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„Für irgendwas ist jeder Experte“: Quora startet in Deutschland

Domenika Ahlrichs 16.06.2017

Hier antworten Experten! Mit diesem Versprechen hat es das Frage-Antwort-Portal Quora in den USA zu einigem Erfolg geschafft. Nach sieben Jahren kommt nun die deutschsprachige Version. Brauchen die User wirklich noch eine Community? Der Bedarf ist da, sagt Gründer Adam D'Angelo.

Update: 11. Juli ist der Start-Tag für die deutsche Version von Quora.

Es gehört zum Wesen des Internets, dass sich dort auf alle Fragen irgendeine Antwort finden lässt – seien sie auch noch so abwegig, speziell oder provokant. Wer allerdings dieses „irgendeine“ unbefriedigend findet und sichergehen will, dass seine eine sehr konkrete Frage genau die eine sehr konkrete (und relevante) Antwort erhält, stößt schnell an Grenzen.

Frage-Antwort-Seiten gibt es viele, oft sind es Foren, in denen Themen mal mehr, mal weniger hilfreich diskutiert werden. Google bemüht sich, Suchende mit KI zur passenden Antwort zu bringen. Wikipedia übt sich in neutraler Beschreibung der Welt. Und natürlich hilft auch die eigene Timeline bei Twitter oder auf Facebook, wenn es um Informationen geht. „Alles gut“, sagt Adam D’Angelo, Gründer und CEO der Expertencommunity Quora. „Aber nichts davon überzeugt mich hundertprozentig“.

Einige Wochen vor dem Launch der deutschen Quora-Version am 11. Juli erklärt er im WIRED-Interview, warum diese aus seiner Sicht eine Lücke füllt und einiges anders macht als alle, die man Mitbewerber nennen könnte. Diesen Begriff will D’Angelo bewusst nicht selbst verwenden, weil jedes Portal seine Berechtigung und seine Fans habe und Quora nicht im Vergleich zu anderen, sondern aufgrund seiner Eigenheiten überzeugen solle.

WIRED: Sieben Jahre nach dem Launch von Quora in den USA haben Sie kürzlich eine spanische und auch eine französische Version gestartet. Die deutsche soll diesen Sommer folgen. Warum glauben Sie, dass es sich lohnt zu expandieren und Internetnutzern nun noch eine weitere Website anzubieten, die sie irgendwie sinnvoll in ihren Alltag quetschen sollen?
Adam D’Angelo: Wir haben Quora in den USA als qualitative Wissensplattform etabliert und merken zunehmend, dass Menschen von überall in der Welt darauf zugreifen, um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Gerade aus Deutschland ist die Zahl der nachvollziehbaren Zugriffe so hoch, dass da ein Bedarf zu sein scheint. Wir haben uns vorgenommen, das Wissen der Welt zu teilen und zu vermehren, und da viele Menschen zwar Englisch sprechen, sich in ihrer Landessprache aber wohler fühlen, war das der logische nächste Schritt.

Wikipedia ist eine gute Enzyklopädie, Quora ist eine Wissenscommunity, bei der eine Vielzahl von Antworten möglich sind

Adam D'Angelo

WIRED: Reicht den meisten nicht ein Angebot wie Wikipedia?
D’Angelo: Wikipedia hat den Anspruch, komplett neutral und objektiv zu informieren. Das macht das Angebot zu einer guten Enzyklopädie, aber Quora ist eine Wissenscommunity, bei der eine Vielzahl von Antworten möglich sind: Experten aus verschiedensten Bereichen geben ihre jeweils spezifische Sicht. Mithilfe mitlernender Algorithmen und ausgewählter Quora-Teilnehmer stellen wir sicher, dass diese Antworten qualitativ hochwertig sind. Sind sie es nicht, werden sie nicht gezeigt. Auch Meinung hat hier Platz, wenn sie gut begründet ist. Die Fragen sind übrigens ebenso einem Qualitätscheck unterworfen: Wir achten auf nicht-beleidigende Inhalte, auf Rechtschreibung und korrekte Satzstruktur.

WIRED: Wer sind Ihre Experten?
D’Angelo: Als wir 2009 in die englische Beta-Phase gestartet sind, haben wir zunächst alle unsere Freunde gebeten, Antworten zu geben – auf die Fragen, bei denen sie Expertenwissen hatten. Letztlich kennt sich jeder in einem bestimmten Bereich besonders gut aus, und sei es, dass er über seinen Heimatort Bescheid weiß oder ein ausgefallenes Hobby pflegt. Später kamen zahlreiche Wissenschaftler und andere Fachleute dazu. Wenn jemand eine Frage stellt, setzen wir Machine Learning ein, um die Frage erst einmal zu verstehen, ihre Qualität zu bestimmen und dann zu entscheiden, wer der Beste für eine Antwort wäre. Gibt es Antworten, ordnen wir diese wiederum genau den Nutzern zu, die sich aus Sicht unserer Algorithmen am ehesten dafür interessieren.

WIRED: Sie zahlen den Experten nichts, was treibt diese an, sich bei Quora zu engagieren?
D’Angelo: Das große Publikum ist das überzeugendste Argument für viele. Außerhalb von Quora ist es recht schwierig, aus dem Stand so viele Menschen zu erreichen. Selbst wenn jemand ein Blog hat, braucht es eine ganze Weile, eh die Zugriffszahlen denen von Quora ähneln. Zumal ein Blog bedeutet, dass man regelmäßig posten muss. Das ist hier nicht nötig.

WIRED: Sie betonen das oft Subjektive der Antworten. Wenn man sich auf Quora umsieht, sind vor allem aber auch die Fragesteller oft nicht auf Fakten aus, sondern suchen Rat für schwierige Entscheidungen, bitten um Hilfe bei der Bewertung persönlicher Ereignisse.
D’Angelo: Das ist das aus meiner Sicht Attraktive an Quora: In einem bestimmten Rahmen können User jede Frage stellen, die ihnen in den Sinn kommt. Verstößt sie gegen eine unserer Policies, kommt der Fragesteller nicht weiter, ist alles okay, mischen sich reine Informationsfragen mit Bitten um Feedback zu irgendeiner Angelegenheit.

Facebook hat ein Respekt-Problem, weil viele es zu sehr als ihren privaten Spielplatz ansehen, auf dem sie allein die Regeln bestimmen

Adam D'Angelo

WIRED: Wer Rat sucht, greift doch häufig auf seine Facebook-Freunde zurück. Warum Quora?
D’Angelo: Das eine schließt das andere nicht aus, aber ich denke doch, dass Antworten auf Quora den Vorteil haben, vorher einige Schleifen durchlaufen zu müssen. Man kann unser System mit einer Konferenz vergleichen: Es gibt eine Übereinkunft, auf welche respektvolle und hilfreiche Art miteinander kommuniziert werden sollte. Man soll sich sicher fühlen und den anderen vertrauen können. Wer sich nicht daran hält, muss raus. Facebook hat ein Respekt-Problem, weil viele diese Plattform zu sehr als ihren privaten Spielplatz ansehen, auf dem sie allein die Regeln bestimmen.

WIRED: Und jetzt sitzen bis zum Launch Mitarbeiter in Ihrem Büro an Übersetzungen englischer Fragen und Antworten ins Deutsche, um nicht ganz blank starten zu müssen?
D’Angelo: Das würde keinen Sinn ergeben, weil Fragen oft länderspezifisch sind – in Frankreich dreht sich zum Beispiel derzeit vieles um die Wahlen – oder sich aus anderen Gründen nicht so einfach übertragen lassen. In der Beta-Phase nutzen bereits einige von uns eingeladene deutschsprachige Tester die kommende deutsche Quora-Version. Betreut wird die erstmal von unserem Büro in den USA aus, aber wir gehen fest davon aus, dass wir dann irgendwann in Deutschland sitzen werden.

WIRED: Womit verdienen Sie Geld?
D’Angelo: Werbung. Aber davon werden die deutschen Nutzer eine ganze Weile verschont bleiben. Wir legen den Fokus erstmal darauf, ausreichend Teilnehmer zu kriegen, damit das Ganze Spaß macht.

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