanden scheitern sehen.” Trotzdem tun sie es. Und vielleicht tun sie es wegen Rotten Tomatoes.

Gegründet im Jahr 1998 ging Rotten Tomatoes durch die Hände vieler Besitzer, zuletzt die Kinoticket-Seite Fandango. Sie ist wiederum selbst Teil von Warner Brothers und Comcast. Das Konzept ist simpel: Inspiriert von den ikonischen Filmkritikern Gene Siskel und Roger Ebert rechnet Rotten Tomatoes hunderte Kritikermeinungen in einfache Daumen-hoch/Daumen-runter-Bewertungen um und erstellt so ein Abbild, das die Gesamtqualität eines Films einfangen soll. Eben ein „Fresh” für gute Filme oder ein „Rotten” für schlechte. Wenn die Seite 100 Kritiken sammelt und zehn davon negativ sind, ist das eine Wertung von 90 Prozent.

Die Seite hat ziemlich klare Regeln, welche Kritiker und Online-Magazine sie mit einbezieht – etwa 2000 Kritiker sind grundsätzlich im Pool, kein Film bekommt allerdings von allen eine Bewertung.

Manchmal ist eine 2,5 von 5 bei einem Film bereits Rotten

Matt Atchity, Chefredakteur von Rotten Tomatoes

Einige Medien haben sich auf die binäre Einschätzung eingestellt und schicken gleich mit, wie Rotten Tomatoes ihre sicherlich nuanciertere Kritik zu kodieren hat. „Manchmal ist eine 2,5 von 5 eines bestimmten Kritikers Fresh, bei einem anderen Film vielleicht Rotten. Wir haben damit kein Problem”, sagt Atchity.

Metacritic wurde ein Jahr nach Rotten Tomatoes gegründet und arbeitet mit mehr Abstufungen in der Bewertung – und ist als Folge vielleicht weniger einflussreich. Die Seite aggregiert zudem Bewertungen von Computerspielen und führt Wertungen von 58 Quellen in eine 100-Prozent-Skala zusammen. Ein Film mit 3 von 5 Punkten ist eine 60 bei Metacritic, eine 7.2 vom Paste Magazine ist eine 72. Reviews von der New York Times werden von Hand kodiert. Filme qualifizieren sich mit vier Kritiken für einen Metascore.

Anders als Rotten Tomatoes gewichtet Metacritic den Einfluss einiger Kritiker höher als anderer. „Das ist unsere kleine Geheimformel. Und dabei belasse ich es”, sagt Keith Kimbell, Filmredakteur bei Metacritic. „Das ist etwas, was wir für uns behalten, um uns von einfachen Durchschnittswerten abzuheben.”

All das klingt vernünftig – harmlos sogar. Aber die Wertungen von Rotten Tomatoes tauchen nicht mehr nur auf der eigenen Seite auf, sondern auch in Kritiken und Artikeln über die Filme, sowie im Ticketauswahlmenü von Fandango. Im Vorfeld von Wonder Woman wurde der sehr hohe Score selbst zu einer Nachricht.

Die Geschichten verbreiten sich und der Score hat so einen Einfluss – vor allem auf die Meinung des jüngeren Publikums. „Sobald die Wertung von Rotten Tomatoes online geht, gehen die Unterhaltungen von Teenagern um 70 Prozent zurück”, erklärt Ben Carlson, Social-Media-Analytiker und Mitbegründer von Fizziology. „Weniger Menschen fahren einfach so um acht ins Kino und entscheiden, was sie sehen wollen. Sie kaufen vorher ihre Tickets, wählen ihre Plätze und diese Wertungen werden genau an dieser Stelle eingeblendet.”
In den letzten zwei Jahren ist der Einfluss von Rotten Tomatoes weiter gestiegen. „Schlechte Wertungen beeinflussen die Meinung stärker als gute Wertungen”, sagt Carlson. „Wenn du eine Wertung von unter 30 hast, befeuert das die Unterhaltungen über den Film stärker als ein Score von über 70.”

Deswegen kommen die Bewertungen schon vor dem eigentlichen Film heraus, also sobald die Rezensions-Embargos ablaufen. Das kann auch erst am Morgen des Filmstarts sein, oft auch schon vorher.

Rotten Tomatoes zeichnet zudem die Zuschauermeinungen auf. Das ist gut, oder? Das gibt Kinogängern die Chance, gegen die Tyrannei elitärer Kritiker mit hochnäsigem Arthouse-Geschmack anzukämpfen. Zuschauer haben Überraschungs-Flops wie Baywatch besser bewertet als Kritiker. Aber die Sache hat einen Haken. In jüngster Zeit verändern sich die Zuschauerwertungen plötzlich, sobald das Tomatometer ausschlägt. Mit anderen Worten: Zuschauer geben eine Bewertung ob, bevor sie den Film gesehen haben.

Zuschauer geben Mittelklassefilmen keine Chance mehr

Ben Carlson, Social-Media-Analytiker und Mitbegründer von Fizziology

Dieser Unterschied zwischen Kritiker- und Publikumsmeinung ist es, der Studiobossen das Herz bricht. Ein schlechtes Tomatometer zerstört das Einspielergebnis des Startwochenendes, eine schlechte Zuschauerwertung verhindert zusätzlich, dass der Film sich möglicherweise langsam zum Überraschungshit entwickeln kann.

Baywatch startete mit schlechten Rezensionen und guten Zuschauermeinungen. Doch dann: „Es gibt Zuschauer, die den Film sicherlich gemocht oder sogar geliebt hätten, wenn sie ihm eine Chance gegeben hätten. Rotten Tomatoes betrachtet Filme nur durch die Linse bestanden oder durchgefallen, mit wenigen Filmen, die dazwischen liegen. Und genau diesen Trend beobachten wir auch an den Kinokassen“, sagt Carlson. „Was folgt ist eine Art Austrocknung der Mittelklasse, weil Zuschauer diesen Filmen einfach keine Chance mehr geben.”

Das ist vor allem deswegen schädlich, weil sich Studios ohnehin schon von Mittelklasse-Filmen verabschieden. Also solchen mit geringerem Budget und originären Geschichten, die auf keinem zuvor erprobten Konzept basieren. Filme, die zu keiner Marke gehören, müssen dem Massengeschmack entsprechen, damit sie auf Rotten Tomatoes überhaupt punkten. Noch schlimmer, das binäre Ja/Nein-System kann Nischen-Filme sofort aus dem Ring werfen. Etwa Filme für Hardcore-Horror-Fans oder Filmfans aus Communities wie Schwarze, Araber und LGBTQ – jene Menschen, die sowieso unterrepräsentiert sind auf der großen Leinwand.

Auch die Zusammenstellung der Kritiken an sich schadet diesen Filmen. Der Kritiker-Pool selbst ist nicht vielfältig genug. Eine Studie aus dem Jahr 2016 hat beispielsweise herausgefunden, dass nur 27 Prozent der sogenannten Top Critics auf Rotten Tomatoes weiblich sind.

Die Erfolge von Get Out, Moonlight und La La Land beweisen, dass nicht jeder Nischen-Film automatisch verdammt ist. Alle drei waren mit geringem oder mittlerem Budget produziert worden und nicht gerade Sommer-Blockbuster, die von einer hohen Wertungen profitiert haben. Adam-Sandler-Filme und das 50-Shades-Franchise scheinen immun gegen Verrisse zu sein.

Kritiker waren von Kult-Klassikern selten begeistert

Aber wie würden alte Filme abschneiden, die heute Kult sind? Solche wie Tanz der Teufel, Blade Runner oder irgendein Slasher-Film der 80er Jahre? Die Kritiker waren schon damals nicht wirklich begeistert. Aber eine ausgewogene Rezension zu lesen, anstatt sich auf eine einzige Zahl zu verlassen, gab den Zuschauern die Chance, sich trotz schlechter Kritik für einen Film zu entscheiden.

Die Anzugträger in den Studios sollten uns aber nicht zu sehr leid tun – sie sind diejenigen, die begonnen haben, Rotten-Tomatoes-Wertungen in ihre 30-sekündigen TV-Trailer zu schneiden. Wer es auf eine 96er-Wertung abgesehen hat, muss eben auch damit leben können nur 60 zu bekommen. Vanity Fair berichtete von einer internen Studie bei 20th Century Fox, die davor warnt, dass sich Millenials immer mehr auf das Tomatometer verlassen. Der Hollywood Reporter zitiert eine ähnliche Studie von Paramount, die das gleiche Ergebnis hat. Die Studiobosse wissen genau, wohin es geht.

Laut Sprechern der Studios ist das Problem an Rotten Tomatoes nicht die Daten, sondern dass diese eigentlich keine sind. Das bedeutet: Es wird das Unquantifizierbare quantifiziert. Und damit haben sie nicht ganz Unrecht. In einer perfekten Welt schreiben Kritiker über Filme, indem sie ihre philosophische Bedeutung erörtern, über stilistische Besonderheiten sprechen und Aufschluss darüber geben, von wem die Filme kommen und für wen sie möglicherweise gemacht sind. Jeder Leser könnte dann für sich individuell einen Punktewert vergeben – Rotten Tomatoes kann das nicht.

Rotten Tomatoes erlaubt es Usern, sich durch Rezensionen zu klicken, eigene Redakteure schreiben ebenfalls Kritiken. Aber die Hauptfunktion der Seite ist das nicht. „Ich kann mir gut vorstellen, dass die Prozentangabe für einen Gelegenheitsnutzer reicht, der sich nur einen kurzen Überblick verschaffen will“, sagt Atchity. „Irgendwie ist es auch in unserem Interesse, so viele Besucher wie möglich zu den Rezensionen zu schicken. Wenn die Kritiker keinen Anreiz haben, bei uns mitzumachen, ist Rotten Tomatoes weniger nützlich.“

Niemand hat den Vorsatz einen schlechten Film zu drehen. Und Studios haben vielleicht noch das ein oder andere Ass im Ärmel, um die Vorherrschaft von Rotten Tomatoes zu überlisten. Als Präventivschlag haben sie bei Guardians of the Galaxy Vol. 2 interne Daten aus Testvorführungen geleakt, um die Vorfreude der Fans noch vor der Wertung des Tomatometer nach oben zu treiben. Auch könnten sie Pressevorführungen ganz abschaffen, laut Vanity Fair hat Fox das bereits in Erwägung gezogen. Bisher war es ein klares Signal, wenn auf eine Pressevorführung verzichtet wurde. Es bedeutete in etwa so viel wie: „Wir wissen, dass unser Film schlecht ist.” In Zukunft könnte das einfach nur vorausschauend sein.

Was passiert, wenn es in jedem internationalen Kinomarkt ein eigenes Rotten Tomatoes gibt?

Wer nicht gerade Disney ist, muss vielleicht auf Stoffe setzen, die keine internationalen Blockbuster mit Superhelden sein wollen. So wie Universal und Blumhouse interessante Horror-Filme (Split, Get Out) oder wie Illumination Animationsfilme (Sing, Minions) produzieren. Die Unternehmenskultur muss sich aber auch ändern. Disney überwacht den Produktionsprozess bekanntermaßen sehr sorgfältig. Warner Bros. gibt seinen Regisseuren dagegen sehr viel Freiheiten. Gut, wenn es sich um Christopher Nolan oder Patty Jenkins handelt, vielleicht weniger schlau bei anderen. Beide Herangehensweisen produzieren eine spezielle Art von Film. Bei Rotten Tomatoes kommt Disneys Ansatz allerdings besser an.

Trotz all des Händeringens laufen viele Filme, die in den USA floppen und schlechte Bewertungen bekommen, international überraschend gut – besonders in China. Das Publikum ist dort mehr auf große, effektgeladene Actionstreifen konditioniert und hat nicht die spätkapitalistische Wahl, statt ins Kino zu gehen, sechs hochwertig produzierte Folgen von Glow auf Netflix zu schauen. Am Ende wird es aber auch in jedem internationalen Kinomarkt ein Bewertungsportal wie Rotten Tomatoes geben. Und dann? Dann wird der Fluch der Pseudo-Daten abermals zuschlagen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com.
Das Original lest ihr hier.

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