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Warum wir beim Thema Hate Speech nicht auf die Politik warten sollten

Chris Köver 31.03.2017

In Deutschland dreht sich die Hate-Speech-Diskussion vor allem um illegale Formen auf Social Media, den trägen Umgang der Netzwerke damit und Forderungen nach Gesetzen. Auf der Bürgerrechtkonferenz RightsCon in Brüssel wartet niemand auf die Politik. Stattdessen diskutieren Aktivisten pragmatische Ansätze, mit dem Hass umzugehen – vom Auslachen über Solidarität bis hin zu Wegen, die Hetze in Geld für die gute Sache zu verwandeln. 

Bis zu 50 Millionen Euro Strafe. Das sieht Justizminister Heiko Maas in einem neuen Gesetzesentwurf vor, wenn Facebook, Twitter und andere Plattformen illegale Hassbotschaften nicht binnen 24 Stunden löschen. Auch auf der RightsCon in Brüssel dreht sich vieles um Gesetze und Regulierung. Hier sind kaum Hacker, die meisten der Anwesenden arbeiten für Nichtregierungsorganisationen, sie tragen Anzug, Budapester Schuhe und Aktentaschen.

Umso erstaunlicher, dass eines der Panels der Bürgerrechtskonferenz sich nicht die Bohne für juristische Maßnahmen interessiert, wenn es um den Kampf gegen Hass im Netz geht. Weder Löschung noch Laissez Faire, so der Titel der Diskussion in einem der kleinen Nebensäle des Crown Plaza Hotels. Hier sprechen die Aktivistinnen und Aktivisten lieber über das, was wirklich funktioniert: pragmatische Ansätze, um Hater erfolgreich in die Schranken zu weisen oder zumindest die Effekte des Hasses zu lindern.

Eine Mail an die Mutter des Haters wirkt manchmal Wunder

Susan Benesch kennt sie alle. Die ehemalige Journalistin und Juraprofessorin leitet am Berkman Center for Internet and Society in Harvard das Dangerous Speech Project, das seit Jahren zum Umgang mit Hass im Netz und zu effektiven Gegenmaßnahmen forscht. Zwei Jahre lang, von Mai 2014 bis März 2016, sammelte sie gemeinsam mit Informatikern der McGill University in Montreal Daten dazu, welche Reaktionen auf Twitter am effektivsten gegen Hassrede und extremistische Inhalte wirken. Die Ergebnisse stellt sie nun in Brüssel vor – und wer je als Frau, Journalistin, queere oder nicht-weiße Person auf Twitter oder an anderen Stellen im Netz unterwegs war, dem wird vieles davon bekannt vorkommen.

Ein Dauerbrenner unter den Reaktionen auf Hater ist das öffentliche Beschämen, etwa wenn jemand eine gegen sich gerichtet verbale Beleidigung mit den eigenen Followern teilt. Oder wenn, wie in Brasilien geschehen, rassistische Facebook-Kommentare gleich auf Werbeflächen in der ganzen Stadt plakatiert werden – bevorzugt in den Nachbarschaften, wo die Schreiber wohnen. Dazu müsse der Name der Person nicht mal genannt werden, erklärt Benisch: „Es reicht, wenn sie ihren eigenen Kommentar wiedererkennt und sich innerlich dafür schämt.“ Auch andere Methoden, Nutzer im Offline-Leben für ihre Online-Kommentare verantwortlich zu machen, seien in der Vergangenheit sehr effektiv gewesen: eine Mail an den Chef etwa oder im Extremfall an die Mutter eines Haters wirke manchmal Wunder.

Erfolg heißt auch, die psychologischen Effekte auf die Angegriffenen zu lindern

Die Diskussion auf der RightsCon machte aber auch schnell klar, dass es nicht nur darum gehen kann, auf die Urheber und ihre verletzenden Inhalte zu reagieren. Denn der Erfolg einer Invervention besteht nicht nur darin, jemanden zum Umdenken zu bewegen, der im Netz gegen andere Menschen hetzt. Erfolg, das kann auch heißen, die psychologischen Effekte zu lindern, die solche Angriffe auf die Angegriffenen haben.

Die US-Amerikanerin Emily May beschäftigt sich deswegen vor allem mit der Frage, wie man Menschen helfen kann, die zum Ziel werden. Ihr Projekt Hollaback! begann 2006 ursprünglich als Initiative gegen sexuelle Belästigung auf der Straße, schwappte dann aber schnell ins Netz über. Die Belästigung dort, sagt sie, folge ähnlichen Mustern wie auf der Straße – und könne mit ähnlichen Methoden bekämpft werden kann. Sie sprach mit Frauen, die attackiert wurden und fragte sie, was ihnen in der Situation am meisten geholfen hat. Die banale Antwort: Wenn Zuschauer und Beisteher sich solidarisierten. So entstand Heartmob, eine Community von Freiwilligen, die als eine Art mobile Einsatzgruppe verständigt werden kann und einem beispringt, wenn das eigene YouTube-Video gerade 10.000 Daumen runter erhalten hat oder Schlimmeres geschieht.

Bystander-Action heißt das und meint die Einmischung derjenigen, die einen hasserfüllten Kommentar oder eine Drohung mitverfolgen. Die Latte liege dabei ausgesprochen niedrig, sagt May: „Niemand muss ein Held sein und sich dazwischenwerfen. Meist reicht es schon aus, mit der Person Kontakt aufzunehmen und deutlich zu machen: ‚Hey, ich habe das auch gesehen und es war nicht in Ordnung.‘“

Während Emily May sich vor allem darauf konzentriert, das Trauma für die Angegriffenen möglichst gering zu halten, verfolgt Fabian Wichmann von der Anti-Nazi-Organisation EXIT die Strategie, rechte Hasskommentatoren auf die Palme zu treiben. Die von ihm entwickelte Kampagne Hass hilft, auf Englisch Donate the Hate, verwandelt rassistische Hetze in Geld. Für jeden in einer App gemeldeten Kommentar spenden Nutzer Geld an EXIT. Der Verfasser selbst bekommt eine automatisierte Nachricht: „Liebe/r ... Vielen Dank für deinen Hasskommentar. Du hast gerade unfreiwillig dabei geholfen, zehn Euro Spenden für EXIT einzusammeln.“ Hass hilft arbeitet also nicht nur mit öffentlicher Beschämung und Humor, zwei Klassikern unter den Gegenstrategien. Die Kampagne ärgert noch dazu den Gegner und funktioniert als Fundraising für eine Anti-Nazi-Organisation. Ein Hit. Im Anschluss an die Diskussion wurde Wichmann in Brüssel von kanadischen und amerikanischen Aktivistinnen umlagert. Alle wollten wissen, wie die App genau funktioniert.

Was hilft den Betroffenen? Welche Hebel setzen wir bei den Hatern an? Wie können wir Erfolg messen?

Der Nachmittag in diesem Raum des Crown Plaza wirkte wie Wundsalbe auf die wundgescheuerten Stellen, die die Debatte um die Löschung und Nichtlöschung von Hassbotschaften in den vergangenen eineinhalb Jahren hinterlassen hat. Denn während die deutsche Politik schon seit Jahren mit den großen Anbietern hin und her feilscht, wie diese ihre eigenen Kanäle überwachen sollen, wird hier so lösungsorientiert gedacht, wie man es sich auf politischer Ebene oft wünschen würde: Was hilft den Betroffenen? Mit welchen Hebeln setzen wir bei den Hatern an? Wie können wir den Erfolg von Interventionen messen?

Die Runde wirkte außerdem als Erinnerung daran, dass der allergrößte Teil des Hasses im Netz gar nicht in die Kategorie der illegalen Äußerungen fällt und niemals fallen wird, die Justizminister Maas derzeit im Visier hat. Jemanden dumm und hässlich zu nennen, ihm nahezulegen, er möge doch dorthin zurückgehen, wo er hergekommen ist, oder ihm eine Vergewaltigung zu wünschen, ist verletzend – gerade wenn es in der Masse geschieht. Aber es ist in Deutschland nicht strafbar. Es ist wie beim Hinterherpfeifen auf der Straße oder dem rassistischenSpruch in der U-Bahn: Wen sollte man da rufen? Dass in dieser Runde auf der RightsCon also niemand auf Hilfe von juristischer Seite wartet, ist nicht naiv, es ist schlicht realistisch. Für den Alltag viel wichtiger, das hat man im Anschluss verstanden, ist zu wissen, dass im Zweifelsfall jemand hinter einem steht.

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