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Nach Lobo-Absage: „Wir brauchen jetzt eine Rede zur Lage Europas“, sagt re:publica CEO Andreas Gebhard

Max Biederbeck 25.03.2015

Noch knapp vierzig Tage sind es bis zum Start der größten deutschen Digital-Konferenz re:publica. Im vergangenen Jahr kamen 6000 Besucher, die sich auf 350 Vorträgen mit digitaler Politik, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigten. Auch Sascha Lobo war dabei.  Der „Netzerklärer der Nation“ mit dem roten Irokesenschnitt hielt eine viel beachtete Rede zur Lage der Nation — und bescheinigte der Netzcommunity einen katastrophalen Zustand.

Gegenüber WIRED erklärt er in der aktuellen Ausgabe, daran habe sich nur wenig geändert. Desillusioniert will er diesmal keine Rede auf der re:publica halten. Eine Absage, die in den vergangenen Tagen für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat. Wir wollten die Meinung der Konferenz-Macher hören und haben uns mit re:publica Gründer und CEO Andreas Gebhard in Berlin getroffen. Wir sprachen über Lobo, die anstehende re:publica und darüber, wo die Gesellschaft digital steht.

Andreas Gebhard ist Gründer und CEO der größten deutschen Konferenz für digitale Kultur: re:publica

WIRED: Die Frage drängt sich geradezu auf. Sauer auf Lobo?
Andreas Gebhard: Sauer? Nein. Saschas inhaltliche Kritik gilt ja nicht der re:publica sondern der digitalen Szene insgesamt. Wir sind ihm für Jahre der Zusammenarbeit dankbar und er hat bei der vergangenen Konferenz viele wachgerüttelt. Ob sich seitdem nur wenig verändert hat, würde ich hinterfragen. Eine Bestandsaufnahme wird auf der re:publica stattfinden.

WIRED: Und sie wird zeigen?
Andreas Gebhard: Sie wird zeigen, dass es vielschichtige Entwicklungen gibt. Ich habe noch nie eine solche Zahl an neuen nutzerzentrierten Technologien gesehen wie in den letzten zwölf Monaten. Verschlüsselte Chattools, Dropbox-Alternativen, sicherere Cloud-Infrastrukturen oder User-Empowerment. Bei unserem Call-for-Papers reichte unsere Community über 943 Beiträge ein. Letztes Jahr waren es noch 650. Die Beteiligung ist also enorm gestiegen. Häufig sind das erst Ansätze, aber die Richtung stimmt.

WIRED: Dennoch. Es gibt kein Drum Herum, mit Lobo fällt ein sehr prominenter Keyspeaker weg.
Gebhard: Es geht ja bei Sascha nicht nur um den Inhalt, sondern vor allem um die Show. Wir wussten ja, dass er nicht kommt, weil er kein Paper eingereicht hat. Also kann man schon einmal nicht von einer Absage sprechen. Außerdem wollen wir  Themen auf viele Schultern verteilen und nicht nur auf einige wenige Leuchttürme. Ich wünsche mir etwa, dass dieses Jahr mehr weibliche Perspektiven eine wichtigere Rolle spielen.  

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WIRED: An wen denkst du da?
Gebhard: Wir können zum Beispiel seit heute Martha Fox als Rednerin präsentieren. Sie war ein „Digital Champion“ in England und Baroness im britischen Oberhaus. Sie ist aus Protest gegen Camerons krude Netzpolitik zurückgetreten. Ihre europäische Perspektive finde ich spannend. Andere Namen sind Ulrike Guérot vom European Democracy Lab, James Bridle, der Systeme hinter Computern sichtbar machen will oder die !Mediengruppe Bitnik. Deren legendärer Bot hat im Darknet Drogen eingekauft. Das alles sind Leute, die gleichzeitig reflektieren, aber auch handeln.

WIRED: Klingt, als wolltest du ein Ausrufezeichen gegen die Kritik Lobos setzen, man müsse weniger reden und mehr Aktion zeigen.
Gebhard: Nicht nur Sascha beschwört dramatische Veränderungen herauf. Viele andere tun das Gleiche. Sie fordern damit aber Lösungen, die auch in anderen Bereichen über Jahre und Jahrzehnte Entwicklung gebraucht haben. Man sollte den Finger in die Wunde legen, da bin ich mit ihnen allen einer Meinung. Wir müssen aber auch wissen, wo die richtigen Stellschrauben sitzen. Die digitale Gesellschaft, das ist kein Thema mehr für sich. Das Digitale sitzt in allen Bereichen unseres Lebens.

Internationale Unternehmen müssen sich fragen, ob sie sich noch alles erlauben können

WIRED: Ist das der Grund, warum die anstehende re:publica das Motto „Finding Europe“ führt? Das klingt nicht sehr digital.
Gebhard: Das tut es sehr wohl. Es geht darum, wie sich die Digitalszenen in den einzelnen europäischen Ländern entwickeln. Wir fragen nach der Abhängigkeit Europas von chinesischer Hardware und US amerikanischer Software, stellen so eine europäische Perspektive auf die Beine.

WIRED: Klingt aber ein wenig nach einer „Made in Europe“-Konferenz?
Gebhard: Überhaupt nicht. Hier geht es nicht darum, das eine ist schlecht und anderes gut, sondern um eine Standortbestimmung. Ja, wir schauen nach Alternativen und Nein: wir schotten uns nicht ab. Wir sprechen über die digitale Welt in der wir leben wollen und können. Ein Europa, in dem sich zum Beispiel auch internationale Unternehmen fragen müssen, ob sie sich noch alles erlauben können.

WIRED: Ihr habt mit Reed Hastings von Netflix selbst einen ziemlich prominenten Gast aus dieser Industrie eingeladen.
Gebhard: Genau. Er ist einer von über 300 Sprecherinnen und Sprechern. Was solche Firmen tun, hat einen riesen Einfluss auf unser Leben. Und klar, auch Hastings muss sich kritischen Fragen stellen: Wird er das Web der Zukunft als Abspielkanal sehen oder als neutrale Medienplattform und Infrastruktur. Wir von der re:publica glauben definitiv an letzteres. Und solche Fragen sind nicht national sondern international. So gesehen brauchen wir vielleicht gar keine Rede zur Lage der Nation mehr sondern viel mehr eine zur Lage Europas. Wir alle müssen uns weiterentwickeln. Dafür ist die re:publica der ideale Ort.

WIRED: Du klingst begeistert.
Gebhard: Das bin ich.

WIRED: Lobo hat uns auch gesagt „Leute, die so begeistert weitermachen wie früher, die sind nicht netzoptimistisch, die sind weltfremd“. Was sagst du?
Gebhard: Es fällt natürlich schwer, da nicht polemisch drauf zu antworten. Das würde ja  im Umkehrschluss bedeuten, man muss die Hände in den Schoß legen und abschalten, wenn man keine aktuelle Lösung hat.

WIRED: Die Alternative?
Gebhard: Wir brauchen mehr Reflektion über die Infrastrukturen, die wir nutzen. Ich möchte die Leute, die noch nicht an der Speerspitze der neuen digitalen Welt stehen nicht abkanzeln. Wir müssen sie abholen. Ich bin da weder zynisch noch desillusioniert, dass das klappen kann. Und ich sehe auch Sascha noch als jemanden, der das bewirken kann, auch wenn er diesmal nicht dabei ist. Vielleicht bereitet er sich ja auch nur auf den zehnten Geburtstag der re:publica nächstes Jahr vor.

Der Snowden-Schock traf Sascha Lobo hart. Wie viel Wut ist noch übrig? und was geschieht mit dem Internet? Das Gespräch mit Deutschlands Netzerklärer. Zum Interview.

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